Gute Momente: Mely Kiyak erzählt Geschichten
Vor einiger Zeit sah ich einen Film über das Magazin New Yorker, das seinen 100. Geburtstag feiert. Dorothy Parker, Hannah Arendt, James Baldwin, Truman Capote, Susan Sontag, Philip Roth, John Updike, Zadie Smith, die großen Guten eines alten Amerika schrieben und schreiben für das Magazin, von dem alle europäischen Autoren träumen, dass es auch einmal zu ihrem publizistischen Zuhause wird. In Berliner Intellektuellen-Haushalten stapeln sich die New Yorker-Ausgaben zu Beistelltischen, auf denen man den Tee oder Champagner abstellt und sich gegenseitig versichert, dass man sich dem Guten und Schönen verpflichtet fühlt. So wie man es sicher auch in Madrid, Paris oder Oslo tut. Ein Magazin, das auch deshalb so bemerkenswert ist, weil es den investigativen Journalismus gleichwertig zur Literatur behandelt. Es schreibt nicht nur über Kunst, es ermöglicht und veröffentlicht sie. Und dann wurden noch die Sphären dazwischen erfunden, New Journalism war so ein Raum außerhalb der bekannten Gattungen. Genauso wie das Schreiben der Joan Didion. Lange vor Das Jahr des magischen Denkens schrieb sie als Essayistin und Reporterin für das Blatt.
Das alles ist in dem Geburtstags-Film, der gerade auf Netflix läuft, nicht thematisiert, weil ein 100-jähriges Magazin natürlich Stoff für einen Mehrteiler auf Lager hat und man sich besser auf ein paar wenige Erzählstränge konzentriert. Die Zeichner des Magazins beispielsweise, die Cartoons und Strips, das ungewöhnliche Auswahlverfahren, wer wann zeichnen darf. In dem Film gibt es eine Stelle, an der Chefredakteur David Remnick seine Vision formuliert, er wolle, dass das Magazin "excellent" sei, "and I want it to be humane." Ich habe mich in meinem Leben mit einigen Chefredakteuren unterhalten oder Interviews mit ihnen gelesen. Natürlich ging es immer auch darum, wohin eine Zeitung steuern solle, um "das Abbilden" irgendwelcher Meinungen, "Umstrukturierung" und darum, den Anschluss in "ein neues Zeitalter" nicht zu verpassen. "Herausforderung" ist auch so ein Begriff. Ich kannte mal einen Chefredakteur, der auf die Frage, wie es ihm geht, laut seufzte und sagte: "Ach du, ich bin froh, wenn ich täglich meine Zeitung vollkriege".
Wem oder was sind Zeitungen und Magazine verpflichtet? Den Leserinnen oder ihren Meinungen? Der Politik mit ihren lächerlichen Dichotomien, als gäbe es immer nur zwei Perspektiven, als wäre das Leben wirklich eine Medaille mit zwei Seiten? Und wie erfrischend und geradezu lebensbeatmend wirkt hingegen ein Verantwortlicher eines Magazins, der auf die Philosophie seiner publizistischen Verantwortung mit "Exzellenz und Menschlichkeit" antwortet. Was für eine Kraft und Mut von diesen Worten ausgehen. Wäre das auch was für mein Schreiben, überlegte ich. Würde mir das Autorinsein leichter von der Hand gehen, wenn ich nur den Anspruch verfolgte, exzellent und menschlich zu schreiben? Einmal abgesehen davon, dass David Remnick dieses Ziel nicht an den einzelnen Autor und dessen Text stellt, sondern an die Ausgabe als Ganzes. Die Antwort lautet eindeutig nein.
Denn beim Schreiben geht es vor allem um eine innere Ordnung, die man nicht mit Anforderungen von außen überladen darf. Und trotzdem fühlte ich pures Glück, weil es auf der anderen Seite der Welt, in diesem Amerika, vor dem wir uns so fürchten, einzelne Leuchttürme gibt, die sich nicht genieren, auf einfache und klare Weise ganz und gar unmissverständlich zu formulieren, was sie für die Publizistik anstreben. Denn unsere Medien sind Wegbereiter, für das was kommt. Zivilisatorische Tabubrüche geschehen zuerst dort. Vorausgesetzt man lässt es zu. Wie tröstend ist es, jemanden zu sehen, der sich diesem Trend nicht hingibt und die Kraft einer 100-jährigen Geschichte hinter sich weiß, die das Böse hat kommen und gehen sehen und diesem Auf und Ab mit einer großen Klarheit begegnet und sich einfach nur das vornimmt: Humanistisch zu bleiben und außergewöhnlich.
"Gute Momente" von Mely Kiyak sind als Buch erschienen: mikrotext; 224 Seiten, 25,00 €; E-Book 12,99
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31.12.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 01
Vor einigen Wochen, ich erzählte es an dieser Stelle, war ich im Berliner Zoo. Eine eigentümliche Erfahrung war es, die Kreaturen eingesperrt zu sehen. Das Unglück, das sie durchlebten, hing in den drapierten Bambussen, den künstlichen Felsen, es begehrte von den schmutzigen Kacheln des Affenhauses auf. Etwas Dunkles und abgründig Menschliches flimmerte aus dieser Erfahrung, die zu beschreiben ich nicht gut in der Lage war. Und also forderte ich – als hätte ich Macht, als stünde es mir zu – einen Dichter, den ich nicht persönlich kenne, aber über den ich alles weiß, ich las schließlich seine Gedichte, mir bis Weihnachten ein Gedicht über den Zoo zu schreiben. Sie können es alle nachlesen, genauso war es. Ich schrieb: Björn Kuhligk, dichten Sie! Dies hier ist mein Platz. Von hier aus kann ich Befehle senden, träumen. Man wird sich doch noch etwas Kunst wünschen dürfen!
Nun erreichte mich, zusammen mit einem Brief von ihm, dieses Gedicht:
In der Mitte der Stadt
Von Björn Kuhligk
Es ist Familientag, die Tiere sind sortiert
im Haus der Volieren fehlt der Himmel
das Nashorn in seinem Kettenhemd
das Sand aufwirbelt mit jedem Schritt
die Elefanten verstauben, die Pelikane
haben hier nichts zu suchen, die Pelikane
sind müde, alles über ihnen, könnten sie erinnern
ist nichts als Erinnerung und der Affe
dieser eine Affe in der Mitte der Stadt
sieht uns an und wir in den Windjacken
sehen ihn an, das ist schon alles
(für Mely Kiyak)
Was für ein Geschenk, so voller Güte und Warmherzigkeit, von einem mir fremden, nahen Menschen. Weihnachten.
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24.12.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 52
Das Mutter, die Vater, der Leben. Sprache stolpert mit Gewürzen durch die Zunge. Wenn ich gehe, gehe ich zu zweit, zu dritt, zu fünft. Der Blick zurück taugt nichts, da ist nur Nebel und die übervolle Vorratskammer der Mutter. Getrocknete Bohnen, Linsen, Reis und Früchte. Eine Kette mit ausgehöhlten Auberginen baumelt über den Schätzen. Vorne liegt Laub vom vergangenen Herbst. Es heißt, der Schmerz sei wichtig. Man muss Menschsein durchleiden, sonst könnte man denken, man sei unsterblich. Aber die Wahrheit ist doch, dass ich immer leben werde. Ich werde ein abgerissenes Kalenderblatt im Universum sein. Schaut euch mal um. Ecke Mommsenstraße. Oder meinetwegen Schlüterstraße. Oder ganz woanders. Im Alpenvorland soll es ja auch Menschen geben. Und in den Anden. Da sitzen sie am Küchentisch und hangeln sich von Rabattcode zu Rabattcode. Die haben auch alle Familie, und Geschichten. Unsere geht so: Weil Zeki amca keine Kinder zeugen konnte, heiratete Rukiş teyze erneut und bekam mit dem Neuen eine ganze Truppe süßer Rabauken. Aber Zeki amca blieb bei ihr. Abend für Abend klopfte er an die schwere Holztür, und sie ließen ihn eintreten. Er durfte dabei sein, wenn abends auf dem großen sauberen Tuch gegessen wurde. Auf dem Boden, im Kreis, wo grüne Spitzpaprika auf stumpfen Blecktellern leuchteten. Später Wassermelone. Wenn Schlafenszeit war, stand der alte gebrechliche Zeki amca auf und klopfte seinem ebenfalls gealterten Nachfolger gutmütig auf den Rücken. Der klopfte freundlich zurück. Das steckt alles in meinen antiken Grübeleien drin, zusammen mit der Frage, ob sich für mich das Deutschlandticket rechnen wird.
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19.12.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 51
Der Dezember scheucht mich von einem flüchtigen Moment zum nächsten. Die Tage schmelzen ineinander, ich kaufte Vater einen Beutel Blätterkrokant, der hier immer noch im Flur auf der kleinen Holzbank liegt. Als wäre die Stadt eine große Tanzbühne, sind alle Plätze hell erleuchtet, und das riesengroße Riesenrad sieht einfach nur magisch aus, wie es unwirklich und bunt im Berliner Himmel hängt, obwohl doch da, wo es steht, dieses Gebiet vom Alexanderplatz zum Roten Rathaus bis zur Marienkirche, einer der unmenschlichsten Orte der Stadt ist. Warum aber sind die Menschen so fröhlich, obwohl es doch keinen Grund dafür gibt? Die langen Einkaufslisten, die sie abarbeiten, um das große Fest in zwei Wochen möglichst frei von Enterbungen und anderen Familieneskalationen zu überleben, werden nichts ausrichten können. So viel ist klar. Und klar ist auch, dass wir ein paar Pfund schwerer sein werden, als hätten wir nicht alle schon genug Ballast. Hier liegen jedenfalls Blätterkrokant und Kontoauszüge. Außerdem im anderen Zimmer zwei Anträge, in sechs Tagen läuft die Frist ab und ich habe mich natürlich noch nicht bewegt. Ich sah Amrum von Fatih Akin, da spielte ein kleiner Junge mit einer Ernsthaftigkeit und Tiefe im Blick, das ich dachte, wo gibt es denn das? Dass ein Kind so ernsthaft schauen kann. Das machte mich schon wieder sehr traurig. Aber dass Fatih für seinen Freund Hark Bohm vor lauter Freundschaft dessen Lebensgeschichte verfilmte, weil Hark es nicht mehr konnte, sowas hatte ich auch noch nie gehört, nur das Fatih Akin ein guter Mensch ist, das wusste ich wohl. Und Hark Bohm ist jetzt tot. Tot ist auch Else Lasker-Schüler, die auch immer so traurig war. Und dieser junge Palästinenser, dessen Gedichte und Prosa ich gerade lese, wo er sich entschuldigt, dass er und seine Leute im Internet immer so laut um ihre Toten trauern und frech aus der Charta der Menschenrechte zitieren, der wiederum tröstet mich über Lasker-Schülers Abwesenheit hinweg, den er lebt. Damit will ich sagen, gute Nachricht, es gibt poetischen Nachwuchs, an den man wieder glauben kann. Sowieso die Gedichte, ich klinge wie eine Schallplatte mit einer steckengebliebenen Nadel in der Rille, aber wer großen Überdruss verspürt, muss einfach nur GEDICHTE LESEN. Das löst kein einziges Problem, aber es bewahrt einen davor zu glauben, bei Butlers, Nanu Nana oder von mir aus im KaDeWe gäbe es irgendetwas, das wild gewordene, außer sich geratene Erwachsene, die ihr verkorkstes Leben betrauern, zu Weihnachten besänftigen könnte. Geschenke beglücken nur glückliche Menschen. Und glückliche Menschen brauchen nichts. Selbst die Ärmsten unter ihnen haben schon alles. Ach so, der junge Dichter heißt Abdalrahman Alqalaq. Im Januar erscheint Stefanie Sargnagels Opernball, das sollte man sich auch noch auf die Bücherliste schreiben. Die wird mit jedem Buch besser, wichtiger, witziger. Notes to John von Joan Didion, jetzt im Herbst erschienen hingegen, sind 350 Seiten quälende Sie-Sagte-Er-Sagte-Literatur. Der Verlag hat einfach ihre Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht, die eindeutig nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Natürlich liest man das, weil es ist von Joan Didion. Da liest man alles. Aber sie hätte das so nicht gewollt, weil sie eine akribische Schreiberin war, und nun wirkt sie wie eine Idiotin, wo sie doch eindeutig keine war. Gestern traf ich meinen Münchener Verleger, der jedes Jahr um diese Zeit in der Stadt ist, und wie immer trafen wir uns im Restaurant vom Hamburger Bahnhof, wo eine Kellnerin absolut ungläubig nachfragte, ?, und mein Verleger antwortete, . , flötete sie, und er soprante zurück, , und riss die Augen so weit auf, dass seine Wimpern gegen seine Stirn klimperten – die Sargnagel könnte das hundertmal besser beschreiben. Auch sonst war die Woche vollgestopft mit Eindrücken, die es verdienen würden, dass ich mal in Ruhe darum kreisen müsste, aber ich kann nicht, ich habe zu tun. Ich muss lesen und nachdenken, die Termine in den neuen Kalender übertragen, bis März ist schon wieder alles voll, wo ich doch einfach nur mit der guten alten "Ach, scheiß doch der Hund drauf"-Attitüde leben wollte.
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12.12.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 50
Demnächst erzählt man sich wieder diese erstklassig verrückte, komplizierte Story. Frau wird ohne Geschlechtsakt schwanger und gebiert in einem Stall. Geheimnisvolle Männer stehen ihr zur Seite. Das Neugeborene wächst heran, wird ganz normal Tischler und später zu Gott, dazu muss es aber erst sterben und auferstehen. Nicht nur biologisch und physikalisch, sondern eine in jeder Hinsicht unglaubwürdige Geschichte ist das. Das kann man nicht verstehen. Das glaubt man oder lässt es. Wie rührend man als Mensch doch gebaut ist, dass Religion nicht längst als die raffinierteste aller Kunstformen enttarnt und unwirksam geworden ist, nämlich als Erfindung, als Literatur. Sie funktioniert, weil wir von Natur aus phantasiebegabt sind und uns fernab von Plausibilität Wunder vorstellen können. Interessant auch, dass die Kirche ihre gelehrtesten, klügsten und belesensten Mitglieder damit beauftragt, Aspekte dieser komplett ausgedachten Story zu präzisieren und zu "erklären". Und wie absolut irre ist es, dass Menschen auf der Grundlage dieser Storys bewaffnet aufeinander losgehen. Die Kraft der Geschichten ist so toll, so verrückt, so riskant. Je älter ich werde, desto mehr empfinde ich die Macht der Storys als absolut gefährlichen Wahnsinn. Das Phänomen funktioniert mit jeder Legende, unabhängig von Religion, Sprache und Gesellschaft. Unabhängig von Bildung und Erfahrung. Wenn man eine fragwürdige Geschichte nur oft genug wiederholt und darauf beharrt, dass sie Wahrheit sei, kann sie ein Inferno anzünden. Faschismus funktioniert genau so. Er erzählt ein Märchen, das Erlösung verspricht. Es reicht, labil genug zu sein und einer Geschichte mehr zu vertrauen als sich selbst. Denn Hoffnung funktioniert nicht ohne Verzweiflung. Und ohne Verzweiflung lässt sich weder zur Grausamkeit, zum Gegenteil, noch zu Irgendetwas anstiften. Die Erzählung ist die gefährlichste Waffe der Welt.
