ARD-DeutschlandTrend: US-Ansehen nach Angriff auf Tiefstand
SOURCE:Tagesschau
In der Bevölkerung herrscht Unverständnis über den US-Militäreinsatz in Venezuela, wie der ARD-DeutschlandTrend zeigt. Die Bundesregierung wird weiterhin kritisch gesehen, sie sammelt bei einem Thema aber Pluspunkte. Von C. Müller.
In der Bevölkerung herrscht Unverständnis über den US-Militäreinsatz in Venezuela, wie der ARD-DeutschlandTrend zeigt. Die Bundesregierung wird weiterhin kritisch gesehen, sie sammelt bei einem Thema aber Pluspunkte.
Die Intervention der USA in Venezuela am vergangenen Wochenende wird von den Deutschen mehrheitlich kritisch gesehen: 72 Prozent bewerten den Angriff der USA auf Venezuela und die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro als nicht gerechtfertigt; 12 Prozent finden das Vorgehen gerechtfertigt, weitere 16 Prozent wissen es nicht oder machen keine Angaben dazu.
Zum Vergleich: Den Militäreinsatz der USA im Irak bewerteten im April 2003 im ARD-DeutschlandTrend 80 Prozent der Deutschen als nicht gerechtfertigt, 14 Prozent hielten ihn damals für gerechtfertigt. Damals trauten sich insgesamt mehr Menschen ein Urteil über das Vorgehen der USA zu.
Geteiltes Stimmungsbild zu gewünschter Reaktion
Über die Bewertung des US-Vorgehens herrscht also große Einigkeit unter den Deutschen. Über die richtige Reaktion gehen die Meinungen dagegen auseinander. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes als "komplex", wofür die Bundesregierung sich Zeit nehmen wolle. Der Kanzler ergänzte, dass grundsätzlich im Umgang zwischen Staaten die Prinzipien des Völkerrechts gelten müssten.
Für diese eher verhaltene Reaktion äußern 39 Prozent der Deutschen Verständnis. Sie meinen: Deutschland und die EU sollten eher zurückhaltend sein, um Präsident Donald Trump nicht zu provozieren. Hingegen fordern 50 Prozent: Deutschland und die EU sollten sich deutlich gegen das Vorgehen der USA aussprechen, auch wenn das Trump verärgern könnte.
In dieser Frage zeigen sich die größten Unterschiede in der Bewertung zwischen AfD-Anhängern und den anderen Partei-Anhängern. Mehrheitliche Zustimmung für eine zurückhaltende Reaktion äußern einzig die Anhänger der AfD (58 Prozent). Die Unions-Anhänger sind am unentschiedensten: 45 Prozent wollen Trump nicht verärgern; 48 Prozent würden das mit einem deutlichen Statement in Kauf nehmen.
Bei Anhängern aus dem linken Parteienspektrum ist das Meinungsbild am eindeutigsten: Eine deutliche Ansprache gegenüber den USA wollen 69 Prozent der SPD-Anhänger und jeweils 78 Prozent der Grünen- und Linken-Anhänger.
Die Geschehnisse der letzten Tage und Wochen haben in Deutschland dem Ansehen der Vereinigten Staaten und des US-Präsidenten weiter geschadet. Lediglich jeder Achte (12 Prozent) bewertet die Arbeit Trumps derzeit positiv, nochmals etwas weniger als zu Beginn seiner zweiten Amtszeit. Zudem betrachten nur noch 15 Prozent die USA als vertrauenswürdigen Partner Deutschlands, so wenige wie nie zuvor im ARD-DeutschlandTrend.
Mit dieser Bewertung rangieren die USA fast auf Augenhöhe mit Russland. Dieses Land bewerten nur noch 9 Prozent der Deutschen als einen Partner, dem man vertrauen kann. Zum Vergleich: Über Frankreich sagen das 78 Prozent, über Großbritannien 74 Prozent. Die Ukraine liegt zwischen diesen Polen: 40 Prozent halten sie für vertrauenswürdig; 48 Prozent eher nicht.
Große Sorgen um Sicherheit
Vor knapp einem Jahr, kurz nach Beginn der zweiten Amtszeit Trumps, waren die Sorgen der Bürger um die Entwicklung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses und der Sicherheit auf dem Kontinent zwar noch etwas größer als aktuell. Damals hatte Trump Zweifel an der NATO-Beistandspflicht geäußert, gar ein Austritt der USA aus der NATO stand im Raum.
Aber auch aktuell überwiegt der sorgenvolle Blick: Dass in der Weltpolitik zunehmend das Recht des Stärkeren gilt, sorgt 81 Prozent. 69 Prozent sorgen sich um die Sicherheit in Europa. Am stärksten ausgeprägt ist die Sorge bei AfD-Anhängern: 78 Prozent äußern sich entsprechend. Und: Frauen (76 Prozent) sind besorgter als Männer (62 Prozent).
