Bauarbeiten: Vollelektrische Baustelle - machbar oder Zukunftsmusik?
11. Januar 2026, 4:00 Uhr Quelle: dpa Baden-Württemberg

Lassen sich auf Baustellen CO2 und Lärm durch E-Geräte sparen? (Symbolbild) © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Baustellen mit weniger Lärm und weniger Abgasen? Klingt für Anwohner nach Wonne sowie für Bauarbeiter mit Blick auf die Gesundheit nach Schonung. Und dank Elektromaschinen könnte das nicht bloß Zukunftsmusik bleiben. Doch die Umstellung von Diesel auf Strom lohnt sich nicht immer. Es gilt mehrere Aspekte zu berücksichtigen und abzuwägen.
Praktische Erfahrungen wurden bislang nur in kleinem Maßstab gesammelt, wie der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) und der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie mitteilten. Der Netzbetreiber Netze BW hat im vergangenen Jahr an zwei Pilotbaustellen in Baden-Württemberg ausprobiert, ob diese komplett mit elektrischen Geräten betrieben werden können - und zwar vom Lastwagen über Bagger bis zu Rüttelplatte und Asphaltschneider.
Grundsätzlich sei das möglich, bilanzierte Projektleiterin Nadine Eisinger: «Es gibt für alles eine elektrische Variante, aber nicht unbedingt zehn Modelle zur Auswahl.» Doch die Entwicklung stehe noch am Anfang, sagte sie. Die Versuche hätten einige Schwierigkeiten deutlich gemacht.
Welche Lademöglichkeiten gibt es?
Wichtig sei vor allem eine geeignete Ladeinfrastruktur. In Rangendingen im Zollernalbkreis sei der Kettenbagger anfangs über einen Verteiler mit einer Leistung von 11 Kilowatt (kW) geladen worden. «Das lohnt nicht in der Mittagspause», sagte Eisinger. Schon für die Hin- und Rückfahrt verbrauche so ein Bagger relativ viel Strom. Am Ende seien eine bis anderthalb Stunden Arbeitszeit eingebüßt worden. Später sei eine mobile Ladesäule mit höherer Leistung eingesetzt worden - ohne Einbußen. In Bönnigheim im Landkreis Ludwigsburg wiederum seien mobile Speicher (Akkus) genutzt worden.
Die Bauindustrie mahnt in dem Kontext Bearbeitungs- und Genehmigungszeiten für einen leistungsfähigen Stromanschluss an. Bis ein Antrag genehmigt ist, dauere es oft 6 bis 18 Monate, teilte eine Sprecherin mit. «Dies entspricht in keinem Fall dem in der Praxis vertraglich geforderten Baubeginn.»
Der finanzielle und organisatorische Aufwand für einen E-Netzanschluss auf der Baustelle seien hoch im Vergleich dazu, dass Baumaschinen oft nur kurzzeitig eingesetzt würden. Danach sei ein Anschluss oft in der Form nicht mehr nötig.
Gesundheitliche Aspekte
Auch das Baupersonal müsse sich auf die elektrischen Geräte einlassen, sagte Eisinger. Nach ersten Vorbehalten hätten die Arbeiter bemerkt, dass der E-Bagger genauso gut graben könne wie sein konventionelles Pendant. Und welche Vorteile es gebe: «Sie konnten sich auf den Baustellen verständigen, weil es leiser war», sagte sie. Das sei auch unter Sicherheitsaspekten wichtig - wenn jemand zum Beispiel einen Kollegen suche. Laut Netze BW sank der Geräuschpegel beim elektrischen Bagger um etwa 40 Prozent und beim E-Lkw sogar um 99,9 Prozent im Vergleich zu konventionellen Geräten.
Außerdem stehe man etwa bei der Arbeit mit einer Rüttelplatte sonst voll in Abgasen, sagte Eisinger. Mit dem aktuellen Strommix werden den nach Angaben des Netzbetreibers mehr als die Hälfte der klimarelevanten Luftschadstoffemissionen eingespart, mit Grünstrom sogar bis zu 96 Prozent. Auch andere Schadstoffe wie Feinstaub seien deutlich reduziert.
Der ZDB hält das Konzept elektrifizierter Baustellen nicht zuletzt deshalb für sehr relevant. «Besonders überzeugend sind die verbesserten Arbeitsbedingungen ohne Abgasbelastung und mit deutlich reduziertem Geräuschpegel», erklärte Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa.
Kostenfaktor und Verfügbarkeit
Zentrale Herausforderungen bleiben nach seinen Angaben jedoch die technische Verfügbarkeit leistungsfähiger Maschinen sowie die Wirtschaftlichkeit im Regelbetrieb. Problematisch ist auch aus Eisingers Sicht im Moment, dass E-Varianten nicht so leicht verfügbar seien. «Bei einem Defekt ist es schwer, zügig Ersatz zu bekommen.» Auch hätten Baufirmen meist nicht sämtliche Geräte, sondern müssten sie sich ausleihen.
Das größte Problem seien die Kosten, erklärte Eisinger. Kleinere Geräte wie Stampfer kosteten 20 bis 30 Prozent mehr als konventionelle Versionen. Gerade bei größeren Maschinen gehe es aber schnell um den zwei- bis dreifachen Preis. Und davon braucht man viele, wie sie deutlich machte: «Bagger und Lkw sind die Dauerbrenner auf den Baustellen.»
Derzeit bestünden auch Unsicherheiten und Sicherheitsfragen beim Transport und Betrieb der Maschinen sowie ein Mangel an Standards etwa bei Steckertypen, erklärt der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie. So gebe es etwa wenig Erfahrungen mit der Lebensdauer von den verbauten teuren Batterien, in Werkstätten und beim Transport, vor allem im Umgang mit gegebenenfalls beschädigten oder defekten Akkus und der damit verbundenen Brandgefahr.
Die tatsächlichen Kosten einer elektrifizierten Baustelle - von der Anschaffung bis eventuell zum Stromspeicher - sind aus Sicht der Bauindustrie absehbar deutlich höher als die momentanen Kosten der Maschinenflotten. «Steigende Preise stehen im Widerspruch zum dringenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum und Infrastruktur-Erneuerung - egal ob öffentlich oder privat finanziert.»
Vorbild Oslo
Eisinger setzt darauf, dass sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren einiges tut. Technologischer Fortschritt, mehr Wettbewerb oder auch einfach Druck durch die Entwicklung der Energiekosten könnten hier Einflussfaktoren sein.
Die Fachleute können sich vollständig elektrifizierte Baustellen eher in städtischen Gebieten vorstellen: Hier sei die Anbindung an Ladeinfrastruktur besser, sagte Eisinger. Und Vorteile wie geringere Lärmbelästigung und niedrigere Schadstoffbelastung wirkten sich in dicht besiedelten Gebieten stärker aus. ZDB-Manager Pakleppa sagte mit Blick auf den Gesundheitsschutz: «Gerade im urbanen Umfeld steigert ein leiserer und emissionsärmerer Bau die Akzeptanz bei Anwohnerinnen und Anwohnern spürbar.»
Die norwegische Hauptstadt Oslo beispielsweise sei deutlich weiter, sagte Eisinger. Dort müssten alle öffentlichen Bauprojekte elektrifiziert werden, um die Emissionen zu drosseln. Hingegen weniger geeignet sind den Einschätzungen zufolge Baustellen ohne Möglichkeit zur Stromnetzanbindung oder Großprojekte wie Autobahnen, die einen vergleichsweise hohen Energiebedarf haben.
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