"Der Fremde": Arktis in Algier
François Ozon gelingt eine kalte Übersetzung von Albert Camus' Roman "Der Fremde" – weil er nicht versucht, das Unerklärbare auf eine menschliche Temperatur zu bringen.
Z+ (abopflichtiger Inhalt); "Der Fremde": Arktis in Algier
François Ozon gelingt eine kalte Übersetzung von Albert Camus' Roman "Der Fremde" – weil er nicht versucht, das Unerklärbare auf eine menschliche Temperatur zu bringen.
1. Januar 2026, 19:05 Uhr
Ihr Browser unterstützt die Wiedergabe von Audio Dateien nicht. Download der Datei als mp3: https://zon-speechbert-production.s3.eu-central-1.amazonaws.com/articles/4fe75331-b0dd-4b7d-8185-3584404877d7/full_7cb8f03d97ca2c7033086685285f8dc6a7944ba7f9ae746089008fc02a08c1d59128970ceb88220df6fc5e330a1a7497.mp3

Für Abkühlung sorgt in François Ozons Verfilmung von "Der Fremde" die historisierende Schwarz-Weiß-Optik. © Carole Bethuel/Foz Gaumont/France 2 Cinema/Weltkino
Es war wegen der Sonne. Auch wer Der Fremde von Albert Camus nicht gelesen hat, kennt vielleicht diesen Satz. Er soll einen Mord erklären, begangen zur Mittagszeit, als die Sonne am höchsten stand, an einem Strand in der Nähe von Algier. Ein Franzose, er heißt Meursault, erschießt einen Araber, der ihn mit der Klinge seines Messers blendet. Er gibt einen tödlichen Schuss ab, wartet einen Augenblick und schießt dann noch viermal auf die Leiche. Jeder Schuss, schrieb Camus, war ein Schlag, mit dem Meursault "an das Tor des Unglücks hämmerte". Doch interessierte Camus sich in seinem legendären Roman aus dem Jahr 1942 gar nicht für den Mord. Gemordet wird alle Tage. Im Sommer 1939, als Camus noch Reporter bei der franko-algerischen Tageszeitung Alger républicain war, gab es allein in Algier drei Mordprozesse, in denen die Sonne und der Alkohol eine Rolle spielten. Der Skandal des Romans ist die Gefühllosigkeit des Mörders. Der Mann hat kein Motiv und keine Erklärung für seine Tat. Er zeigt keine Reue, bittet nicht um Vergebung und hat auch beim Tod seiner Mutter nicht geweint. Am Nachmittag ihres Begräbnisses ging er mit seiner Freundin baden und ins Kino. Die französische Justiz verurteilt ihn vor allem für seine Gleichgültigkeit zum Tode.
Meer, Licht und Liebe sind die einzig gültige Währung
Wer Der Fremde verfilmt, muss Bilder für die emotionale Gefrierstufe des Romans finden, in dem ein junger Mann die zivilisatorischen Standards der Gesellschaft, in der er lebt, nicht versteht und nicht verstehen will. Camus porträtiert ihn ähnlich wie sich selbst in seinem autobiografischen Roman Der erste Mensch als einen von westlicher Sozialisation verschonten Menschen des Mittelmeers, der durch den unbeabsichtigten Mord am Strand aus dem Paradies vertrieben wird, in dem das Meer, das helle Licht des Südens und die körperliche Liebe die einzig gültige Währung sind. Christliche Moral und Sentimentalität, beruflicher Aufstieg und Ehrgeiz sind für ihn eine aus Paris importierte Fremdwährung. Aus welchem Grund Meursault alle Ansprüche so kalt zurückweist, die eine moderne Gesellschaft an das Innenleben ihrer Mitglieder stellt, bleibt im Roman unerklärt. Er kontert alle Forderungen aus dem bürgerlichen Währungsgebiet nur kühl mit dem Satz: "Das hat keine Bedeutung." Für den Nietzsche-Leser Camus war der Fremde ein heroischer Fatalist, der nach dem Sisyphos-Motto lebt: "Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann."
Luchino Visconti hat Der Fremde 1967 mit Marcello Mastroianni als überforderten Latin Lover Meursault in Farbe verfilmt, ohne für das neueste Pariser Cool und das absurde Lebensgefühl des Romans eine überzeugende Idee zu haben. Die wichtigsten Passagen des Buches wurden im Voiceover nach den Vorgaben der Witwe Francine Camus sicherheitshalber einfach seitenweise vorgelesen.
