Gefechte in Aleppo: Was hinter den Gefechten in Nordsyrien steckt
SOURCE:Zeit Online|BY:DIE ZEIT: Ausland - Christian Vooren
In Aleppo beschießen sich die kurdisch geführte SDF und Regierungstruppen. Das hat mit einem abgelaufenen Abkommen und einer ungelösten Frage seit Al-Assads Sturz zu tun.

In Aleppo beschießen sich die kurdisch geführte SDF und Regierungstruppen. Das hat mit einem abgelaufenen Abkommen und einer ungelösten Frage seit Al-Assads Sturz zu tun.
8. Januar 2026, 19:06 Uhr
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Etwa 50.000 Menschen in der syrischen Provinz Aleppo sind derzeit im eigenen Land Vertriebene. Immer noch, gut ein Jahr nach dem Ende des Bürgerkrieges. Ihre Zahl sinkt jedoch nicht, vielmehr steigt sie in diesen Tagen. Denn wieder wird in der vom Krieg schwer zerstörten Region im Nordosten des Landes gekämpft – mit erheblichem Eskalationspotenzial.
Dort beschießen sich Regierungstruppen und Mitglieder der Syrian Democratic Forces (SDF). Die SDF sind eine kurdisch geführte Miliz, die während des Bürgerkriegs zur Verteidigung der kurdischen Autonomiegebiete im Norden Syriens gegründet wurde.
Die Armee der Regierung um Interimspräsident Ahmed al-Scharaa beschuldigt die SDF, zuerst mit Drohnen und Raketen angegriffen zu haben. Daraufhin hätten die Regierungstruppen auf militärische Einrichtungen der SDF geschossen. Mindestens zwölf Menschen sollen dabei am Mittwoch getötet worden sein. Die Gewalt schaukelt sich bereits seit Tagen hoch, Angaben zu Opferzahlen variieren. Klar scheint jedoch, dass auch Zivilisten unter den Toten sind, darunter mindestens ein Kind. Und die Zahl steigt, während die Kämpfe heftiger werden.
Am Mittwoch hatte die Regierung die Bewohnerinnen und Bewohner mehrerer Viertel in Aleppo-Stadt aufgefordert, die Gegend zu verlassen. Vor allem die beiden unter Kontrolle der SDF stehenden Viertel Scheich Maksoud und Aschrafija waren betroffen, die Regierung erklärte sie ab nachmittags zu militärischem Sperrgebiet. Am Donnerstag folgten weitere Evakuierungsanordnungen. Dazu seien humanitäre Korridore eingerichtet worden. Die Provinzregierung wiederum ließ den Flughafen von Aleppo sowie alle öffentlichen Einrichtungen und Schulen schließen.
Dass die Gewalt im Norden Syriens eskaliert, hängt mit einem ungelösten Problem und einer abgelaufenen Frist zusammen. Dazu muss man zunächst einmal auf die syrischen Verhältnisse nach dem Sturz von Diktator Baschar al-Assad schauen. Nach Jahrzehnten der Diktatur und 14 Jahren Bürgerkrieg wurde Al-Assad nach einer kurzen Offensive von seinen Gegnern am 8. Dezember 2024 gestürzt. Angeführt hatte den Feldzug die islamistische Miliz Hajat Tahrir al-Scham, kurz HTS. Ihr Kommandeur, Ahmed al-Scharaa, ist heute Interimspräsident in Syrien.
Al-Scharaa beteuert seither, einen moderaten Kurs einschlagen zu wollen, sucht die Annäherung an den Westen und verspricht, alle Minderheiten im Land zu schützen und sichert ihnen gleiche Rechte zu. Zwar gibt es Anzeichen dafür, dass er es mit diesem Kurs ernst meint, doch es gibt auch berechtigte Zweifel daran, ob er in der Lage sein wird, das durchzusetzen.
Insbesondere zwei Vorfälle aus dem vergangenen Jahr bekräftigen diese Skepsis. Zum einen kam es im März 2025 zu einem Massaker an der syrischen Küste, besonders um die Stadt Latakia herum. Dort leben vorwiegend Alawiten – jene Minderheit im Land, der auch die Assads angehören. Frühere Anhänger des Regimes sollen dort Sicherheitskräfte angegriffen haben, die als Reaktion zahlreiche Alawiten getötet haben sollen, darunter sehr viele Zivilisten. Insgesamt starben in wenigen Tagen weit mehr als tausend Menschen. Etwas Ähnliches wiederholte sich im Sommer in der südsyrischen Provinz Suweida, die hauptsächlich von der Minderheit der Drusen bewohnt wird.
