Dem Palästinenser-Hilfswerk UNRWA droht das komplette Aus
Israel versucht seit Langem, das UN-Palästinenserhilfswerk zu stoppen. Kürzlich hat das Parlament eine neue Maßnahme beschlossen: Den Einrichtungen von UNRWA soll Strom und Wasser abgedreht werden. Von Pia Steckelbach.
 im Lager Askar | AFP")
Stand: 10.01.2026 07:46 Uhr
Israel versucht seit Langem, das UN-Palästinenserhilfswerk zu stoppen. Kürzlich hat das Parlament eine neue Maßnahme beschlossen: Den Einrichtungen von UNRWA soll Strom und Wasser abgedreht werden.
Von Pia Steckelbach, ARD Tel Aviv
Baha Awad kämpft mit den Tränen. Der Palästinenser in Anzug und Schirmmütze, dreht sich weg von den Journalisten, denen er heute das Ausbildungszentrum zeigen will, das er leitet. Awad hat Angst, dass israelische Sicherheitskräfte das Zentrum stürmen könnten.
"Wir fürchten, dass sie jeden Moment kommen könnten. Unsere größte Sorge sind natürlich die Schüler. Werden sie kommen, wenn die Schüler hier sind? Werden sie uns vorwarnen? Wir wissen es nicht. Wir befinden uns mitten im Schuljahr. Wir können die Kinder nicht einfach so nach Hause schicken."
Mehr als 300 Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren lernen in dieser Berufsschule. Sie sollen Automechaniker, Elektriker oder Tischler werden und so bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Die Arbeitslosigkeit im Westjordanland ist hoch, die wirtschaftliche Lage schlecht.
Versorgung der Einrichtungen verboten
Die Schule besteht seit mehr als 70 Jahren. Sie liegt in Kalandia bei Ramallah, direkt hinter der Mauer, die das von Israel besetzte Westjordanland vom annektierten Ostjerusalem trennt. Sie gehört zum UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge, UNRWA.
Eigentlich hatte das israelische Parlament bereits 2024 beschlossen, jegliche Aktivitäten der UNRWA in von Israel kontrolliertem Gebiet zu stoppen.
Jetzt wurden die Gesetze weiter verschärft und umgesetzt, die Versorgung von UNRWA-Einrichtungen mit Strom und Wasser gesetzlich verboten. Das Gelände der Berufsschule in Kalandia und die Büros in Ostjerusalem können von israelischen Behörden beschlagnahmt werden.
Ohne UNRWA "mehr Armut, mehr Instabilität"
UNRWA ist die größte Hilfsorganisation in den palästinensischen Gebieten, betreibt Schulen und liefert medizinische Versorgung. Roland Friedrich ist Lokaldirektor der UNRWA. Seit fast einem Jahr kann er nicht mehr einreisen. Israel stellt ihm kein Visum aus.
Er fürchtet weitreichende Folgen, sollten die Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden. "Letztendlich würde das heißen im konkreten Fall von UNRWA, dass derzeit 48.000 Schülerinnen und Schüler von Klasse 1 bis 9 von heute auf morgen ihren Zugang zur Bildung verlieren würden", so Friedrich.
Es würde auch bedeuten, "dass 43 Gesundheitszentren mit knapp 900.000 registrierten Patienten ihre Arbeit einstellen müssten und damit viele, gerade chronisch Kranke ihren Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen verlieren würden, und dass 270.000 Menschen keinerlei Unterstützung mehr bekommen können", sagt Friedrich. Und das würde bedeuten: mehr Armut, mehr Instabilität, mehr Potenzial für Radikalisierung.