Stereotypen der kleinbürgerlichen Kolonialgesellschaft
Die neue Adaptation von François Ozon ist ein weitaus ehrgeizigerer Film, weil er der Versuchung widersteht, das Unerklärbare nachträglich auf eine annehmbare menschliche Temperatur zu bringen, um die schroffe Fremdheit des Romans abzumildern. Für Abkühlung sorgt seine historisierende Schwarz-Weiß-Optik, die mit minimalistischer Strenge und starken Licht- und Schattenkontrasten den existenzialistischen Ernstfall unterstreicht. Die strenge Typisierung der Figuren lässt kaum neuzeitliche Nestwärme aufkommen. Von eiskalter Schönheit ist vor allem Meursault (Benjamin Voisin), der als kettenrauchender Erzengel des Existenzialismus zu den Sphärenklängen von Fatima Al Qadiri durch das koloniale Algier schreitet, ohne eine Miene zu verziehen. Die Nebenfiguren, der aufgeblasene Nachbar, der den Fremden in seinen Streit mit den Arabern verwickelt, der einsame Alte, der in einer Kampfsymbiose mit seinem räudigen Hund lebt, die schöne Marie (Rebecca Marder), die den Fremden liebt und heiraten will, sind boulevardeske Stereotypen der versunkenen kleinbürgerlichen französischen Kolonialgesellschaft der Zwischenkriegszeit.
Marie (Rebecca Marder) will den schönen Fremden (Benjamin Voisin) gern heiraten. © Carole Bethuel/Foz Gaumont/France 2 Cinema/Weltkino
Eine besondere Herausforderung sind Zeit und Ort der Romanhandlung. Die arabische Bevölkerung blieb in dem vor kolonialem Hintergrund spielenden Romanklassiker eine anonyme Masse stummer Statisten. Der erschossene Araber hatte bei Camus weder ein Gesicht noch einen Namen, was den algerischen Autor Kamel Daoud im Jahr 2014 veranlasste, einen Gegenroman aus der Perspektive des arabischen Opfers zu schreiben (Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung). Auch gewährte Albert Camus, der 1913 geborene Sohn einer nahezu stummen, analphabetischen Putzfrau aus dem Armenviertel von Algier, seinen weiblichen Charakteren grundsätzlich nur stark begrenzte Redezeit.
Behutsame Korrektur der Leerstellen
Der Film versucht diese Leerstellen behutsam zu füllen, ohne das über achtzig Jahre alte Werk brachial postkolonial und postpatriarchal zu korrigieren. Gedreht wurde aufgrund der aktuell angespannten französisch-algerischen Beziehungen zwar in Tanger, doch wird an die algerische Kolonialzeit durch historische Einspielungen aus der Zeit des Unabhängigkeitskampfes erinnert. "Algerie Front de la liberté" liest man in großen Lettern auf einer alten Steinmauer. Mit dieser Parole wurde bereits in den 1930er-Jahren für die Unabhängigkeit Algeriens gekämpft, von der bei Camus keine Rede ist. Hinzugefügt wird außerdem ein kurzes, einfühlsames Frauengespräch zwischen der arabischen Schwester des Ermordeten und Marie, der französischen Freundin des Fremden, das bei Camus undenkbar wäre. Die letzten Bilder zeigen demonstrativ das Grab des ermordeten Arabers, auf dem Grabstein steht sein ebenfalls neu hinzuerfundener Name: Moussa Hamdani. So viel sanfte Aktualisierung hat Camus' inzwischen 80-jährige Tochter Catherine Camus, die über das Werk ihres Vaters noch bis zum Jahr 2030 ein unnachgiebiges Regiment führen darf, offenbar zugelassen.
Das überraschend redselige Ende des jungen Mörders, der nicht weiß, warum er mordete, hält sich streng an die Vorgaben des Romans, der ein biblisches Finale vorsieht: Ein Priester besucht den Verurteilten in der Todeszelle. Doch die Predigt hält der Mörder, der bisher fast nur geschwiegen hat und plötzlich reden kann wie ein Staatsschauspieler. Ein Frauenhaar, donnert er, sei mehr wert als der Gott des Priesters, den er einen lebenden Toten nennt. Es ist Camus' eigenes Evangelium aus Mittelmeer, Sonne und Sinnlichkeit, das da zum Vortrag kommt. Die Herren werden sich nicht einig, die Wärter bringen sie auseinander. Und weil Camus den Helden seiner erhabenen Sinnlosigkeit nicht ganz ungetröstet aufs Schafott schicken will, lässt er ihn in seiner letzten Nacht ein letztes Mal einen Blick in den Himmel werfen, der plötzlich wie in der Christnacht "voller Zeichen und Wunder" ist. "Zum ersten Mal", so die legendäre Formulierung, öffnet der ungläubige Wilde sich da für "die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt". Auch bei Ozon sinkt der seltsame Trost des kleinen Wortes "zärtlich" im Voiceover sanft wie eine Schneeflocke aus dem kalten Kosmos auf den Todeskandidaten herab. Vielleicht ist doch nicht alles verloren.