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5.12.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 49
Jetzt Winter. Die Zweige morgens in der Dämmerung wie frostummantelte Tentakel. Drinnen, die Hagebutten in der Vase treiben an den Spitzen hellgrün aus. Manche sagen, der Winter sei kalt. Mag sein. Der Winter ist auch klar. Für diejenigen, die Trost brauchen, gibt Winter nichts her. Da ist wenig, das von schweren Gedanken ablenkt. Hier liegt viel zu viel Wahrheit herum. Und Kram, der erledigt werden müsste. Gelegentlich lasse ich etwas Kerzenlicht flackern. Geschälte Mandarinen auf Tellern. Walnüsse knacken. Auch so eine Familientradition. Das unbedingte Bedürfnis, noch schnell was zu erledigen, bevor das Jahr zu Ende geht. Das kenne ich schon von mir. Eine Taube fliegt aufs Fensterbrett. Schhh, schhh, wedle ich mit dem Vorhang. Da bin ich ganz unerbittlich. Als nächstes versucht eine Krähe ihr Glück. Ha! Die spinnen doch. Heute fiel mir ein, wie wir als Vater, Mutter, Kinder waren. Wie weit weg das alles ist. Schade auch vielleicht. Das habe ich manchmal. Dass ich mich zurückträume, in eine Zeit, von der ich doch so sehr wünschte, dass sie endlich vorbei sein möge. Mein treuer Freund, ein Ordenspriester, schrieb mir in einem Brief, er werde sein Kloster verlassen. Nach fast sechs Jahrzehnten. Meine Freundin, eine Nonne, ging diesen Schritt vergangenes Jahr um diese Zeit. Ich nehme mir vor, niemals zu vergessen, dass selbst solche einen Ausgang wagen, die den größten aller Schwüre gaben, im Glauben an Gott und Ewigkeit, und sich trauten, ihn zu brechen. Ich weiß nicht warum, aber mich macht so was ganz stolz. Ich denke dann, es gibt Menschen, die ihre Ängste überwinden. Mir gefallen diese Geschichten, aber ich bin auch sehr aufgeregt. Wen oder was könnte ich verlassen? Gehen ist nämlich eine Eigenschaft, die ich ganz gerne habe. Aber im Moment ist da nichts, das ich hinter mir lassen wöllte.
Abwarten.
Winter schauen.
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28.11.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 48
Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko und Friederike Mayröcker leben in ihren Gedichten. Sie aber leuchtet noch in echt und schreibt: Lütfiye Güzel – und ja, genau in dieser Reihe sehe ich sie eingerahmt und an der Wand hängen, unsere Mona Lisa der zeitgenössischen deutschen Lyrik. Geheimnisvoll sind ihre Verse, und immer deutet man ein verschmitztes Lächeln zwischen die Zeilen. Seit Wochen fahren ihre beiden Gedichtbände Pinky Helsinki und hadi hugs unzählige Runden in der Ringbahn mit mir mit. Während um mich herum bedeutungsloses Geschwafel in die Telefone geääht wird, versinke ich in ihre Trauerposa, weil niemand die Lücken und Verluste so penibel durchschaut wie sie. In Pinky Helsinki nahm sich ein Sohn das Leben und "an jeder Ecke wartet kein Mensch auf mich". Getreu dem Motto "nicht erzählen, was unerzählbar ist" wird die Trauer gestammelt und das Entsetzen in Verse gewrungen, dass man bereut, so etwas Kostbares Tag für Tag in der schwarzen Tasche mitzuschleppen, statt es zu Hause auf den Lütfiye-Altar zu stapeln und Grablichter anzuzünden. Sie weiß "Der Mensch besteht aus über 70% aus Wasser, der Rest ist Angst", später wäscht sie sich in der Badewanne "zuerst das eine Gesicht und dann das andere", und spätestens da weiß man, dass dafür das Alphabet erfunden wurde, weil die "zittrige Heimat" genau dieses Maß an Untröstlichkeit verdient, denn "der Tag verspricht nichts und hält es". Oder in hadi hugs, wo sie fragt "wie soll man hier auch schreiben in/dieser stadt die vater und mutter in/die knie gezwungen hat/diese drecksstadt", wo man sich "kaputt entfaltet". Ach, ich könnte seitenweise zitieren, aber es sind nicht nur die Worte, es ist das total unkorrumpierte Schreiben, das mit den Trauernden mitleidet, aber niemals um Mitleid bittet. Da ist so viel Witz und Wehmut, Können und Technik, wirklich, das ist Poesie, das ist Kunst, da steckt alles drin. Sie verlegt sich selber, steckt ihre Gedichte eigenhändig in die Post und verschickt auf Anfrage, oder auch nicht. Aber dass man ihr nicht endlich Medaillen umhängt, Urkunden aushändigt und Preisgelder überweist, das will mir nicht in den traurigen Kopf. Bloß weil der deutsche Literaturmarkt derart durchkonfektioniert ist, dass nur wir Schleimer unter den Autoren beachtet werden, die es zulassen, sich in Verlagen bis zur Unkenntlichkeit verbiegen zu lassen, bis wir in jedes drittklassige Musterformular passen, damit abgesahnt und wertgeschöpft wird, während wirkliche Exzellenzen um ihr Leben dichten. Wenigstens könnte man in ihrer Heimatstadt den Duisburger Hafen nach ihr benennen. Oder Unter Den Linden Friedrich den Großen vom Pferd stürzen und sie dahin setzen, und das Pferd so herumdrehen, dass es Richtung Akademie der Künste am Pariser Platz reitet. Alles hätte sie verdient. Alles. "Ach, den Rest lasse ich aus. Reicht jetzt!"
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21.11.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 47
Wie es mir geht? Ich bin sehr erschöpft und bewege mich wie in Trance. Jeden zweiten Tag muss ich mit Herrn Kiyak irgendwo hin. Den freien Tag dazwischen koche, wasche, kämpfe ich. Er fliegt bald zurück in sein Zuhause. Jedenfalls ist das der Plan. Bis dahin versuche ich einfach nur zu überleben. Früher überstand ich solche Phasen nur, weil ich ganz viel schwamm, Gymnastik oder Liebe machte. Jetzt starre ich nur auf Bäume oder Wände. Was halt grad da ist. Vater ist, glaube ich, dauerschockiert. Er hat Untergewicht, ist ängstlich und emotional sehr bedürftig. Nun sind Gefühle haben und sie pflegen nicht gerade mein herausragendes Talent. Ich funktioniere wegen meiner ethischen Werte. Vater aber will liebgehabt und nicht perfekt versorgt werden. Till, sein Physiotherapeut, hat meinen baba liebgewonnen und schont ihn. Als ich es bemerkte, schritt ich energisch ein und befahl: "Schluss mit Mitleid! Nehmen Sie den Vater ordentlich ran. Ich verlange Muskeltraining, bis die Faszien quietschen." Till aber brachte es nicht übers Herz, den 50-Kilo-Mann zu triezen und massierte ihn bloß sanft.
Papa: "Till gutes Herz. Du hart. Warum?"
Tja, warum?
Weil ich die Krebstochter von Herrn Krebskiyak bin. Oder wie Vater mich nennt: "Professor-ich-alles-weiß".
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14.11.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 46
Seit ich Herbst, Winter und Frühling nicht mehr an der Ostsee verbringe, wie ich es eineinhalb Jahrzehnte lang tat, vermisse ich die Spaziergänge in den Wäldern. Das Meer sowieso. Das stundenlange Draußensein. Bei Regen. Bei Eiswind. Auch die Mittagssonne hat eine sehr eigene Magie. Zu wissen, dass man nur zwei, drei Stunden von der Dämmerung entfernt ist. Oft war ich danach so erfrischt, dass ich noch schwimmen ging, dann ab auf die Matte, ein paar Übungen, Arme und Beine in die Länge ziehen. Anschließend in aller Ruhe zum zweiten Mal am Tag den Computer aufklappen und loslegen. Es schrieb sich von allein. Oft begann es schon morgens, wenn ich aufwachte. Der Blick in die Kiefern öffnet Gedanken, die in der Stadt unausgepackt bleiben. Der Schrei einer Möwe ließ pures Glück durch mich strömen. Oft hatte ich Mühe, mich auf die so genannte Welt zu konzentrieren. Politik und so. Fand ich alles unerheblich. Redundant. Die Sommermonate zog ich zurück nach Berlin und fühlte mich wie eine Expat. Fand alles interesting und exciting. Berlin regte mich nicht auf. Ich wusste ja, dass ich bald wieder in den Dünen sein würde. Zurück bei meinen Schiffen und ihren Motoren, die nachts noch im Bett dröhnten. Bei meinen Vögeln, die im morgendlichen Leuchten ihre ersten Runden drehten. Und natürlich den Nachbarn, die mit voller Wucht und Watt ihre Hecken attackierten. Sie haben das Haus verkauft, in dem ich wohnte. Es gehört jetzt irgendwelchen Immobilienheinis. Die alten Wirte waren so zauberhafte Leute. Sie fanden mich nie komisch. Verstanden was ich tat, mochten meinen Beruf. Beschützten mich vor dem Gequatsche der anderen. Und passten natürlich auch immer ein bisschen auf mich auf. Das war ein großer Abschied dieses Jahr. Einschnitt, ist wohl das Wort, das sagt, dass etwas Großes von einem weggeschnippelt wurde. Ich dachte immer, ich würde in mich stürzen. Aber so ist es nicht. Berlin im Oktober, aha, soso. Berlin im November, geht eigentlich. Der Dezember wird vielleicht weniger schrecklich, als sie alle sagen. Die Stadt tentakelt mich ein. Aber nur, weil ich es zulasse. Ganz klar, für immer ist das nichts. Aber jetzt gerade geht es. Schaue einmal die Woche die Wohnungsinserate an den deutschen Ostseeküsten durch. Vielleicht inseriere ich demnächst mal selber. Autorin sucht liebevolles Zuhause für ihr Schreiben.
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07.11.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 45
Ich war zum ersten Mal im Berliner Zoo. Eine Portion Pommes bei den Pinguinen. Ein Affe biss lustlos in eine Aubergine. Ein Pandabär machte mit dem Rücken zu den Besuchern ein Nickerchen. Sein schwarzweißes Fell hob und senkte sich nicht. Er lag da wie eine liegengelassene Pelzstola. Aus dem Pagodenhaft anmutendem Gehege kamen aus Lautsprechern chinesische Melodien, als säße man im Restaurant Goldene Orchidee. Ganz kurz überlegte ich, wem gegenüber das eigentlich die größere Beleidigung ist, dem chinesischen Volk, den Orchideen oder den Pandas gegenüber? Der hohe Bambus raschelte. Ein Elefant torööte. Ich ging weiter zu den Robben. Die hörte man schon von weitem. Eine Robbenmutter und ein Robbenbaby spielten auf einem Floß. Der Kleine machte ganz schön viel Spökes auf dem Brett. Die Zoobesucher konnten ihr Glück nicht fassen. Sogar die Kinder hielten ihre Handys in die Höhe. Ich verstehe das. Der Eintritt ist so teuer (ich konnte mir das Zusatzticket für das Aquarium gleich gar nicht leisten), sie wollen ihre Erlebnisse später eben noch einmal schauen. Meine Aussicht war durch die vielen Displays verstellt. Es machte mir nichts aus. Ich beobachte gerne Leute, die was beobachten. In mir ist ein Martin Parr verborgen. Den Blick fürs Fotografieren hätte ich. Aber nicht die Augen. Ich beschloss einen Tee zu trinken und bestellte in einem Freiluftcafé. Um die Ecke sind wohl die Krokodile. Ich fragte, was es mit den schönen türkisfarbenen Bechern auf sich hat. Schlechtgelaunt erklärte mir die Deutsche, dass ditt jawohl kaum möglisch is, dass man ditt nicht längst mitbekommen habe. Sie war so offensichtlich genervt und schlecht drauf, dass ich schweigend meinen Tee nahm. Als sie von einem Deutsch-Pakistaner abgelöst wurde, klarte sich die Luft augenblicklich auf. Er lachte und grüßte, und dreimal schneller als die Schreckschraube war er auch. Als ich fertig getrunken hatte, gab ich ihm den Becher, und er sagte, warten Sie, Sie bekommen Geld zurück. Es ist halt so, dass ich noch nie in meinem Leben draußen im Stehen, auf der Straße, oder beim Gehen Tee getrunken habe. Mir ist es entgangen, dass man die türkisfarbenen Becher nicht nur im Zookiosk, sondern überall in der Stadt abgeben kann und Pfand zurückerhält. Fische konnte ich mir nicht anschauen, wegen dem fehlendem Zusatzticket. Zebras sah ich, Esel und einen Kranich. Der aber gehörte gar nicht zum Zoo, sondern ruhte kurz auf einem Hügel. Der blieb mir am meisten in Erinnerung. Und die vielen Krähen, die laut krähten und in großer, ach was, wahnsinniger Anzahl über dem Gelände flogen. Mal in anmutigen Kreisen, dann wieder in bedrohlichem Tiefflug. Um wieder rauszukommen, wurde man durch den Zooladen geschleust. Dort lagen Polyesterrobben und Polyesterelefanten auf Haufen und machten den Eltern das Leben zur Hölle. Ein Kind warf sich in einen der Tierhaufen und schrie. Unschlüssig standen die Eltern daneben, und ich glaube, es war die Scham, die den Vater veranlasste, zögerlich an den Hintern zu fassen und nach seinem Portemonnaie zu greifen. Dann stand ich draußen auf der anderen Seite der Mauer, die den Tierpark vom Berliner Busbahnhof am Zoo trennte. Niemandsort. Gelbe Busse halten und fahren wieder los. Die ganzen folgenden Tage dachte ich an die Tiere. Ich konnte wirklich keinen einzigen guten Aspekt an diesem Freiluftkäfig erkennen. Lieblose Internierung von Kreaturen. Wer spricht für die Tiere? Für das Wasser? Für die Luft? Für die Pandas? Wer könnte über so einen Ort wirklich gut schreiben? Ich traue es Björn Kuhligk zu. Ich fordere ihn hiermit auf, mir bis Weihnachten eines seiner berühmten und umwerfenden Langgedichte abzugeben. Danke.
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31.10.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 44
Die Vorhänge wellen sich in eleganten Falten von der Decke. Draußen bewölkter Dienstag und drinnen ein ganzes Leben. Suppe auf dem Herd. Ich bin jetzt wie sie. Mutter legte den Holzlöffel immer zwischen Deckel und Topf ab. Alles ließ sie achtzehn Minuten köcheln. Nicht fünfzehn, nicht zwanzig. Sie konnte riechen, ob Salz und Gewürze stimmen. Nur Idioten müssen probieren, sagte sie. Irgendwann fing ich an, Vorhänge zu kaufen. In Läden nach Kochgeschirr zu schauen. Dafür zu sorgen, dass die Fußböden sauber sind. Nachdem ich den Ehrgeiz ablegte, auf keinen Fall wie sie zu werden, wurde aus mir doch noch ein ordentlicher Mensch. Die Vorhänge aber waren der größte Schritt. Dieses Gerede von der Privatheit. Das Abschirmen des Familienlebens gegenüber den Nachbarn. Als wäre bei denen jemals etwas anders gewesen. Die Vorhänge engten mich ein. Verdunkelten die ohnehin beengten Verhältnisse. Die ersten zehn Wohnungen richtete ich ohne Vorhänge ein. Das Geschirr lag bei mir offen in den Regalen. Bereit zu verstauben. Meine Eltern flohen vor Verfolgung und Armut, aber ihren größten Widerstand widmete Mutter dem Kampf gegen Staub. Vergangenheit ist ein Fortsetzungsroman in unendlich vielen Kapiteln. Kein Anfang, kein Ende.
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24.10.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 43
Die fette Henne kräuselt sich rotleuchtend über dem Herbstboden. Die Morgenzeitungen berichten wenig prominent platziert über die Regierungserklärung des Bundeskanzlers. Friedrich Merz wird mit den Worten zitiert, Europa müsse seine Potentiale entschlossener nutzen. Die Wirtschaft soll wettbewerbsfähiger sein. Der Frieden "unterlegt". Hier spricht keiner mit sprudelnden Ideen, Tatendrang und Sprache, sondern wie ein Arzt, der den Krankheitsbildern Wirtschaft, Sicherheit, Frieden und Klima Rezepte ausstellt. Irgendwer soll irgendwas einnehmen und zur Physio. Aber was genau wirst du machen, Kanzler? Was ist das, wovon du denkst, das willst du bis Betriebsende noch geschafft haben? Jetzt wo dieser konturenlose Multimillionär das Land lenkt, interessiert er mich erstaunlicherweise doch sehr. Güte als politisches Prinzip scheint für alle Zeit diskreditiert. Menschheitsgüte, Pflanzengüte, Meeresgüte.