Das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland bereitet 62 Prozent Sorge. Ebenso bestehen bei der Mehrheit (70 Prozent) weiterhin Zweifel an den USA als Schutzmacht innerhalb des NATO-Bündnisses. Angesichts dieser Sorgen unterstützt weiterhin gut die Hälfte der Bundesbürger (53 Prozent) die Idee eines von der NATO unabhängigeren europäischen Militärbündnisses, und zwar über das gesamte Wählerspektrum.
Negativer Blick auf deutsche Verhältnisse bleibt
Die Bundesregierung ist weiterhin innen- und außenpolitisch stark gefragt. Dabei sieht sie sich einer Bevölkerung gegenüber, die neben der weltpolitischen Lage auch die Verhältnisse in Deutschland sorgenvoll betrachtet: 84 Prozent (+1 zu Februar 2025) sehen darin weiterhin Anlass zur Beunruhigung, 13 Prozent (+1) blicken mit Zuversicht auf das Land.
Zwei Themen waren auf der Problem-Agenda der Deutschen im vergangenen Jahr am drängendsten: Wirtschaft und Migration. Beides hatte auch die Regierung als prioritär eingestuft; Kanzler Merz will sich jetzt verstärkt der Wirtschaftspolitik widmen, wie er Anfang des Jahres in einem Brief an die Unions- und SPD-Fraktion verlauten ließ.
Damit nimmt er einen Druckpunkt der Bürgerinnen und Bürger auf. Denn nur 20 Prozent schätzen die wirtschaftliche Lage in Deutschland als positiv ein. Dies ist ein leicht besserer Wert als vor einem Jahr (+4 zu Februar 2025). Die Mehrheit (79 Prozent) hat aber weiterhin einen negativen Blick auf die Wirtschaftslage.
Kontrolle der Zuwanderung wird besser bewertet
Der Umgang mit der Zuwanderung wurde in den letzten zehn Jahren durchgehend als eines der drängendsten Probleme im ARD-DeutschlandTrend benannt. Die Bundesregierung, allen voran Alexander Dobrindt als CSU-Innenminister, hatte eine Neuausrichtung der Zuwanderungspolitik auf den Weg gebracht.
Die Anstrengungen werden von den Bürgern wahrgenommen: Die staatliche Steuerung der Zuwanderung wird deutlich milder bewertet als Anfang 2025: Jeder Dritte (32 Prozent) ist aktuell der Meinung, die Kontrolle darüber, welche und wie viele Zuwanderer nach Deutschland kommen, gelinge dem Staat sehr gut bzw. gut – das sind 23 Prozentpunkte mehr als im Januar 2025.
Aber die Kritik in dem Bereich überwiegt weiterhin: Wie Anfang 2025 hält eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger (61 Prozent) das Gelingen der Zuwanderungssteuerung momentan für weniger gut bzw. schlecht. In den Reihen der AfD-Anhängerschaft ist die Bewertung sogar faktisch unverändert.
Sonntagsfrage: wenig Bewegung
In der aktuellen Sonntagsfrage zeigt sich auch zu Jahresbeginn wenig Bewegung. Die Union verbessert sich zu Dezember um einen Punkt auf 28 Prozent. Die Unterstützung für die SPD gibt im gleichen Umfang nach und bewegt sich, wie zuletzt im vergangenen Sommer, bei 13 Prozent.
In fast 30 Jahren ARD-DeutschlandTrend hatten die Sozialdemokraten nur zweimal einen noch schwächeren Wert - im Juni und August 2019. Die AfD käme weiter auf 25 Prozent. Grüne und Linke liegen mit 12 bzw. 10 Prozent unverändert. Andere Parteien, darunter BSW mit 3 (-1) und FDP mit 3 Prozent (+/-0), blieben bei einem Wahlgang derzeit unter der bundesweiten Mandatsschwelle.
Untersuchungsanlage
Grundgesamtheit: Wahlberechtigte in Deutschland Erhebungsmethode: Zufallsbasierte Online- und Telefon-Befragung (davon 60 Prozent Festnetz, 40 Prozent Mobilfunk) Erhebungszeitraum: 5. bis 7. Januar 2026 Fallzahl: 1.323 Befragte (789 Telefoninterviews und 534 Online-Interviews) Gewichtung: nach soziodemographischen Merkmalen und Rückerinnerung Wahlverhalten Schwankungsbreite: 2 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 10 Prozent, 3 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent Durchführendes Institut: infratest dimap
Die Ergebnisse sind auf ganze Prozentwerte gerundet, um falsche Erwartungen an die Präzision zu vermeiden. Denn für alle repräsentativen Befragungen müssen Schwankungsbreiten berücksichtigt werden. Diese betragen im Falle einer Erhebung mit 1.000 Befragten bei großen Parteien rund drei Prozentpunkte, bei kleineren Parteien etwa einen Punkt. Hinzu kommt, dass der Rundungsfehler für kleine Parteien erheblich ist. Aus diesen Gründen wird keine Partei unter drei Prozent in der Sonntagsfrage ausgewiesen.