Beide Gewaltausbrüche ließen Kritik an der Regierung und an Al-Scharaa aufkommen. Entweder, so der Vorwurf, Al-Scharaa meine es doch nicht so ernst mit dem Schutz aller Minderheiten im Land, oder er habe seine eigenen Truppen nicht im Griff. Letzteres wird insbesondere dadurch begründet, dass die Interimsregierung samt ihren Sicherheitskräften alles andere als ein homogener Block ist. Sie ist vielmehr ein Zusammenschluss zahlreicher früherer Milizen, die in der Vergangenheit gegen unterschiedliche Gruppen im Bürgerkrieg gekämpft haben, darunter gegen Al-Assads Schergen genauso wie gegen den sogenannten Islamischen Staat. Und: Die HTS hatte damals auch gegen kurdische Milizen im Norden des Landes gekämpft. Dort, wo sie einander nun wieder gegenüberstehen.
Beide Seiten beschuldigen sich
Die Situation ist verwickelt. Kurden bilden mit etwa zehn Prozent die größte Minderheit in Syrien, während des Bürgerkrieges haben sie sich im Norden des Landes eine weitgehend autonome Zone errichtet, eigene Kampfeinheiten und mehr.
In dem Versuch, das Land nach Al-Assads Fall zu einen, versprach Präsident Al-Scharaa jedoch, die unterschiedlichsten Rebellengruppen und Milizen im Land in die Armee der Regierung zu integrieren. Da die Kurden der Sache aus leidiger Erfahrung aber nicht trauten, weigerten sie sich bisher, ihre Autonomie aufzugeben. Sie bevorzugen ein föderalistisches System.
Das führte zu der Frist, die Teil der aktuellen Eskalation ist. Um dieses Problem zu lösen, unterzeichneten der Oberbefehlshaber der SDF und Al-Scharaa im März vergangenen Jahres ein Abkommen, in dem sie sich vornahmen, das Dilemma schrittweise zu beseitigen. Eigentlich sollte laut dem März-Abkommen der Prozess zum Jahresende 2025 abgeschlossen sein, bloß sind bis dahin keine wesentlichen Schritte unternommen worden. Beide Seiten warfen sich immer wieder vor, den Prozess zu blockieren. Bereits im Oktober und im Dezember kam es deswegen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.
Vertagung oder Eskalation
Nun, da die Frist verstrichen und das Problem nicht gelöst ist, bleiben bloß noch zwei realistische Optionen. Die eine wäre, sich auf eine Fristverlängerung zu einigen. Geklärt wäre dadurch noch immer nichts, aber zumindest die Gewalt könnte auf diese Weise vorerst gestoppt werden. Mittlerweile haben sich die USA als Vermittler eingeschaltet. Die US-Regierung hatte die SDF während des Bürgerkriegs unterstützt, da sie einen erheblichen Anteil am Kampf gegen den IS hatten. Gleichzeitig pflegen die USA mittlerweile ein relativ gutes Verhältnis zur Übergangsregierung und zu Präsident Al-Scharaa.
Bislang scheinen die Gespräche jedoch keinen Erfolg erbracht zu haben. Auch am Donnerstagnachmittag verschärften sich die Kämpfe weiter. Das ist Option zwei: eine Eskalation der Gewalt. Die syrische Armee kündigte eine "begrenzte Militäroperation" an und setzte Artillerie ein; mittlerweile sind weit über 10.000 Menschen geflohen. Ab dem Nachmittag verhängte die Armee eine Ausgangssperre für mehrere Viertel von Aleppo. Die Hilfsorganisation Help musste ein Gesundheitszentrum schließen und warnte vor den humanitären Folgen der Kämpfe. Die Hälfte des syrischen Gesundheitssystems sei durch den Bürgerkrieg ohnehin zerstört.
Sollten sich Regierung und SDF also nicht schnell einigen, droht die Gewalt weiter zu eskalieren. Die Türkei kündigte bereits an, die syrische Armee bei Bedarf im Kampf gegen die Kurden zu unterstützen.