Wer jetzt noch rausgeht und die Frechheit besitzt, auf die Zartheit des Lebens hinzuweisen, wird gnadenlos als behämmert zermalmt. Warum wird der aktuelle Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai nicht mit Lars Klingbeil, Julia Klöckner und Jens Spahn auf eine Bühne gesetzt, um über das Menschsein zu sprechen? Der bescheiden anmutende Schriftsteller meint, dass Kunst die außergewöhnliche Reaktion der Menschheit auf das Gefühl der Verlorenheit sei. Und die wiederum unser Schicksal. Und dass Schönheit existiert. Sie liege jenseits einer Grenze, die man nicht überschreiten könne. Man sei gezwungen an der Grenze zu halten und sie von dort aus zu betrachten und anzuerkennen, dass in der Ferne wirklich etwas ist. Bundeskanzler, can you see it? Jens und Julia, ihr auch? Mausis, mit Schönheit ist nicht gemeint, sich für den Bundestag anzuziehen, als ging man in die Konditorei Törtchen essen, um dann von oben herab die Klamotten der Mandatsträger nach Faschismuskonform oder nicht abzukanzeln. Das friedliche Leben, so sagte mir mal eine etwas einfältige Nachbarin im Brandenburgischen, könne nur jelingen, wenn nicht jeder uffn Kompost schmeißt, "wie watt er denkt, watt da hinjehört, aber nicht hinjehört".
Was sonst noch war? Donnerstagvormittag, die Astern leuchten auch. Und die Chrysanthemen. Im Prinzip leuchten alle Herbstgewächse. Der Steuerberater hat sich entschieden, meine vor Monaten abgegebenen Unterlagen doch noch zu bearbeiten. Natürlich nicht fristgerecht. Vor zwanzig Jahren brauchte er im Schnitt drei Wochen, um sich mit allem Pipapo zurückzumelden. Jetzt kann es auch schon sieben, elf oder vierzehn Monate dauern. In der Zwischenzeit stapeln sich die Versäumniszuschläge. Was soll ich denn machen? Er ist meine letzte stabile Arbeitsbeziehung, die mich von der ersten Minute meiner Berufstätigkeit bis heute begleitet.
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17.10.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 42
In den Katakomben der Klinik, draußen im Märkischen, wo die EKGs, Röntgenbilder und CTs durchgeführt werden, hängen zwei übergroße Bildschirme über den Köpfen der wartenden Patienten. Auf dem einen Bildschirm blinkt das Logo des Radiosenders, der gerade eingestellt ist und ohrenbetäubend laute Bumsfallera-Musik heraus schallert. Auf dem anderen Bildschirm läuft ein Newskanal, aber ohne Ton. Der Nachrichtensprecher bewegt den Mund, man sieht Bilder aus Gaza, gleichzeitig läuft The Eye of the Tiger. Das Kellerlicht flackert, und der Fahrstuhl wird repariert. Metall wird auf Metall gehauen. Es ist die pure Folter. Oben in den Chemoräumen quatscht das Personal betont gutgelaunt über trivialen Privatkram, während die Chemoleichen mit den Kanülen im Arm geduldig ausharren und gegen Übelkeit und Schwindel kämpfen. Ich muss nachdenken, einen kurzen Moment innehalten und weil ich nicht weiß, wohin mit meinem Bedürfnis nach Einkehr, gehe ich in den "Raum der Stille". Ein paar runtergebrannte Kerzen liegen zerflossen in Schalen und die Aufforderung an der Wand, die Tür nicht zu schließen. Die automatischen Pforten zu den Stationen ächzen und quietschen, im Raum der Stille keine Stille, aber ein Buch, in das, wer will, "stille Gedanken" aufschreiben darf. Ich kämpfe gegen den Impuls, den Wortlaut zu redigieren, blättere stattdessen in den Seiten. Eine Tochter hat ihren Vater verloren und kam wohl noch ein letztes Mal zu Besuch, um ein Dokument abzuholen. Hier in diesem Raum, genau da wo ich stehe, in diesem ganz und gar pietätlosen Interieur, lese ich, wie sie vor Wochen schrieb, dass sie sich ihrem "geliebten Papi" ganz nahe fühle und ihn "fürchterlich dolle vermisse". Der Seelsorger, es gibt hier wohl einen Seelsorger, ist ein alter Ossi mit bewegter "Neues Forum"- Vergangenheit, wie ich von einem Kumpel erzählt bekam, der zufällig der Patensohn dieses Seelsorgers sei, ist jedenfalls nie da. Früher gab es einen Krankenhauspsychologen, den ich sehr gerne mochte und irgendwie auch "fürchterlich dolle vermisse" und mit dem ich noch jahrelang Kontakt hielt, aber der seit zwei Jahren in Rente ist. Der jedenfalls war immer da. Selbst wenn ich ihn nicht brauchte, kam er zufällig vorbei, hielt mich an und sagte, Na wie isset? Er war aus dem Ruhrpott, und ist doch klar, dass ich den sofort mochte. Er war unglaublich pragmatisch. Wenn man eine Scheißdiagnose erhielt, nannte er es eine Scheißdiagnose. Und wenn man sich zu sehr in was reinsteigerte, erlaubte er einem, das zu tun. Er sagte dann, verlieren Sie sich gerne in Ihrer Verzweiflung, aber kommen Sie irgendwann auch wieder zurück. Man sagte dann, alles klar und tschüss. Dann ging man in die Verzweiflung, und wenn man ihm erneut begegnete, fragte er, na, wieder zurück oder noch dort? Dann sagte man entweder bin wieder zurück oder schnauzte schlecht gelaunt, brummelbrummel. Aber Seelsorger? Wirklich? Steht das so im Arbeitsvertrag? Arbeitsbereiche: Seele sorgen. Meine Güte. Ich verlasse den "Raum der Stille", weil es zu laut ist. Weil einfach alles so menschenfeindlich ist, so seelenlos, ja wirklich, alles ist seelenlos, in der Kantine gibt es Kesselgulasch, Currywurstpommes, so richtig schöne Diabetes mellitus Typ 2-Pampe. Draußen auf dem Klinikgelände werden die beatmeten Patienten über das Kopfsteinpflaster von Haus 1 zu Haus 2 gerumpelt, und ja doch, ich kenne das alles schon, aber die Bestürzung knallt noch wie am ersten Tag. Der Verfall des Menschen und der Verfall des Systems, es zeigt sich hier so schön plakativ. Vier kleine Kinder hängen sich an die beiden Hände ihrer sehr kranken Mutter. Geduldig und gutmütig greift sie zu. Ich kann die Augen nicht von ihnen lassen. Welche Ängste stehen diese Kinder durch? Und welche die Mama? Später, ich glaube, es sind die Schwestern dieser Mutter, heben sie die Kinder resolut auf freundliche Tantenart in die Kinderwägen und Buggys, aber sie kommen nicht voran, weil die Kinder immerzu winken und Bye-Bye rufen wollen. Die Mama, man sieht es ihr an, kann sich kaum mehr auf den Beinen halten, tapfer winkt sie, während die Schläuche wie Luftschlangen um sie gewunden sind, und irgendein Gerät liegt noch auf dem Rollator, auf den sie sich stützt. Sie sieht nicht aus, als ob sie das schaffen wird. Der Mensch, machen wir uns nichts vor, hier draußen, bei den Kastanienbäumen, ist verloren. Das nasse klebrige Herbstlaub riecht modrig, Friedhofsstimmung, so richtig schön macht es. Aber dann denke ich, vielleicht ist es ja doch ganz schön, da wohin es einen "später" hin verschlagen wird. Realistisch ist das nicht. Weiß ich doch selber. Ich bin schließlich kein Idiot. Es gibt kein Jenseits. Und das ist eigentlich die wahre Scheiße. Es gibt das Nichts, und sich darauf zu freuen, erfordert schon einiges an Fantasie. Der Krankenhauspsychologe, der hätte mir jetzt Recht gegeben. Der sagte mir schon vor zwanzig Jahren, wenn ett vorbei ist, is ett vorbei, besser man hat vorher noch watt gutgehabt. Der Seelsorger, das weiß ich genau, nicht dass ich ihn kennengelernt hätte, ich weiß das aber trotzdem, der wird in seinem klerikal-kitschigen Besteckkasten bestimmt lauter Provokationen für mich bereithalten. Würde ist so ein Begriff, der mich schwer auf die Palme bringt. Würde ist hier aber nicht, wo an jedem Informationsschalter, an jedem Schwesternzimmer und überall ein Zettel steht, dass man erst vortreten soll, wenn man aufgerufen wird. NICHT VORTRETEN!, und jedes Mal denke ich, fahrt zur Hölle, ihr Arschgeigen. Wie sehr muss man seinen Job hassen, dass die Patienten nicht einfach an den Tresen kommen dürfen, sondern unterwürfig einen Meter davor warten müssen, bis irgendwann gnädig eine Stimme ein genervtes Hä? nuschelt. Nie Blickkontakt, nie Guten Morgen, kein Guten Tag. Später trottet man zum Bus, draußen in der Pampa. Da steht eine Frau in Krücken, und die lächelt mir zu. Die hat mich gesehen und erkannt. Ihr Sohn begleitet sie und ist so lieb zu ihr. Die sah ich schon drinnen, und dass die beiden sich sehr mochten. Die sind wie mein Vater und ich. Uns beiden sieht man auch immer an, dass wir uns mögen. Die Frau schaut mich an und sagt, da drinnen braucht man schon Geduld, nicht wahr? Recht hat sie, ich nicke ihr zu. Und dann fällt mir das Wort Langmut ein. Es meint Nachsicht, Großzügigkeit, vielleicht sogar mit einer Prise Ignoranz, oder sagen wir besser Ach-egal-Stimmung. Nur woher rausholen, aus welchem Gemütswinkel kramen? Gerade Leute wie ich, die brodeln ja so gefährlich nach innen, da ist wirklich kaum Muße noch Kraft, um in dieser Rumpelbude der Emotionen nach langem Mut zu suchen. Am Abend, also wirklich Stunden später, während ich das schreibe, bin ich zwar immer noch eine Geisel meines Temperaments und gefangen im gnadenlos kalten Blick aufs Krankenhaus, aber immerhin konnte ich eine Handvoll Erdnüsse essen und diese Zeilen verfassen, gestatte ich mir mit gutem Gewissen zu sein. Ich bin nämlich, ganz großes Tschuldigung, ein Mensch.
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10.10.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 41
Das schriftstellerische Exil, von dem dieser Tage viele dissidente Autoren phantasieren, wird kein Paradies sein. Jedenfalls nicht, wenn man kein Thomas Mann ist, der als politischer Flüchtling ein Literaturstar war und überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen wurde. Tucholsky hielt verbittert und entsetzt über die deutschen, politischen Umstände gerade mal bis 1935 im schwedischen Exil durch. Obwohl er in Sicherheit war, derweil seine Bücher zu Hause verbrannt und er ausgebürgert wurde, empfand er seinen sicheren Hafen nicht als Freiheit. Er bezeichnete sich als "aufgehörter Dichter".
Man darf nicht vergessen, dass man als Exil- Schriftsteller nicht nur Zuhause, Land und Sprache verlässt, sondern auch sein Publikum. Hinzu kommt die Bitterkeit darüber, dass man wie ein geprügelter Hund aus seinem Land geekelt wurde. Über die einstigen Freunde, die man als Verbündete wähnte, die nun aber beginnen Verständnis für die neue radikale Rechte aufzubringen. Diese Kränkung nämlich fährt im Gepäck auch mit. Man kann das alles so schmerzhaft gut im Band Briefe aus dem Schweigen nachlesen, wo Tucholsky seiner Freundin Nuuna in der Schweiz von seiner inneren und äußeren Vereinsamung schreibt. Weil es keine Neuanfänge gibt. Das ist auch so eine Lektion.
Besonders schön beschrieb Heinrich Mann das Verstummen eines Schriftstellers angesichts politischer Desaster in Der Atem. Der Roman endet mit den Zeilen: "Es war still. Die Helligkeit des Gartens war gelöscht. Die Welt schlief gelähmt wie in Nächten ihrer ausgebrochenen Katastrophen, wenn auch wir müde sind und das Wort niederlegen." Auch Heinrich Mann starb verbittert, allein und ungehört im Exil in Kalifornien. Das Wort niederlegen. Aufgehörter Dichter. Dafür, dass sie am Exil zermürbten, fanden alle diese Autoren, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler und so viele andere, dann aber doch so eklatant poetische Beschreibungen für das Verstummen. Weil sie die Größten waren. Weil auch das Elend am Ende wenigstens noch zu Schreibmaterial gut ist. Bedenke doch, will ich meinen Kolleginnen und Kollegen zurufen, die aus Sorge um ihre und ihrer Worte Unversehrtheit weiterziehen wollen, dass da, wo man landen wird, die Schreibkraft eine andere sein wird. Das Gemüt wird der Dichtung im Weg stehen. Und der Mangel an Publikationsmöglichkeiten wird den Sinn an der Sache infrage stellen. Das muss nichts Schlimmes sein. Aber erwähnt haben, sollte man es doch.
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3.10.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 40
In der Welt passiert, was vermutlich irgendwann in den Geschichtsbüchern beschrieben und erklärt werden wird. Falls es noch Geschichtsbücher geben wird. Falls sie noch erlaubt sein werden. Denn nichts wird in Diktaturen so sehr vermieden wie Erinnerung, die auf Wahrheit beruht. Noch ist der deutsche Alltag von Weltpolitik nicht betroffen. Im Drogeriemarkt haben sie gleich am Eingang Spekulatius, Dominosteine und anderes Weihnachtsgebäck aufgestapelt. Fast jeder, der reinkommt, bleibt kurz stehen, schaut und scheint zu überlegen. Mitnehmen und essen, oder liegenlassen und so tun, als seien sie etwas Besonderes? Drogeriemärkte in Deutschland sind immer nach dem gleichen Prinzip kuratiert. Es beginnt mit Regenschirmen und endet mit Wasser in Plastikflaschen. Am viel zu kurzen Kassenband steht immer ein Korb mit Haarspangen im Sonderangebot. Wir stehen in der Schlange und warten, dass zwei alte Schachteln vom Ku’damm den Bezahlvorgang beenden. Sie gehören derjenigen Generation an, die nachhaltig vom 175er Paragraphen eingeschüchtert ihre Lebenspartnerinnen immer noch als "meine Bekannte" vorstellen. Margit, nimm doch die Bezahlkarte, drängelt die mit Perlen behangene Schachtel ihre "Bekannte". Wie bitte? Die Bezahlkarte! Ach so, die Bezahlkarte. Ist gut, Annchen. Mach ich. Margit steckt die Geldbörse, aus der es ihr nicht gelang, die Münzen zusammen zu zählen, umständlich in die Tasche zurück. Ihre Fingernägel sind mit rosafarbenem Perlmuttlack überzogen. Die gehen eindeutig zur Maniküre und die Haare sind auch frisch "gelegt". Um die Ecke ist ein antik anmutender Friseursalon, wo sowas noch angeboten wird. Sie sind uralt, aber bestens in Schuss. Artrose, Hörgerät, Rollator, klar, klar, klar, haben sie alles. Hinreißend sind sie. Man riecht, dass sie sich mit irgendwas betupfen, das sicher schon jahrzehntelang in schönen Flaschen vor sich hin ölt. Sie können sich nur auf eine Sache konzentrieren. Entweder reden, entweder zuhören, entweder die Waren zusammenpacken, oder entweder einander angucken. Margit ist es gelungen, die Bezahlkarte, wie sie so schön sagen, in das Gerät zu schieben, aber der PIN-Code will ihr nicht einfallen. Annchen, versucht sie so zu flüstern, dass die andere es auch hört. Wie lautet die Geheimchiffre, fragt sie, als befände man sich in einem Agententhriller aus den Fünfzigern. Annchen schaut rechts über die Schulter, links über die Schulter, hält sich die Hand vor den Mund und nuschelt durch die Finger eine Zahl. Natürlich versteht Margit sie nicht. Beim zweiten Mal wird Annchen lauter. Beim dritten Mal lässt sie die Hand weg. Beim vierten Mal überintoniert sie die Zahlenkombination. Diesen Vorgang wiederholen sie so lange, bis wirklich jeder an allen drei Kassenbändern die Geheimzahl der EC-Karte mitbekommen hat. Natürlich greift niemand ein, um zu helfen. Sogar die ausländischen Touristen, die in dieser Filiale zuhauf einkaufen, kapieren, was sich da gerade Großartiges abspielt. Allgemeine Heiterkeit liegt in der Luft. Als schaue das Publikum gemeinsam einen Klassiker in Schwarzweiß. Ganz selbstverständlich gilt die unausgesprochene Vereinbarung, dass alle so tun, als wäre Margits und Annchens Geheimhaltungsmanöver um die Geheimzahl erfolgreich. Endlich hat Margit die Ziffernkombination gehört. Margit wiederholt sie beim Eintippen aber vorsichtshalber laut und gedankenverloren. Sie tippt: vier, drei, sieben, sieben. Nun endlich sind die übrigen Kunden dran. Die gewohnte Choreografie übernimmt. Am Ausgang die Schirme. Draußen Welt.
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26.09.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 39
Wie Pulled Pork reiße ich ein Stück vom Croissant ab und reiche Vater die Blätterteigfasern herüber. Er nimmt das Gebäck und steckt es sich in den Mund. Ich muss mindestens eine halbe Stunde warten, bevor ich ihm ein zweites Stück gebe. Im Wartezimmer liegt Mineralwasser in Glasflaschen aus. Ich gehe zum Tisch, fülle den Plastikbecher zu einem Viertel mit dem Getränk, zurück an Vaters Stuhl, halte ich ihm den Becher hin. Er trinkt einen kleinen Schluck. Blick nach innen, Schultern eingerollt. Er schlottert unter seinem Fleecepullover. Ich nehme seine Hände in meine und reibe seine dürren Fingerchen. Vater ist schwer gezeichnet von seiner Erkrankung, aber seine Hände sind immer noch sehr schön und braun. An guten Tagen sieht er wie ein reicher monegassischer Reeder aus, der sein Longevity-Programm zu exzessiv ausübt. An schlechten Tagen ist er ein krebskranker ehemaliger Gastarbeiter, dem man es ansieht. Er ist tapfer. Wir sprechen jetzt immer offener über die Frage, ob wir auch beide in Sachen Sterblichkeit einer Meinung sind. Sind wir. Sterben ist normal. Tot sein ist schön. Aber wenn noch etwas Leben drin ist, also richtiges Leben, im Sinne von Laufen, Essen, Verdauen, so reißen wir uns noch etwas am Riemen und machen mit, was immer die Gesundheitskasse zahlt. Aber nicht um jeden Preis. Chemo lehnen wir ab. Wozu, wenn ja doch alles klar ist. Ich spreche im palliativen Plural. Weil mich das alles genauso angeht wie ihn. Die halbe Stunde ist um. Ich ziehe das Laugencroissant aus der Tüte und reiche ein zweites Stück herüber. Ich habe schon viele Croissants versucht, die teuren, die aus der Nischenbäckerei, die aus der Dinkelbackstube. Am besten bekommt er das von Le Crobag hinunter. Er wischt meine Hand zur Seite. Er kann nicht. Im Arztzimmer werden wir erneut auf das Thema Trinknahrung angesprochen. Ich sage: Baba, das versuchen wir! Die Ärztin stellt ein Rezept aus. Später im Bus kämpfe ich mit den Tränen. Vater soll es nicht sehen, also schaue ich stoisch aus dem Fenster. Dann sagt mein baba, tamam kızım. Einfach so. Keine Ahnung, worauf er sich bezieht. Er hat recht. Es ist tatsächlich alles in Ordnung.
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19.09.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 38
Ich kannte mal einen Studenten, der eines Tages erstaunt feststellte, dass er bei weitem nicht so präsent im Denken seiner Freunde stattfand, wie er dachte. Richtig enttäuscht war er, dass nicht er der Lebensmittelpunkt seiner Freunde war, sondern sie selbst. Sein Name ist übrigens Dan. Ich habe keine Ahnung, was er macht und wo er lebt. Dan gewöhnte sich an, in jedem Gespräch an irgendeiner Stelle seinem Gegenüber zu sagen: "Glaub bloß nicht, dass ich den ganzen Tag über dich nachdenke und spreche." Und dann setzte er noch einen drauf. "Du wärest enttäuscht, wenn du wüsstest, wie wenig du in meinem Leben vorkommst". Dann schaute er erwartungsvoll was passiert. Meistens passierte nichts. Die banale Erkenntnis, dass jeder mit sich und seinem Kram beschäftigt ist, war nur für Dan neu und kränkend und in gewisser Weise auch erschütternd. Noch heute, Jahrzehnte später, erinnere ich mich mehrmals im Jahr an ihn und führe in Gedanken das Gespräch mit ihm fort. Halte stille Vorträge über Egoismus und Narzissmus. Über Selbst- und Fremdwahrnehmung. Aber das imaginierte Gespräch gelingt nicht. Denn auch der Versuch, einem anderen klarzumachen, dass man selbst in den engsten und verbindlichsten Beziehungen nicht im Zentrum steht, ist eine Grunderkenntnis, die man vermutlich menschlich erfahren muss. Es nützt einem nichts sie zu wissen. Und hat man es begriffen, muss man es hinbekommen, sein überhöhte Selbstbild ein paar Etagen tiefer zu hängen. Warum ich diese uralte Episode nicht einfach abhaken kann, verstehe ich auch nicht so recht. Es ist, als liefe ich durch eine Wiese und bliebe versehentlich an einer Klette hängen, die sich einfach nicht abstreifen lässt. Also muss ich mich bücken und mühsam das Geklett abfummeln. Vielleicht funktioniert die Erinnerung an Dan wie ein Spiegel für mich. Wahrscheinlich erkenne ich mich in ihm. Vielleicht bin ich insgeheim doch enttäuscht darüber, dass sich die Welt nicht um mich dreht? Aber warum veröffentliche ich dann nicht auf Instagram Fotos davon, wo genau ich den Lidschatten platziere und in welchem Restaurant ich war? Ob Dan glücklich darüber wäre, dass er gelegentlich doch ins Zentrum meines Denkens rückt? Doch das wäre er. Ganz sicher! Ich sehe sein Gesicht vor Glück leuchten.
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12.09.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 37
September in Berlin. Alles fängt an. Theater. Konzertsäle. Museen. Kinopremieren. Die Schwimmbäder, die im Osten Schwimmhalle heißen, bekommen veränderte, bessere Öffnungszeiten. Und der Ersatzverkehr auf der wichtigen Ringbahnstrecke wird, wenn alles nach Plan läuft, nur noch diese Woche fahren. Die Stadt füllt sich mit Geschichten. Füllt sich mit Leuten, die aus den Ferien zurückkommen. In der Zeitung las ich einen Lebenshilfeartikel darüber, wie man richtig ankommt. Neben den üblichen "Tipps" wie Wohnung lüften, Koffer auspacken, Post durchsehen, wird außerdem dazu geraten, das Zuhause bewusst zu erleben und zu umarmen. Im begrünten Hinterhof lief diese Woche ein Mann bedächtig und barfuß über den Rasen. Er führte seine Bewegungen akkurat aus und rollte den Vorderfuß wie in Zeitlupe ab. Angestrengt schaute er zum Horizont. Weder war er behindert noch alt oder anderweitig gebrechlich. Er wollte ganz offensichtlich einfach nur intensiv wahrnehmen. Einen Tag zuvor machte ein anderer Mann Yogaübungen und ließ Teile seiner Scham aus seiner sehr kurzen Hose baumeln. Hund und Hodensack schauten gemeinsam herab. Ich war noch nicht auf der Brücke auf der Museumsinsel, aber das ist jetzt ungefähr die Zeit, wenn auch der Straßenmusikerplan wechselt. Statt einer Akkordeonistin kommt vielleicht ein Saxophonist. Es wird keinen großen Unterschied machen. Denn in der ersten Stunde wird das gesamte Repertoire gespielt und ab der zweiten Stunde für den Rest des Tages nur noch ein Motiv. Eichhörnchen sind unterwegs. Uniqlo räumt ihre berühmten Daunenmäntel in die Regale. Bei Leuchtturm 1917 kann man die neuen Kalender fürs kommende Jahr bestellen. Wer sich beeilt, kann noch aus allen Farben wählen. Die gängigen Montbretien und Ginstersorten werden nun langsam ausblühen. Nur die Kapuzinerkressen leuchten noch und werden sicher bis in den November hinein strahlen.
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05.09.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 36
Den Herbstwind im August spüren, wenn es morgens kühler wird, und wissen, der September wird kommen, und dann ist Oktober. Wenn alles vergeht, aber die Chrysanthemen noch blühen. Zu wissen, dass das Jahr noch etwas Mindesthaltbarkeitsdatum hat, und erreichbar bleiben für dieses tiefe Gefühl von Zuversicht, obwohl wieder ein Jahr zu Ende gehen wird und doch niemand ging. Weil nichts aus den Fugen geriet, das nicht bloß in Gedanken erschütterte, sondern konkret und in echt. Da kommt manchmal so eine Lust auf. Auf ein kleines Haus, einen Garten, ein Versprechen auf Zukunft. Ich folge dem Wind auf die Felder, in den Wald oder einfach nur die scheußliche Prenzlauer Allee entlang, die bei diesem Wind ein klein wenig weniger scheußlich ist als sonst. Ein Soziologieprofessor riet in einem Interview, dass man die Augen nicht verschließen dürfe, aber auch nicht untergehen solle in Ängsten und Sorgen. Notkonserven und Trinkwasser im Keller seien Ausdruck von Rationalität und Eigenverantwortung in einer kriegsmöglichen Welt. Ich habe weder Ängste noch Sorgen. Ich habe – wenn ich sie habe – ja immer gleich echte Probleme. Einen dicken braunen Pullover müsste man haben. Einen, in dem man immer gut aussieht, und der genau richtig dick ist, um einen zu schützen. So einen Pullover hatte ich mal. Da war es auch kurz vor Herbst, und ich dachte, dass schon der Winter danach egal sein würde. Ich gab den Pullover weg. Und alles andere auch. Dinge, Sachen, Möbel. Richtig erleichtert war ich. Getäuscht habe ich mich. Schon im Jahr darauf war da eines Morgens wieder dieser späte, kühle Augustwind, der den Herbst ankündigte, und ich lernte, dass man nie zu früh abschließen sollte. Ich bin einfach nicht der Typ für Nudeln und Notstromaggregate im Keller.
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29.08.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 35
Ich habe jemanden kennengelernt. Er nennt sich Mitzi. Manchmal auch Mitzl. Oder Mimmi. Das kam so. Eines Tages laufe ich durch die Straßen und sehe einen Laden mit tollen Musikmagazincovern im Schaufenster. Ich bleibe stehen und schaue mir alles sehr genau an. Dann kommt ein Typ raus und sagt: Hey, komm doch rein. Ich bin Fotograf und mache hier gerade eine Ausstellung. Also gehe ich rein, und der Fotograf, ein wirklich sympathischer Typ, erzählt, dass sie mit ein paar Kumpels die schrammeligen Räume im Berliner Kiez gemietet hätten. Mal machen sie Musik, mal stellen sie Bilder aus. Dann schließen sie den Laden ab und sind wieder eine Weile unterwegs. Die ganze Zeit, während wir uns unterhalten, steht da dieser sehr lange, sehr dünne Typ neben uns, der Wein trinkt und Snacks knabbert. Er schlabbert von Kopf bis Fuß. Ich meine die Art, wie er sich bewegt. So ungelenk, und jedes zweite Nüsschen fällt ihm herunter. Keine einzige Salzstange schafft es in seinen Mund, ohne dass sie zerbricht und auf den Boden zerbröselt. Verkleckertes Hemd. Der Tropf macht wirklich keine gute Figur. Er mischt sich ständig ein. Wie heißt du? Was machst du? Wo wohnst du? Ich antworte ihm freundlich, aber kurz. Der Fotograf und ich nehmen unseren Gesprächsfaden auf. Bis es wieder losgeht. Hörst du Musik? Was liest du? Die anderen Kumpels von dem Fotografen und auch der Fotograf selbst sagen dazu kein Wort. Sie maßregeln ihn nicht. Das Verhalten des Lulatschs irritiert offenbar nur mich, bis ich erkenne, das ist deren Freund, die anderen akzeptieren ihn einfach so, wie er ist. Mitze ist wohl Musiker, vielleicht auch ein Autor, genau weiß ich es nicht. Aber ich kapiere schnell, dass der ganz offensichtlich aus der Umlaufbahn der bürgerlichen Gepflogenheiten herausgeschleudert wurde. Er ist blitzgescheit und nervtötend wirr zugleich. Und also kapituliere ich. Gut, Monsieur Mitzé. Ich lasse mich in Beschlag nehmen. Quatsch mich voll, denke ich. Er erzählt und erzählt und erzählt, und ich verstehe einfach gar nichts. Er springt von Thema zu Thema, sein Mitteilungsdrang stolpert ungefiltert über seine ungeordneten Gedankenflüsse und von Adorno zu Bach zu Kant und Hegel und Prince und Lindenberg galoppiert er mit mir armen Geisel im Schlepptau durch seine Welt. Er ist groß wie der Eiffelturm. Um ihm in die Augen sehen zu können, müsste ich wenigstens zwei Meter von ihm entfernt stehen, aber er ist sehr aufmerksam und sensibel auf eine fast mysteriöse Art. Er nimmt das wahr und also knickt er seinen ganzen Unglückskörper einmal in der Mitte durch und beugt sich zu mir herunter. Und als das nicht reicht, geht er auch noch etwas in die Knie. In dieser Position lässt er seine ozeanischen Wellen voller Wörter über mich schwappen. Kennst du Chopin? Chopin ist ein Idiot. Ich sage, ja, ich höre auch Chopin und finde nicht, dass er ein Idiot ist. Er steigt sofort ein. An welcher Stelle in welchem Stück von Chopin ist er deiner Meinung nach am wenigsten ein Idiot, fragt er ehrlich interessiert. Ich habe mit Chopin gebrochen, ich glaube nur noch an den Synthesizer, sagt er. Solche Sachen meine ich. So jemand ist definitiv super interessant. Als ich mit Müh und Not aus dem Laden geflohen bin, hat Mitzi mir nicht nur meine Emailadresse abgeluchst, sondern auch, was ich mache, wer ich bin, dass ich schreibe.
Als ich von meinem langen Spaziergang spät am Abend wieder heimkomme, habe ich bereits eine Email von Mitz bekommen. Das mit dem Namen, das werde ich später noch herausfinden, ist auch so eine schöne Eigenart von ihm. Mitzi Müll. Mülli Motz. Er denkt sich ständig Abwandlungen davon aus. Dieser erste Brief an mich ist wenigstens zwölf Seiten lang. Er schickt mir auch Links zu Filmen und Musik. Er hört nie damit auf, obwohl ich manchmal monatelang nicht antworte. Es vergehen Wochen, da höre ich nichts von ihm. Dann folgt eine Phase, wo er wieder jede Nacht was schickt. Ein paar Sätze oder gleich achtzig Seiten. Ein fremder Mensch, den ich nur einmal traf und seitdem nie wieder. Das geht nun schon seit fast drei Jahren so. Manchmal schreibt er Sammelmails an alle seine Kontakte, ohne die Emailadressen der anderen zu verbergen. Ob er die alle auf die gleiche Art kennengelernt hat wie mich? Er sendet faszinierend abwegig kuriose Tagebücher, wo er sein Inneres veranschaulicht, oder er schickt Hinweise auf Diskussionen, die er auf Facebook oder Wikipedia vom Zaun bricht, wo er rechthaberisch und kleinkariert seine Gegner zermürbt. Anschließend berichtet er ehrlich, wo er alles gesperrt und rausgeworfen wurde. Immer lädt er auch Musik hoch, die er komponiert hat. Stücke, die vierundzwanzig Minuten dauern und nur aus Rauschen und Klicken bestehen. Religion, Philosophie, sehr viel Musiktheorie, gemischt mit Begegnungen, die ihn ausnahmslos alle aus der Spur werfen. Gespräche mit dem Personal aus der Notfallambulanz oder mit Nachbarn. Offenbar beschwert man sich immerzu über ihn, weil er nachts haarsträubend laut seine Klick- und Rauschmusik macht, die manchmal auch wie rasselnde Ketten oder quietschende Gleise klingt. Er berichtet, dass er fastet. Dass er sein Internetarchiv gelöscht hat. Dass er wieder ein neues angelegt hat. Journale, in denen er neben seitenlangen Referaten auch einen halben Satz versteckt, der pure Verzweiflung ist und davon handelt, dass er sterben will. Aber auch das wird seziert, analysiert, unter weiterem Wortschutt begraben. Sein Schreibstil ist, das habe ich noch nie über jemanden gesagt: genial. Ich halte ihn für einen großen Künstler. Ob Drogen im Spiel sind? Aber dazu, glaube ich, ist er zu arm. Er trinkt wohl manchmal nur ein paar Schluck Saft am Tag, dann wieder isst er nur eine Dose Bohnen in der ganzen Woche. Ich habe Mitzel gelegentlich schon blockiert, weil er mir auf die Nerven ging. Aber nach ein paar Wochen vermisse ich ihn wieder, entblockiere seine Mailadresse und lasse es wieder laufen. Mitzi ist ein Fluss. Den muss man fließen lassen.
Dann tue ich, was ich sonst penibel vermeide. Ich schreibe ihm von mir und erzähle, dass ich eine schwere Zeit durchmache. Sehr kurz nur, zwei Sätze vielleicht. Viel zu privat, viel zu unangemessen privat, aber gut, ich bin leider auch nur ein Mensch. Er schickt mir einen Link zu Purcell und ich will ihm bloß mitteilen, dass das Stück mich genau zur richtigen Zeit erreichte. Und als habe er nun endlich einen konkreten Anhaltspunkt zu mir, der uns verbindet, nämlich mein absolutes Downsein, schreibt er: "Bald ist die Nacht vorüber und kehrt auch nicht zurück". Und einen Tag später, weil es ihn offenbar immer noch beschäftigte, schickt er mir einen Rat: "Die grundlegende Intelligenz zum Zuge kommen lassen, Mely. Das Geschwätz des Herzens mit dem Schwert der Intelligenz durchschneiden". Dann erzählt er mir von seiner Mutter. Sie war im Krankenhaus und habe seitdem einen Pflegegrad. Ihre Kinder wollten nichts mit ihr zu tun haben, die Nichte kümmere sich um sie. "Sie ist Jahrgang 1936", schreibt er mir, "ein typisches Kind der sogenannten Verdrängungsgeneration und selbst rabiat erzogen, wenn du weißt, was das für uns heißt. Ich habe ihr Mnouchkines Molière geschickt, mit den Worten ‚Molière ist auch gestorben‘…". Mein komischer, fremder, wundersamer Briefmimi berichtet mir zum ersten Mal über seine Familie, in einer Weise, dass ich alles verstehe und mir nun überlege, ob ich Mitzen nicht bitten sollte, dass er mir ein ganzes Buch über sich und seine Familie schreibt. Aber eigentlich weiß ich, dass das Blödsinn ist. Er ist so besonders, weil er nicht wie unsereins in Strukturen denkt und handelt. Er ist autonom und wild, und sein uferloses Nachdenken über diesen eigenartigen Begriff von Welt ist Ausdruck völliger Freiheit. "Ich bin der helle Morgenstern. Das ist der Satz, den ich aus der Bibel am meisten mag, Mely".
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22.08.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 34
Sind Farne nicht eine Sensation? Sie zählen zu den ältesten Pflanzen der Welt. Hunderte Millionen Jahre alt. Wie Dinosaurier des Waldes. Nur mit dem Unterschied, dass die Farne noch leben. Und doch wirkt nichts an ihnen robust oder unzerstörbar. Im Gegenteil, sie sind fedrig leichte Angelegenheiten. Wer es schafft, sich einen Farn im hellen Badezimmer zu halten, ist gewiss ein wunschlos glücklicher Mensch. Wenn das Badezimmer nicht allzu groß und der Farn ausladend gewachsen ist, würde man ihn sehr wahrscheinlich beim Einstieg in die Dusche streifen. Und beim Verlassen der Dusche gleich ein zweites Mal. Nichts ist so sanft wie Farn. Und geradezu chlorophyllgesättigt albern grün. Petersilie gehört zu den Pflanzen mit dem größten Chlorophyllgehalt, aber Petersilie ist struppig und besitzt nicht die luftige Grazie eines Farns. Gut, wenn man hier schon die spröde Struktur der Petersilie denunziert, sollte man auch kurz einen Abstecher zum Efeu machen. Efeu und andere sehr grüne Pflanzen mit schwerem Blattwerk rascheln nicht. Sie bewegen sich nicht einmal im Wind. Und was nicht tanzt und raschelt, erregt mein Interesse grundsätzlich nicht. Bambus bewegt sich, das ist der einzige Grund, warum man ihm sein Bambussein verzeihen kann. Besonders schön ist Farn in Wäldern, wenn er sich unter den Bäumen ausgebreitet hat und darauf wartet, was der Tag noch bringt. Wenn Sonnenstrahlen ihn beleuchten und ein leichter Wind durch ihn hindurch zittert. Ja Mensch, einen Farn müsste man in der Wohnung haben und sich von seinem Anblick beruhigen lassen. Wenn mal wieder jemand eine ellenlange Sprachnachricht schickt und einfach nicht zum Punkt kommt. Der Farn hat nämlich von Natur aus so eine ausgeglichene Art, die einem diskret zuflüstert: Calm down, baby.
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15.08.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 33
Gelegentlich, getrieben von einem Idealismus, die Welt "zu einem besseren Ort zu machen", bestelle ich Plantagenprodukte, bei denen man freiwillig etwas mehr zahlt, um die Produktions- und Arbeitsbedingungen zu verändern. Die Welt der Waren ist ein schlechter Ort. Tee, Kaffee, Haselnüsse und andere Produkte, die ich online bestelle, produzieren weitere Rattenschwänze an Ungleichheit. Ich mache mir da nicht wirklich etwas vor. Zwar wird die thailändische oder sri-lankische Reispflückerin in ihrer Frauenkooperative besser bezahlt und ihr Landstrich nicht pestizidbelastet, aber der ungarische Postbote, der die Waren in mein deutsches Zuhause wuchtet, kämpft vergeblich um seinen Mindestlohn. Die eigentliche Wahrheit ist natürlich auch, dass ich nur deshalb diese Lebensmittel bestelle, weil ich von ihrer erstaunlichen Qualität überzeugt bin. Eine Schokolade oder bestimmte Gewürze könnten noch hundertmal irgendwelchen Kindern eine Schulausbildung garantieren, aber wenn sie nicht schmecken, werde ich sie nicht kaufen. Kein Grund zum Jubel. Das sehen die jungen Händler, auf deren Webseiten ich zunehmend bestelle, offensichtlich anders. Sie legen den Paketen Postkarten bei, auf denen sie mir euphorisch zuwinken, als würden sie mir zum Geburtstag gratulieren. "Danke!", schreiben dann beispielsweise Justus, Laura und Wim. Sie haben die Ärmel hochgekrempelt, damit ich ihre Tätowierungen sehe, und auch sonst sehen sie supermodern aus. Das Schlimme sind die Rückseiten der persönlichen Nachrichten. "Wir haben Deine Bestellung total abgefeiert", "Hey, Du bist jetzt Teil unserer Community" oder "Du gehörst seit heute zu unserer Story". Überhaupt, die Storys. Jeder hat eine Story. Sie ist im Wesentlichen schnell erzählt. Es ist der Versuch, Geld zu verdienen. Das steht natürlich nicht auf der Karte. Es geht nicht um Realität, sondern um Geschichten. Zugehörigkeit. Bindung. Das wird wahrscheinlich in Gründerseminaren so vermittelt. Die Vorstellung, dass ich in der Drogerie einen Lappen kaufe und Dirk Rossmann mich persönlich an der Tür begrüßt und mir so alberne Dinge sagt wie "Hallo! Schön, dass Du Teil meiner Lappenstory bist", ist nicht weniger befremdlich als die Postkarten von Sören und Charly von den Coffee Heroes, Tee Piraten oder Spicy Spicy Superworld. Manchmal überlege ich mit einer Postkarte zu antworten: Hey Buki und Julienne! Man kann gegen Götz Werner und andere Social Entrepreneure sagen, was man will, aber sie haben einen wenigstens nie mit ihrer personality genervt. Bitte feiert mich nicht ab. Ich bin auch nicht auf Instagram, wo ich euch bewerten soll, weil es dort wahrscheinlich von Leuten wie euch nur so wimmelt. Just let me in Ruhe. Ich fühle euch. Küsschen!
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08.08.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 32
Eine Krähe hackt eine Nuss auf dem Bordstein auf. Eine Frau stellt kurz die Einkaufstüten ab. Ein Baby quietscht aus dem Kinderwagen. Kartographie des Alltags. Ich notiere in Gedanken. Gleichbleibend ereignislos. Tiere, Menschen, Asphaltpanorama. In dieser Straße passiert nie etwas ungewöhnliches. Komisch, dass mein Auge die vielen parkenden Autos automatisch ausradiert. Wie kann man nur so furchtbar hässliches Eigentum haben. Ich halte Ausschau nach Sommerflieder, nach Kletterrosen oder Blauregen. Und überlasse allen den Vortritt. Drängeln, schupsen, schieben, ich mache bei dieser Choreographie der Großstadt nicht mit. Haben die anderen zu wenig Zeit, habe ich eben mehr Zeit. Reine Einstellungssache. Gehen wie ein Greis. Immer auf der Suche nach den Resten einer betörenden Perspektive auf einen ganz gewöhnlichen Donnerstag in einem ganz gewöhnlichen Leben. Vater ist jetzt wieder bei mir. Bedürftiger denn je. Hat Angst. Will leben. Will nicht krank sein. Will sich nicht mit dem Ende befassen. Schau sage ich, alles was wir sehen, macht doch im Prinzip nicht Lust auf mehr. Nein, sagt, er, das sehe ich anders.
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01.08.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 31
Der Orthopäde im Wedding ist ein miserabler Arzt. Das ist an sich noch nicht die Nachricht. Die Stadt ist voll von miserablen Orthopäden. Die Praxis ist desaströs organisiert. Spektakulär desaströs. Obwohl man einen Termin hat, führt kein direkter Weg in die Räumlichkeiten hinein. Man muss manchmal bis zu einer Stunde in der Warteschlange, die sich bis runter ins Treppenhaus staut, anstehen. Im Schnitt dauert es zwanzig Minuten, bis man eine Treppenstufe weiter vorankommt.
Eine Weddinger Omma mit Rollator stürmt ins Treppenhaus. Resolut klemmt sie sich ihre Gehhilfe unter den Arm und schlängelt und drängelt sich mit dem Wägelchen an den Wartenden vorbei. "Ick bin Terminkunde", ruft sie. In der Warteschlange stehen an diesem Morgen sehr viele arabisch- und türkischsprachige ältere Patientinnen mit ihren dolmetschenden Enkeln. Niemand beklagt sich, niemand pfeift die Omma zurück. Für den Wedding eher untypisch, ist sie bebroscht und ordentlich frisiert und sieht eher nach einer Eigentums-Omma denn nach einer Grundsicherungs-Omma aus.
Oben angekommen, will die Sprechstundenhilfe sie abwimmeln. Es stellt sich heraus, dass sie doch keinen Termin hat. "Ick habe heute früh durchjeklingelt!", will sie verhandeln. Aber die junge Frau schüttelt den Kopf. Es gilt, was sie auch schon am Telefon sagte. In drei Wochen könne sie mit dem Arzt sprechen. "Ick hab aber jetzt die Schmerzen", beharrt die Omma, die nun allerdings wieder am Rollator steht und, ich weiß nicht, bilde ich es mir ein, oder hat sie auf einmal einen Buckel? "Ick bin hier in Behandlung", schnoddert die Omma weiter. Sie zählt auf wofür. Wegen hier, hier und hier. Sie zeigt auf alle möglichen Körperteile. "Wegen de Beene ooch", schreit sie nun deutlich lauter. Vielleicht denkt sie, dass die junge Frau mit dem Kopftuch doch kein Deutsch versteht. Die Omma lässt sich nicht abwimmeln. Dann will sie wenigstens ein Rezept mitnehmen und außerdem sei der "Thorben" vom ambulanten Pflegedienst ganz toll.
Interessant ist weniger, was die Omma erzählt, sondern ihre Metamorphose. Die Frau, die eben noch laufen, drängeln und meckern konnte, verwandelt sich vor aller Augen von einer resoluten Nervensäge in Pflegestufe vier. Sie klappert und tattert, sie wird immer kleiner und gebrechlicher und irgendwann, so kurz vor brüchiger Stimme und Schlaganfall, wird die Frau am Tresen weich. Die schafft es einfach nicht, bei ihrer Weigerung zu bleiben, die Patientin bevorzugt zu behandeln. Die Omma hat gewonnen. Sie darf im übervollen Wartezimmer Platz nehmen. Sie rammt einem alten türkischen Mann den Rollator vors Knie, der wortlos aufsteht und ihr seinen Platz anbietet. Keine Frage, die Omma ist unverschämt und Gott schütze Thorben, wer weiß, was der arme Mann mit ihr durchmacht, aber die Omma ist irgendwie auch genauso wie man sich eine Omma im Wedding vorstellt. Eine richtig tolle Schreckschraube.
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25.07.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 30
Schon als Kind haderte ich mit dem Kindsein. Ich wünschte immer, ich hätte ein paar Stufen überspringen und Oma sein dürfen. Omasein versprach so viel mehr Möglichkeiten, so viel mehr Spaß. Später haderte ich damit, Teenager zu sein. Oder die feste Freundin von jemandem. Ich wurde Autorin. Das richtig brutale, selbstzerfleischende Hadern begann. Es hatte auch gute Seiten, weil es das Schreiben vital hielt. Beliebig auch, klar, weil das viele Herumprobieren keine innere Stimme zuließ. Das dauerte ein paar Bücher lang. Dann ging ich in eine Buchhandlung und blätterte mich durch die deutsche Gegenwartsliteratur meiner Zeit durch, die 2000er-Jahre. Wow, dachte ich! Sowas wird gedruckt? Auf das Hadern hatte das keinen Einfluss, aber ich begann konsequent Übersetzungen aus dem Ausland zu lesen. Die Japaner, Skandinavier, vor allem finnische und estnische Literatur, nahezu alles aus dem Hebräischen. Fontanelle oder Judiths Liebe von Meir Shalev, Villa Europa von Ketil Bjørnstad, Generationen und Epochen übergreifendes Erzählen, epische Schinken, die man nicht mehr aus der Hand legen kann.
Das Hadern ist weg. Ich kann genau sagen, seit wann. Seit unsere Welt in großen Sprüngen rückwärts rast und wahrscheinlich irgendwo vor der Aufklärung landen wird, ist der Beruf endgültig nicht mehr peinlich, sondern vorzeigbar. Das Schreiben verteidigen. Eine Sprache pflegen. Freude und Lust kultivieren. Geschichten bergen. Selenskyj, der den Künstlerberuf wechselte und als Politiker in Cannes eine Rede hielt, ermutigte seine ehemaligen Kolleginnen und Künstler die Welt in ihrer Sprache zu erzählen. Was ist unsere Sprache? Auf einmal fiel mir auf, was mir ohne die aktuelle Politik nie aufgefallen wäre. Als Geschichtenerzähler konkurrieren wir mit den Faschisten. Denn wir benutzen beide das gleiche Mittel: die Sprache. Die Faschisten wollen manipulieren und die Welt als engen, dunklen Ort erzählen. Ihre Geschichten enden immer mit Erlösung. Der Schriftsteller verachtet das Happy End. Nicht, weil es nicht schön wäre. Sondern, weil es das nicht gibt. Jedenfalls nicht im Sinne von End. Die Schriftsteller wissen, die Welt ist ein komplizierter Ort, weil der Mensch darin lebt. Er steht im Mittelpunkt. Der Faschist rückt "das System" ins Zentrum. Die Schriftsteller sind klug. Die Faschisten auch.
Deshalb: mit Worten gegen Worte wehren. Heinrich Mann sagte mal, die Moderne (er meinte damit die Aufklärung) begann mit der Eroberung des individuellen Denkens. Das Hadern hat hier keinen Platz. Es ist ein Luxus für bessere Zeiten. Hadern ist ein Ausdruck von Ohnmacht. Erzählen ist Macht.
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18.07.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 29
Die Stadt hat sich leer gelebt. Die Häuser sind fertig bewohnt, die Boulevards zu Ende flaniert. Wo einst die Plätze zum Sitzen und Schwatzen luden, über uns die Baumkronen und unter uns der Schatten, schreien die Junkies ihren Wahnsinn heraus. Kühl ist es nirgendwo mehr. Baustellen. Straßenschilderwirrwarr. Hitze und Enge machen die Bewohner zornig. Manchmal, nein, oft radelt ein Fahrradfahrer neben einem Auto und droht dem Fahrer was aufs Maul zu geben. Und Baumschnitt im Sommer, zur Mittagszeit, von Amts wegen – wo gibt‘s denn sowas. Die Wiesen? Ach, die paar Wiesen. An den Baumscheiben stehen die Hunde Schlange und konkurrieren mit den Obdachlosen, wer als erster Pipi machen darf. Aus dem geöffneten Fenster einer alten Oma weht die Gardine heraus. Sie hört Schumann-Suiten auf Klavier. Da oben bei ihr wäre man jetzt gerne. Unten auf der Gasse schreit eine anne ihr Kind auf Türkisch mit dem Klassiker aller Mutterflüche an: allahın belası, Gottes Strafe. Wenigstens auf die Arte-Mediathek ist Verlass. Wer die kuratiert, sollte einen Fernsehpreis bekommen. Die schlimmste Zeit aber kommt noch. Die nach den Sommerferien. Wenn sie zurückkommen und langatmig ihre Urlaube erzählen. Die besonders Schamlosen dokumentieren täglich im WhatsApp-Status ihre atemberaubend ereignislos verplemperte Zeit für Mordssummen. Gestern begrüßte mich mein Arzt mit der Klage, dass ein Urlaub mit allen sechs Patchwork-Kindern im Robinson Club vierzigtausend Euro kosten würde. Was ich an seiner Stelle täte, fragte er. Was weiß denn ich. Kinderheim? Zur Adoption freigeben? Lebenstrubel und Sonderangebote im Lidl. Der Sommer macht Lust auf nichts.
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11.07.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 28
Ich entdeckte ein Buch, schlug es auf und fand den perfekten ersten Satz: "Harold Chasen stieg auf den Stuhl und legte sich die Schlinge um den Hals". Ich habe niemals zuvor einen schöneren, knapperen und verführerischeren ersten Satz gelesen. So geht es weiter, der arme Harold baumelt bereits vom Zimmerbalken, als seine alte, stinkreiche Mom nach Hause kommt, erst den Abschiedsbrief auf der Kommode, dann die baumelnden Füße ihres Sohnes entdeckt. Mrs. Chasens spontane Reaktion ist weder ein hysterischer Nervenzusammenbruch noch ist sie überrascht: "Also wirklich Harold. Es scheint dir völlig egal zu sein, dass die Crawfords heute zum Abendessen kommen." Hat man jemals etwas Tadelloseres gelesen? Das erste Kapitel hat bloß zwei Seiten, und ich zappele längst in den epischen Spinnenfäden von Colin Higgins‘ Erzählkunst. Der Australier Higgins wurde bloß 47 Jahre alt, weil er früh an Aids verstarb. Harold und Maude war seine Abschlussarbeit für das Drehbuchseminar, das er in Los Angeles belegt hatte. Super ungewöhnlich auch, dass er zuerst das Drehbuch schrieb und im Jahr darauf erst den gleichen Stoff als Roman. Kann mich nicht erinnern, dass es das schonmal so gab. Oder doch? Higgins erzählt mit den Augen einer Kamera. Man liest schauend. Kurz nachdem Harold sich vermeintlich erhängte, fand seine Mom ihn übrigens blutend aufgeschlitzt in der Badewanne. Harold hat nämlich eine richtig tolle Macke. Er kann dem Überdruss seines reichen, leeren Lebens mit nichts anderem begegnen, als seine Mutter durch fingierte Suizide zu schocken. Aber Mrs. Chasen ist hartgesotten, und überhaupt ist es alles sehr lustig und rührend und ich natürlich total verzweifelt. Weil ich mir schwor, die kommenden Monate, in denen ich eine neue Schreibaufgabe beginnen möchte, keine Prosa mehr in die Hand zu nehmen. Wie immer ein völlig sinnloses Vorhaben, weil ich dann doch wie ein Drogensüchtiger (vor allem in den Nächten) auf die Suche nach Romanen gehe, die ich noch nicht las. So entdeckte ich diesen Text, weil Diogenes ihre modernen Klassiker mit neuen Buchumschlägen herausgibt und dafür so intensiv warb, dass es auch mich erreichte. Wer so einen ersten Satz sieht und nicht gierig weiterliest, ist sowieso kein Mensch. Nun ist er wieder da, dieser olympische Anspruch, sich mit den Besten zu messen, von jenen zu lernen, die mit allererster Sahne und Premiumbegabung auf kleinem Raum ein Universum von Milieu, Marotten und Menschendasein erschaffen können. Die mit Fantasie und Lust und Witz eine Story erzählen, die von ein paar sehr interessanten Menschen am anderen Ende der Welt handelt, und man selbst hat nur das übliche Alphabet zur Verfügung. Ich hasse und ich liebe es.
Hilfe und Beratung: Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge online unter www.telefonseelsorge.de oder bei den kostenlosen Hotlines 0800-111 0 111 und 0800-111 0 222 rund um die Uhr Hilfe.
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04.07.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 27
Die Gedanken frei sein lassen. Das sagt sich so leicht. Das wird die Welt kaum mehr gutmachen, was sie mir an Fragen gerade aufbürdet. Aber was mich am meisten fertig macht, ist, dass ich noch nicht an der Reihe bin. Michel Friedman packte mich neulich an den Schultern, schaute mir fest in die Augen und sagte: "Ihr müsst euch jetzt kümmern. JETZT!" Aber, wollte ich entgegen, noch sind es die anderen, die bangen, hoffen, fliehen. Die trauern, die weinen, deren Lichter erloschen sind, weil sie ihre Kinder begruben. Neben diesem Leid verbieten sich doch jegliche Sorgen, Vorahnungen, Ängste um sich und seine Familie. Das ist ja unsere deutsche Kernkompetenz, dass wir jede Weltverletzung, die woanders geschieht, so lange drehen und wenden, bis sie zu unserem Trauma wird. Die "Was wird aus mir, wenn..."- Frage, die wir noch in der Minute, in der woanders eine Bombe eben abgeworfen und kaum detoniert ist, alle so meisterhaft artistisch aus dem Ärmel zu schütteln in der Lage sind. Wir funktionieren alle nach dem Prinzip dieses sehr alten Witzes, wo Helmut Kohl seine Frau fragt: Du Hannelore, wenn einer von uns beiden stirbt, was wird dann aus mir? Die Gedanken wollen aber raus und natürlich frage ich mich, sind Zukunftssorgen wirklich die einzig angemessenen Gefühle? Reiner Haselhoff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt sagte neulich den überaus peinlichen Satz, dass er nach einer AfD-Regierungsübernahme in seinem Bundesland "auswandern" werde. Auf die Frage wohin, antworte er, in einen anderen Teil Deutschlands. Etwas Obszöneres hatte man in der deutschen Politik doch lange nicht mehr gehört. Ein Katholik mit Pass, Möglichkeiten und Mandat, in dessen Windschatten der deutsche Neonationalsozialismus gemütlich gedeihen konnte, verwendet den Begriff "auswandern" für den lapidaren Akt des Adresswechsels. Er stellt sich in eine Reihe mit Millionen Menschen in diesem Land, denen Deportationen bevorstehen könnten. Wie ich schon sagte, das sind so deutsche Kernkompetenzen. Für Millionen Menschen in Deutschland ist die Frage der AfD-Machtübernahme nicht mit der Entscheidung Dessau oder Düsseldorf verbunden. Für sie ist die Welt, in der nicht nur die Länder kartographiert sind, sondern auch der Himmel und das Meer, ja, sogar die Luft, kein Ort mit offenen Türen.
"Mein" syrischer Flüchtling Mo, den ich 2015 adoptierte, rief mich vergangenes Wochenende an und fragte, ob ich ihn zu einer Immobilienbesichtigung etwas außerhalb von Berlin begleiten würde. Donnerwetter, dachte ich, keine zehn Jahre später promoviert er und will für seine Kinder ein Haus kaufen. Beides ist mir in fast fünfzig Jahren nicht gelungen. Ich lernte die Familie kennen, da hatten sie eben erst eine gefährliche Bootsfahrt im Januar überlebt. Im Winter sind die Überfahrten billiger, weil die Wahrscheinlichkeit zu überleben geringer ist. Mos sehr alter Vater bekam auf der Überfahrt offene Füße, eine seltsame Krankheit, die ihn in dem Moment überfiel, als sie aus dem Boot in den griechischen Sand fielen. Als wollten die Füße des alten Mannes sagen, es ist genug. Er war ein palästinensischer Flüchtling, der schon als Kind vertrieben wurde, in Syrien im Flüchtlingslager seine Kinder bekam und dessen Enkel nun in Deutschland zur Welt kommen. Drei Generationen, mehrere Währungen, Alphabete, Sprachen, Pässe. Für Mo ist der Zukunftsbegriff ein Lufthauch, ein flüchtiger Moment. Seine Art, dem Leben zu begegnen, ist, es einfach zu leben. Das alles sehe ich auch und habe Ghayath Almadhouns Verse im Ohr: Der einzige Grund, warum ich mein Land nicht hasse, ist, weil ich kein Land habe.
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27.06.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 26
Man müsste mal Fagott spielen und an Gott glauben. Einen alten Schulfreund anrufen und einander gestehen, was in den vergangenen Jahrzehnten im Lebenslauf alles schieflief. In eine literarische Gesellschaft eintreten und in Erwägung ziehen, zur nächsten Jahrestagung mit fremden Mitgliedern nach Tallinn zu reisen. Neulich sah ich die Leute von der Erich-Mühsam-Gesellschaft, sie sahen freundlich aus. Wie richtig gute Menschen aus der Provinz. Man müsste ab Mitte fünfzig alles über den Haufen werfen, Beruf und Wohnort wechseln und neu anfangen. Nicht Norwegen oder etwas ähnliches Radikales, sondern ins Allgäu ziehen. WG-Zimmer und nachmittags in der örtlichen Käserei täglich dreitausend Käselaibe mit Salzlake unter Mindestlohn einreiben.
Das nächste Mal sollte man nicht vor dem Fernsehteam fliehen, das mit billigen Straßenumfragen teure Sendeminuten füllt und in dieser einen Shoppingmeile immer auf Stimmenfang geht. Ganz egal wie die Frage lautet, sagen, ich kenne die Antwort nicht, aber ich wünsche mir eine Politik der lächelnden Herzen. Und dabei ganz lieb in die Kamera schauen. Und wenn sie das Mikro nicht weggenommen haben, rasch noch ein paar Gedichtzeilen aus der Hüfte schießen. Irgendwas Niedrigschwelliges für die Abendprogramme im Dritten. Vielleicht von Rose Ausländer: "Wirf deine Angst in die Luft. Noch duftet die Nelke. Noch darfst du lieben." Der Zitronenbaum auf dem Balkon dürfte an sich keine Früchte tragen. Falscher Standort, falsche Erde, falsches Klima. Trotzdem hängen seit einem Jahr ununterbrochen faustgroße Zitronen mit duftender Schale und herrlichem Saft an den Zweigen. Man müsste die Samstage auslassen und das Wochenende gleich mit dem Sonntag beginnen. Man müsste sich entscheiden, entweder einen CD-Spieler kaufen und die Musik auflegen oder alle CDs endlich wegwerfen. Und diese eine Cousine, die man mal so mochte und die so furchtbar kompliziert geworden ist, einfach still und heimlich aus dem Adressbuch der Erinnerungen streichen. Ach, und sagt mal: Hat irgendwer die Blume2000-App und sammelt Blumenpunkte? Lohnt sich das?
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20.06.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 25
Wir müssen durch diese Tür, sagt mein Vater und zeigt mit dem Finger in die Richtung. Nein, sage ich, wir müssen ins Erdgeschoss und bei den Fahrstühlen warten. Ja, sagt mein Vater, das ist hier entlang. Nein, sage ich, da hinten ist es. Ich gehe vor. Ich werde an diesem Morgen noch viele Male vorgehen. Und immer wird mein Vater, der hinter mir her schlurft und schwankt, behaupten, zum Wartebereich oder in den Gang, wo die Patienten auf ihre Röntgenuntersuchung warten sollen, sei aber woanders.
Der Arzt fragt meinen Vater, ob er den Beratungsbogen und die Abfrage nach Krankheiten in einer anderen Sprache ausdrucken soll. Oh gerne, sagt mein Vater. Mein Vater spricht ein sehr gutes Deutsch, allerdings mit starkem Akzent und sehr leise. Man ist sich nie ganz sicher, ob seine Antwort schon beendet ist, oder ob noch was kommen wird. Der Arzt setzt sich sehr freundlich, ja fast freundschaftlich mit seinem Arztstuhl so, dass er neben meinem Vater sitzt. Dann zeichnet er mit dem Stift ein paar Organe und Striche und Kreise und zeigt, was er mit Vaters Organen anstellen wird. Später wird mein Vater die Blätter in seiner anderen Sprache gar nicht lesen können, weil er vergaß, die Brille mitzunehmen. Gemeinsam kämpfen wir uns durch den deutschen Anamnesebogen, den ich mir dann doch noch geben lasse. Mein Vater verneint alle Fragen. Obwohl er bei der Hälfte wahrheitsgemäß ein Ja angeben müsste. Gut, dass ich mitgekommen bin.
Später, wir sind schon auf dem Rückweg, regnet es. Mein Vater braucht eine Weile, bis er den Regen überhaupt wahrnimmt. Dann nimmt er den Schirm umständlich in die Hand und versucht ihn zu öffnen. Mittlerweile regnet es so stark und windet zusätzlich, dass er das nicht hinbekommt. Er weiß, dass ich ihn beobachte, und das stresst ihn ungemein. Ich greife nicht ein. Helfe nicht. Wir sind beide schon längst klatschnass, als er den Schirm endlich aus dem Klickmechanismus befreit und dieser sich schießend aufspannt. Er hält den Schirm über unsere beiden Köpfe. Das war wichtig, dass er für einen Moment an diesem Tag der Papa sein konnte, der er vor vielen Jahrzehnten war. Sorgend, behütend, den schützenden Schirm über seinen Kindern haltend.
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13.06.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 24
Heute, 150. Geburtstag von Thommy. An jeder Litfaßsäule in Lübeck klebt sein Gesicht, von überall her sind wir ihm zu Ehren zur Tagung angereist. Die Innenstadt von Lübeck eine Insel, umgeben von der Trave, wie eine Festung, und mittendrin, beste Lage, ein Karstadtskelett. Das ist jetzt überall so, in jeder mittelgroßen Stadt steht ein Benko-Mahnmal, das einem "Geh scheißen!" ins Gesicht schreit, und mit innerer Stimme antwortet man dem Finanz-und Immobilienkapitalismuslooser zurück: "Auch du kannst es nicht schaffen".
Ich habe im Heinrich-Mann-Zimmer des Altstadthotels eingecheckt, die Günter-Grass-Suite war schon belegt. Jeden Zentimeter lief ich durch Marzipantown, um etwas vom Mann‘schen Geiste in die Birne zu gurgeln, aber da war nichts. Selbst das Buddenbrockhaus, das einstige Elternheim von Thomas Mann, ist zu diesem großen Jubiläum "im Umbau", so wie Deutschland auch.
Thommy, das ist längst bekannt, war im Umgang mit Nazis, trotz seinem Hang zum abgespreizten kleinen Finger, nicht zimperlich. Ihrer "defekten Menschlichkeit" begegnete er immer mit der angemessenen Menge an Hass. Er hasste nicht normal temperiert, nicht mit dem Hass der kleinen Leute, sondern pflegte einen "wirklichen, tiefen, unauslöschlichen, tödlichen Hass".
Als Roosevelt starb, wandte sich Thommy in seiner monatlichen Rundfunkansprache aus Los Angeles direkt an Hitler ("hohle Null") und stellte ihm die ehrlich interessierte Frage: "Schande genug, Du Völkermörder, dass Der gehen musste und du noch lebst. Wie kommst du dazu, noch zu leben?". Möchte mal wissen, was los wäre, wenn ein deutscher Schriftsteller einem faschistischen Führer den Tod wünschte. Die geistig Wadentätowierten von Springer und Co. würden wahrscheinlich gemeinsam mit den Twittersnipern aus Russland so lange Heulkrämpfe inszenieren, bis sich alle Verlage vom Delinquenten trennen und wenigstens ein Podcast abgesetzt werden würde.
Einmal war Thommy richtig schön down und nicht mehr in der Lage zu schimpfen. Vielleicht wusste er auch nicht, wie er die Vorzüge von Demokratie und Menschenrechten noch bewerben sollte: "Glaubt mir", sang er seinen Hoffnungsvers, "die Freiheit ist immer noch, unberührt von allem Geschwätz und allen Launen der Geistesgeschichte, was sie vor zweitausend und etlichen Jahren war: das Licht und die Seele des Abendlandes, und die Liebe". Die Liebe, der good old player des Antifaschismus! Thommy, altes Haus, happy birthday.
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06.06.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 23
Am Kölner Hauptbahnhof, beim Heberer, wo es die besten belegten Brötchen gibt, bestellt ein Kunde Espresso. Ganz fein gekleidet ist er. Sein Hemdkragen ist etwas spitzer als heutzutage üblich, über dem Hemd trägt er einen Kaschmirpullover, und seine Schuhe sind uralt – aber bestens gepflegt und poliert. Solche Schuhe werden heutzutage gar nicht mehr hergestellt. Behaupte ich jetzt einfach mal so. Weil für üblich diese Art Herren diese Art Sätze sprechen. Offensichtlich ist Italienisch seine Erstsprache. Die Worte fallen weich aus seinem Mund und enden alle auf einen Vokal. Zum Mitnehmen, wird er gefragt, jaja, antwortet er, "zu mitnemme". Er bekommt seinen Espresso und wird um drei Euro achtzig gebeten. Wie viel? Drei Euro achtzig, wiederholt der junge Mann vom Personal langsam und laut. Drei Euro achtzig, habe ich verstanden, sagt der Italiener, aber "warumme"? Warum was? "Warumme so teuere?", fragt der Italiener und macht die berühmte, internationale Mittelmeer-Handbewegung, mit der jede Frage gestisch betont wird. Sie geht so: Während man die Frage stellt, dreht man die rechte Hand zweimal so um, als drehe man eine Glühbirne in eine Fassung. Ja, also warum? Warum kostet der Espresso so viel? Der Italiener bekommt keine Antwort. Er nimmt den Espresso vom Tresen, geht zum Selbstbedienungstisch und öffnet ein Beutelchen Zucker. Langsam lässt er ihn in den Kaffee rieseln. Bei uns in Aachen, sagt er, kostet der Espresso weniger. Viel weniger! In "Aakene", betont er nochmal und schaut verwundernd, weil er das Gefühl hat, niemand wisse, wo Aachen liegt. Ich trete einen Schritt aus der Warteschlange hervor und antworte als eine Art griechischer Chor, Aachen, bezaubernder Dom (als wäre ich jemals dort gewesen). Und weil ich mich schon einmal vorgewagt hatte, versuche ich die Stimmung zusätzlich weiter aufzuheizen und murmele von der Seitenlinie hetzend, "wüsste ich auch gerne, warum der Espresso so teuer hier ist". Ich bin vom Fach, sagt der feine Herr, während er filmreif den gesüßten Espresso runterkippt und dabei den Finger spreizt. Das silberne schwere Armkettchen lugt schwingend aus dem Hemdärmel hervor. Ich habe ein Eiscafé in Aachen, sagt er, während er das Geld aus seiner piccobello gebügelten Hose fummelt und die Münzen formvollendet klimpernd auf den Tresen knallt. Bei uns in Aachen ist der Espresso nicht teuer. Jawoll, jubele ich innerlich, gib es diesen Snobs, die glauben, dass ein deutscher Hauptbahnhof vom Standort vergleichbar mit der Rialtobrücke sei. Insgeheim hoffe ich auch, dass er noch etwas zu den Brötchenpreisen sagt oder zur Qualität des Kaffees, egal was, er soll bleiben und ewig weiter motzen. Sein ganzer Auftritt, sein Look, seine Attitüde, seine Garderobe sind so gestrig, so Gastarbeiter, so BRD. Wenn ich den Mut hätte, würde ich ihn fragen, wie sein Eiscafé heißt. San Remo oder ganz klassisch Gelato Italiano am Ostbahnhof? Dieser Mann trägt eine Zeit in sich, als es noch kein elendes Barristaprekariat gab, das zu blöd ist, einen Kaffee in unter fünf Minuten aus einer Siebträgermaschine zu dilettieren. Dieser Mann hat Charisma und mit Sicherheit eine Schuhbürste aus dunklem Buchenholz und Rosshaar. Ich wette, dass er auf göttliche Weise seine erwachsenen Kinder zusammenzuscheißen in der Lage ist, und seine Enkelkinder liebt, wie nur ein es kann. Das Problem geht doch viel weiter. Diese drei Euro achtzig sind doch nur die Spitze des Eisbergs. Wieso bekamen deutsche Bäckereien jemals eine Schanklizenz für italienischen Kaffee? Ihre Kernkompetenz sind Kännchen Kaffee aus dem Melitta-Vollautomaten. Oder Dallmayr Schümli, was immer da ist. Ich möchte diesen vornehmen, stolzen Mann so viel fragen. Was denkt der Signore aus Aachen darüber, dass jeder deutsche Sternekoch irgendwas aus Gemüse in dünne Scheiben schneidet und es Carpaccio nennt? Dass Krokodilmilch oder irgendetwas ähnlich Befremdliches nach Art eines Cappuccino-Schaums zu weißer Gischt moussiert in Espressotassen zum Trinken gereicht wird? Was denkt er über den frechen amerikanischen Trend, Pizza zu frittieren? Aber ach, vielleicht geht seine Expertise über die Belange der italienischen Gastronomie hinaus? Was denkt er über die Welt, das Heute? Er aber dreht sich einfach um und geht und verschmilzt mit dem Strom der Reisenden. Ich weiß nicht, an welches Gleis, wie er heißt, nur eins weiß ich gewiss, wer ihm folgt, steigt in der Gegenwart zu und landet in einer Vergangenheit, in der Aftershave noch nach Bergamotten roch.
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30.05.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 22
Mein Freund ist vor drei Jahren Wunschvater geworden. Er macht mir ein Geständnis. Er liebe seinen Sohn abgöttisch, beginnt er seine Beichte. Aber das Spielen mit dem Kind langweile ihn zu Tode. Deshalb habe sein Kleiner keine Freunde. Denn dazu müsste er mit dem Jungen zum Spielplatz zu den anderen Kindern, und das sei ja überhaupt die Höchststrafe. Der Sandkasten. Zu anderen Kindern nach Hause gehen könne er auch nicht. Denn da sind die Väter oder Mütter der potenziellen Spielkameraden, und die langweilen ihn erst recht. Dann geh halt nicht auf den Spielplatz, ermuntere ich meinen Freund, und geh auch sonst nirgends hin, wo du nicht hinwillst. Der Junge ist in der Kita, reicht das nicht? Irgendwann ist dein Sohn alt genug und kann sich selbst um Freundschaften kümmern, zeige ich einen Ausweg. Vielleicht ab vier oder so?, mutmaße ich ins Blaue, dann ist er alt genug, um sich einen Freund zu suchen, mit dem er spielen kann. Ich muss ihn aber doch fördern und unterstützen, jammert mein Freund. Du fütterst ihn und schmust, du zahlst seine Windeln, Bananen und Kinderbücher, ich nehme an, dass er Spielzeug besitzt. Ist das nicht Förderung genug? Nein, sagt mein Freund, das zählt zur Grundversorgung, ich muss darüber hinaus für ein intaktes soziales Umfeld für meinen Sohn sorgen. Deine Ehe ist im Eimer, erinnere ich meinen Freund. Noch unintakter wird es nicht. Ja, aber gerade deshalb sollte ich mein Kind nicht behindern, sich in einem gefestigten Umfeld mit Freunden zu bewegen. Ich sage meinem Freund, dass sein Dreijähriger einen ganz munteren Eindruck auf mich macht und weder emotional noch intellektuell unterversorgt aussieht. Findest du, fragt mich mein Freund, glaubst du, er ist normal entwickelt? Ich denke schon, beruhige ich ihn. Zwar ist er noch nicht alphabetisiert, aber immerhin beherrscht er den aufrechten Gang. Für die Hauptschule wird es sicher reichen. So geht das eine Weile hin und her. Wir kommen an einem Spielplatz vorbei. Schau, sage ich zu meinem Freund. Alle sehen missmutig aus. Müde Mütter und Väter, die kaum in der Lage sind, ihre Augen aufzuhalten. Die Erwachsenen untereinander unterhalten sich nicht. Und die Kinder spielen jedes für sich allein. Niemand lacht. Aufmerksam schaut mein Freund sich das Wimmelbild an. Stimmt, sagt er, jetzt sehe ich es auch. Hier herrscht keine Freude. Siehst du, sage ich. Da geht es deinem Sohn besser. Er lebt sozial isoliert, aber wenigstens hat er einen ausgeruhten Stubenhocker als Vater.
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22.05.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 21
In Sarah Kirschs Wendetagebuch geblättert und nachgelesen, was sie auf den Tag genau vor 35 Jahren am 16. Mai 1990 schrieb: "Ich muss in Kronshagen heute noch lesen. Hab mir schon das Haupthaar gewaschen und lange gebadet. Muss ich immer vor solchen Anlässen. Ach, muss es denn sein? Ja, ich glaube. Es sind wieder 1000,- DM. Für unser überzogenes Konto. Es sind aber 12.000,- DM, die wir im Minus haben. Einen Preis müsste man kriegen". Sie notierte außerdem noch eine kleine Gorbatschow-Beschimpfung ("... nicht besser als jeder Zar"). Am nächsten Tag, nach der Lesung in Kronshagen, dann wieder das Geldthema: "... die 1000 Mark werden überwiesen ins Schulden-Loch. Das mich aber wirklich nicht kratzt", und man weiß, dass das nicht stimmt. Kann ja auch nicht stimmen. Vom Schreiben zu leben, heißt vor allem rechnen. Aber eben nicht nur. Es bedeutet auch sehen ("die Sauerampfer färben schon die Wiesen"). Fast reflexhaft wollte ich gerade seufzen, ach, Tagebuch müsste man schreiben, weil die Kirsch-Notate solchen Spaß machen. Aber kurz in mich reingehorcht, stelle ich fest, dass das nichts für mich ist. Selbst die kürzesten Notizen vergeuden meinen gesamten Tagesvorrat an Fantasie und Schreibenergie. Manchmal mache ich den Fehler, am Vormittag zu viele Emails zu beantworten, und bin dann schreibökonomisch aufgebraucht. Am Abend laufe ich dann nur noch kreuz und quer durch die Straßen. Sarah Kirsch liegt dann schon längst im Bett.
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15.05.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 20
Wie war ich als junger Mensch? Mit vierzehn oder fünfzehn. Wenn man glaubt, dass zwanzig noch ewig hin ist? Ich kann mich erinnern, was ich von meiner Tante zu Weihnachten bekam (einen Föhn von Braun). Aber wie habe ich gefühlt? Wie dachte ich über das Glück nach? Und darüber, wie es wohl ist, wenn man Schulden hat, oder ein Kind verliert. Was dachte ich über Helmut Kohl? Dachte ich irgendwas über ihn? Meine Vergangenheit ist wie ein Buch, von dem ich weiß, dass ich es schon viele Male las, aber ich habe die Details vergessen. Ich kenne noch ungefähr den Plot. Sonntagabends um halb sieben holten wir frische Milch vom Bauern. Die reichte für die ganze Woche. Für den Frühstückskakao und den Joghurt, den wir selbst ansetzten. Montags und mittwochs war Schwimmtraining. Manchmal fuhr ich danach bei der alten Tante Erika vom Roten Kreuz vorbei. In ihrem Wohnzimmer lagen in einem Glas Schokoladenriegel von Merci. Ich durfte mich bedienen, aber ich mochte keine Schokolade. Ihr zuliebe ließ ich ein Stück Sahnenougat im Mund verschwinden und spülte schnell mit einem Schluck Sauerkirschsaft nach. Saft mochte ich auch nicht. Wir wurden zu Maschinen erzogen, wenn jemand uns einen Stein zum Essen anbot, dann aßen wir den eben. Keine Allüren. Personalpronomen, erste Person Singular am Arsch die Räuber. Wie fand ich das? Sicher habe ich mich mit den Cousinen darüber kaputtgelacht. Und was wir nicht weglachen konnten, darüber weinten wir nachts. Aber still. Heimlich. Denn wenn wir weinten, brach es den Eltern das Herz. Sie dachten dann immer, das sei, weil wir arm sind. Aber ausgerechnet über zu wenig Geld weinten wir nie. Einmal weinte ich ein ganzes Jahr. Jede Nacht. Nach dem Lesen. Ich löschte das Licht und ließ die Tränen laufen. Dann drehte ich das nasse Kissen auf die andere Seite und schlief ein. Das war ein schlimmes Jahr. Zu viele Tote. Eine Nachbarin brachte uns einen Plattenspieler und Platten. Meine Mutter legte tagsüber Elvis auf. Sie ließ die Nadel auf die Stelle fallen, wo Can‘t Help Falling in Love begann, und wiegte sich in Puschen und um sich selbst geschlungenen Armen hin und her. Mein Vater schleppte sich gebrochen mit gebeugtem Haupt in die Fabrik. In diesem Jahr pflückte ich den ganzen Sommer Erdbeeren auf dem Feld und kaufte uns von dem Geld ein Waffeleisen. Ich backte frische Waffeln. So lange bis irgendwann fast niemand mehr sehr traurig war, sondern höchstens nur noch halb. Da war schon fast Winter. Dann stellte ich das Waffeleisen ganz hinten in den Schrank. Als ich zum Studium auszog, legte meine Mutter mir das Waffeleisen ins Gepäck. Handlung, die ich seitenlang abrufen kann. Aber mit den Jahrzehnten, so merke ich, gehen das Personal und ich getrennte Wege. Besser kann ich es gerade nicht beschreiben. Helmut Kohl war mir, glaube ich, egal.
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09.05.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 19
Liebe ist, so sagen die Pessimisten, eine Insel im Meer des Unmöglichen. Liebe ist, so sagen die Praktiker, eine Entscheidung. Liebe, watt soll datt sein?, fragt mein Nachbar Herr Krause, der mit seiner Frau seit über sechzig Jahren verheiratet ist. Ick hab für sowatt keenen Kopp. Wenn man jung ist, hat man sich eine Frau zu suchen, findet er, weil alleene is doch nüschte. Meine Freundin Devrim wird vierzig und träumt von einem tollen Mann, mit dem sie eine große Familie gründen möchte, und kommt gar nicht auf die Idee, dass beides gleichzeitig möglicherweise nicht mehr klappen könnte. Und Cate, von der ich nicht glaubte, dass sie sich so bald von ihrem Liebeskummer erholen würde, hat in der Zwischenzeit schon wieder zwei neue wilde Lieben gehabt. Aber jedes Mal, wenn sie meint, dass aus dem Date mehr werden könnte als bloß ein Liebesabenteuer, stellt sie nach kurzer Zeit fest, dass bei Nacht die Dinge so viel einfacher sind und bei Tageslicht alles nur kompliziert. Liebe, so staune ich, will bei manchen einfach nicht klappen. Und bei anderen geschieht sie wie nebenbei. Ich habe auch keine Ahnung, warum das so ist, und als Ratgeberin tauge ich nicht. Aber eine Sache fiel mir doch auf. Alle meine Freundinnen, die mit viel Selbstkritik zu kämpfen haben, sich selbst nie gefallen wollen, die immer noch etwas finden, das sie optimieren oder verschönern könnten, werden im Augenblick der Liebesanbahnung auf groteske Weise wählerisch und ungnädig. Kaum jemand ist gut genug für sie. Plötzlich empfinden sie sich als unfehlbare Gottheiten. Bei Şirin ist das so, bei Emrah und sogar bei dem über siebzigjährigen Walter. Sie sezieren ihr Gegenüber in kleinste Einheiten und rezensieren derart vernichtend, dass aus dem Subjekt der Begierde ein in die Tonne getretenes Objekt wird. Nebenbeibeobachtungen sind das. Keine Soziologie noch Menschenkenntnis. Aber so wie ich glaube, dass ein Schriftsteller in die Verse fallen kann und ein Philosoph in Erkenntnis, kann die Einsamkeit durch das Dickicht der dunklen Versuchungen seinen Weg ins Freundliche finden. Man muss es vielleicht wollen, das Meer des Möglichen.
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02.05.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 18
Abends um elf liegen die Obstblüten wie weißes Konfetti neben der vierspurigen Straße. Alle paar Meter steht heiteres, friedliches Bürgersteigvolk mit Flaschen in der Hand herum. Vor dem nächsten Späti ist gerade Pause, drinnen läuft zweimal die Woche Stand-Up-Comedy. Morgen, das weiß ich, weil das hier immer so ist, wird ein aufgebrachter Straßenbahnfahrer aus dem offenen Fenster ein paar Touristen als Fotzen beschimpfen, und der taubstumme Conrad mit seiner Straßenkehrmaschine pünktlich um die Mittagszeit um die Ecke vom kurdischen Gemüseladen abbiegen. Wir werden sicher ein paar Minuten schwatzen. Er wird mir Fotos von seinem Sohn zeigen und vergnügt fragen, ob ich wieder was geschrieben habe.
Die Gebärde dafür ist nicht, wie man denken könnte, imaginäres Tippen auf einer Tastatur, sondern ein Streichen mit den Fingerspitzen über die geöffnete Innenfläche der anderen Hand. Vor dem Penny werden ein paar verlorene Gestalten das wahrscheinlich zwölfte Bier trinken und der Pfennigladen, wo es natürlich keinen Artikel für unter einem Euro gibt, wird Putzschwämme, Sitzpolster und Papiertüten draußen als verführerisches "Komm se rin und koofen se"-Angebot drapieren. Aber noch ist nicht morgen, noch ist es kurz vor Mitternacht, und eine Nachtigall zwitschert im Strauch und sucht eine Braut. Die gelbe Tram donnert über die Gleise, und ich laufe nach Hause, wo keine Überraschung auf mich wartet oder irgendwas, das mich daran hindert, mein Leben so zu führen, wie ich es will. Und wieder kann ich mein Glück kaum fassen. Dass ich ein Zuhause habe, ein Bett, etwas zu essen, und dass mir niemand an den Kragen will. Dass ich eine Straße habe, die ich entlanggehen kann, dass hier ein Baum ist und da ein Briefkasten, der dreimal am Tag geleert wird. Nichts an diesem Gefühl ist originell, aber alles daran aufsehenerregend. Ach ja, in diesem einen Lokal tanzen junge Leute Swing, vielleicht ist es auch Boogie-Woogie, und tragen Schuhe, wie man sie in den 60er-Jahren trug. Ach, und noch etwas, in Istanbul hat es gebebt, aber ich brauchte um niemanden weinen.
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25.04.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 17
Baba, sage ich, hier sind endlich Frühlingsfarben überm Land und bei euch regnet es seit Tagen. Du, baba, heute Nacht träumte ich, dass ich in einem Tsunami starb. Ich dachte immer, ich würde Panik bekommen und strampeln, aber ich schwebte ganz friedlich in den Tod. Unter Wasser war alles grün und still. Kennst du das, baba, wenn man immer aufwacht, kurz bevor man stirbt, aber irgendwann, liegt es am Alter, ich weiß es nicht, träumt man sich bis in den Tod hinein. Nein? Du weißt nicht, wovon ich spreche?
Du sagst nicht viel, baba. Soll ich weiter plaudern? In Deutschland steht das Osterfest bevor. Wie immer beginnen die Zeitungen vor dem Verkehr zu warnen. Und die Schokolade ist teurer geworden. Bald ist sie so teuer, dass du mir welche schicken musst, und nicht wie Jahrzehnte zuvor, wir aus Deutschland zu euch. Schaust du wieder deutsches Fernsehen? Zu Ostern bringen sie deinen Moses-Schinken, den liebst du doch so sehr. Die zehn Gebote mit Charlton Heston.
Baba, ich weiß keinen richtigen Trost für dich. Mach dir bitte nicht so viele Sorgen um uns. Alle deine Kinder kommen sicher und behütet durch diese Welt. Du kennst uns doch. Wir sind zähe Hunde. Politiker kommen und gehen, das Leben ist eine Durchgangsstraße. Auch für diese Idioten. Was mich wirklich wundert, ist, dass du noch nie geträumt hast zu sterben. Ist ja gut, ich höre schon auf damit. Bis nächste Woche. Vergiss die Blumen nicht, baba. Die gibt es auch noch. Die freuen sich, wenn du sie wieder aussäst.
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18.04.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 16
Da ist dieser Mann auf dem Spielplatz. Er spielt mit seinem Kind im Sand und kommentiert jede Bewegung mit "Zack!". Der Mann nimmt die Schaufel, löffelt Sand drauf, "Zack!", dann schaufelt er den Sand weiter in den Sandeimer, "Zack!", klopft die Erde mit der Schaufel fest, "Zack!", und stülpt den Eimer um. Fertig ist der Sandkuchen, "Zack!".
Ein anderer Vater hebt sein Kind auf die Rutsche, "Zack!", gibt dem Kleinen einen Schups, "Zack!", und fängt den Jungen unten wieder auf, "Zack!". Später sehe ich einen Erziehungsberechtigten, der sein Kind für das Lastenfahrrad vorbereitet. Hier wird nicht mit "Zack!" gearbeitet, sondern mit "Hepp!". Helm auf, "Hepp!", Kind auf die zeltartige Ladefläche heben, "Hepp!", Fahrer steigt auf, "Hepp!", los geht‘s, "Hepp!".
In der ARD-Mediathek gibt es Sendereihen, die normale Bürger dabei begleiten, wie sie jahrelang ihre Häuser bauen, sanieren oder renovieren. Auch hier begegne ich den "Zack!"- und "Hepp!"-Männern. Egal ob Zementsäcke gehoben, Wände eingestürzt oder Badewannen an die richtige Stelle geschoben werden, es wird gezackt und geheppt, dass sich die Balken biegen. In einer Sequenz wuchtet ein Mann seine hochschwangere Frau mit Wehen ins Auto, "Hepp!", und ein anderer Mann küsst seine Frau zur Belohnung auf die Nasenspitze, "Zack!". Es gibt eine Dokumentation über Männer, die in den Krieg ziehen, ich traue mich nicht, sie zu schauen.
Der einzige Mann, der es schafft, seine Tätigkeiten ungezackt und ungeheppt auszuführen, ist mein Postbote. Er wirft die Briefe ein und sagt einfach nur "Jawoll!".
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11.04.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 15
Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, wenn die Amerikaner gezwungen sind, mit ihren Chlorhühnchen, ihren süßen Weinen und ihrem Hybridsaatgut eine Weile allein zurechtkommen zu müssen. Wenn man sie ihrem Schicksal, ihren Burgern, Fritten und Gedanken überlässt. Genau so wollten sie es, als sie ihren Führer wählten. Wie sehr sich jetzt einige deutsche Medien nicht nur im Tages- sondern Minutentakt wundern, dass eine konsequente "Ausländer raus"- Politik natürlich nie nur bei Menschen Schluss machen, sondern auch Waren, Beziehungen, Verträge, Gewerkschaften, Menschenrechte, Minderheitenschutz einschließlich muss, verwundert allerdings auch. Als hätte es das NS-Regime nie gegeben, als gäbe es nicht gerade in diesem Land eine Vorlage dafür, wie man Rechtsstaatlichkeit aus den Angeln hebt. Manchmal denke ich, dass die Deutschen es verlernt haben, die Welt anzuschauen, wie sie einmal war und heute noch ist. Zwar reisen sie wie verrückt in jeden Winkel der Erde, aber sie schauen nichts an, sie fahren bloß hin und vernebeln sich die Sinne am 24-Stunden-Buffet. Die Welt ist hart, gnadenlos und böse. Die meisten Staaten werden mit Korruption, Desinformation und Unterdrückung regiert. Und statt auf jede Regung von Trump und Co. mit Bestürzung zu reagieren, sollte man vielleicht die Augen aufhalten, was hier in der Zwischenzeit von unseren landeseigenen Faschisten vorbereitet wird. Aber gut, wer bin ich, dass ich den Zeigestock wie Fräulein Rottenmeier streng auf die Pulte knalle? Als gäbe es zu wenig Meinung, also wirklich. Mich erwartet heute Abend Stabat Mater in der Berliner Philharmonie. Philippe Herreweghe dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Collegium Vocale Gent. Am liebsten höre ich die Komposition von Pergolesi, aber heute Abend die von Antonín Dvořák. Er schrieb die Komposition, als sein Baby starb. Dann unterbrach er die Arbeit, und als wieder zwei Kinder starben, schrieb er das Werk zu Ende. Weiß nicht, wie das andere machen, aber wenn ich nicht gelegentlich Kunst, die aus durchlittenem Kummer entstand, in mein Leben ließe, würde ich stumpfsinnig vor mich hinvegetieren, weil das politische Geschwätz mich wie unter Geröllhalden unter sich begraben würde. Der Garten könnte jetzt auch eine Handvoll Animalin gebrauchen.
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04.04.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 14
Da sind sie ja wieder, die guten alten Zeiten, wo die Führer der Welt Worte von Vorgestern ausgraben und alle leeren Versprechen nach hinten zeigen. Und erneut sind es die Schriftsteller, die den Lügen hinterherräumen und Schicht für Schicht den Schutt abtragen, weil irgendwo darunter verborgen liegt, welche Ungeheuerlichkeiten aus der Vergangenheit Vorlage fürs Heute sind. Manche Führer, so erfahren wir verblüfft, ließen ganze Buchauflagen mit Bulldozern in die Erde rammen. In Leipzig nahm gerade so ein Schriftsteller, dem das mit seinem Roman geschehen war, einen Buchpreis entgegen. Anschließend verließ dieser Autor nicht nur sein Land, sondern auch seine Sprache. Er rettete sich ins Deutsch, das gesprochen wie "bitterer Rettich" klingt. Längst nicht alle haben das Glück, fliehen zu können. Und also hören wir auch die Gefängnisketten wieder rasseln, damit aus Schreibenden Schweigende werden. Was die Staaten lenkenden Analphabeten jedoch nie begreifen werden, ist: Auch das Schweigen schreibt Bände. So wandern wir die Weltliteratur Buchrücken für Buchrücken ab, lesen, wie es war, und wissen, was wird. Nur ein Rätsel, das sich nie ganz lösen ließ, bleibt. Wer folgt eigentlich wem? Die Wirklichkeit der Fiktion oder umgekehrt?
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28.03.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 13
Mich interessierten noch nie die ängstlichen und tränenreichen Künstlerinnen, die ihren Kummer ausschmücken. Sondern jene, die nicht in sich zusammenstürzen. Angst engt ein und verkleinert die Welt. So eine Gefühlslage lässt sich lediglich zur Kenntnis nehmen, aber ableiten lässt sich daraus nichts. Wer unbedingt meint, als Künstler der politischen Gefahr von rechtsextremer und autoritärer Seite wirksam begegnen zu müssen, sollte sich ihr mit Deutung in den Weg stellen.
Genau das tat Milo Rau vergangene Woche in Berlin, als er vor einem Kulturpublikum eine große, wichtige und bewegende Rede hielt. Er ist derzeit der bedeutendste Theatermacher Europas. Alles, was er auf die Bühne bringt, ist die Abbildung von Wirklichkeit, angereichert durch journalistische Recherche und den Willen, ästhetisch zu formen. Nie kalt, immer parteiisch, dem Menschsein strikt zugewandt, und der faktischen, statt der für Künstler üblicherweise überlebenswichtigen fiktionalen Wahrheit verpflichtet. Emotionale Sachlichkeit wäre vielleicht das Oxymoron, mit dem ich seinen Stil beschreiben würde. Obwohl seine politisch denkende Kunst selbst meinen pingeligen, zugegebenermaßen kleinkarierten Maßstäben genügt, machen wir uns doch nichts vor. Seine Arbeit wird erst im Später seine volle Wirkung entfalten, wenn wir schon längst nicht mehr leben. Ich empfinde das als Maximum. Hier vermute ich, dass mein Freund Milo das anders sehen wird. Er würde wahrscheinlich sagen, Nein, die Kunst muss im Hier und im Heute stören und strahlen.
Hier ein paar Ausschnitte aus seinem Vortrag, der mich schwer mitnahm, weil er alles, was ich denke (und eben sagte), infrage stellt, weil er analytisch und poetisch ist, weil er von einem fast religiösen Verständnis von Wahrheit und Widerstand durchdrungen ist:
"Die Rechte liebt es, zu drohen – sie liebt den Triumph vor dem Sieg. Erdoğan droht damit, Rojava zu erobern. Putin droht mit dem Einsatz von Atomwaffen. Trump droht damit, die Ukraine an Russland abzutreten und den Gaza-Streifen in ein zweites Dubai zu verwandeln. Alice Weidel hat keine Atomwaffen, noch nicht, deshalb droht sie damit, die Grenzen ,dichtzumachen‘ und ‚alle Windräder niederzureißen‘.
Lustigerweise treffen sie sich alle in einer Drohung, nämlich, um nochmal Weidel zu zitieren, alle ‚woken Professoren rauszuschmeißen‘. Für ihren Wahlkampf hatte die FPÖ eine einzige Forderung: ‚woken Events‘ wie dem Eurovision Song Contest und den Wiener Festwochen die Förderung zu kürzen. Aber wie gesagt: Es ist nicht zu spät. Als die Perser, die Putins und Trumps der Antike, die griechischen Stadtstaaten angriffen, drohten sie. Sie sagten, Ergebt euch besser gleich. Denn wenn wir euch besiegen, werden wir euch die Häuser und Weinberge anzünden, wir werden euch töten und versklaven. Die Griechen antworteten mit einem einzigen Wort: wenn. Insofern: Verzweiflung ist okay, Wut auch. Melancholie oder gar Depression sollten wir uns aber für den Moment aufheben, wenn es tatsächlich zu spät ist.
Sind wir lächerlich? Sind wir Idealist:innen? Stehen wir auf verlorenem Posten? Ich denke: ja. Denn wir verteidigen die Wahrheit und die Hoffnungen der Minderheiten gegen die Mehrheit. Wir verteidigen das, was sich nicht lohnt, gegen das, was sich auszahlt. Aber wir sind auch Realist:innen, vielleicht sind wir die wahren Realist:innen: Denn was wir verteidigen, wir alle hier, ist die Vielheit des Lebendigen gegen die Einheit, die Monotonie des Todes."
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21.03.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 12
Ich soll Immobilien kaufen. Ich soll Mieterin bleiben, mieten ist billiger. Ich soll in ETFs investieren. Ich soll mir genau überlegen, ob ich jetzt noch in ETFs einsteige. Ich soll fürs Studium MINT-Fächer in Erwägung ziehen. Als Törtchen backendes Eheweibchen auf Instagram gebührt mir voller Respekt. Ich soll Elektroauto fahren. Ich soll nicht bei Elon Musk einkaufen. Ich soll beim Sex sagen, wie und wo genau ich angefasst werden will. Ich soll in der Partnerschaft meine Erwartungen herunterschrauben. Ich soll die dritte Staffel von White Lotus schauen, sie ist der Wahnsinn. Die dritte Staffel von White Lotus ist komplett für die Tonne, ich brauche gar nicht erst damit anfangen. Ich soll Verantwortung übernehmen und aufsteigen. Ich soll das mittlere Management überspringen, das mittlere Management verbrennt einen von innen. Ich soll mich 150 Minuten in der Woche moderat bewegen. Ich soll HIT-Training machen. Ich soll beunruhigt sein, die Ukraine ist ohne die Unterstützung der USA aufgeschmissen. Ich kann mich entspannen, die Ukrainer können auch ohne US-Aufklärung Langstreckendrohnen nach Russland abfeuern. Ich soll Nahrungsergänzungsmittel nehmen. Die normale Ernährung deckt den gesamten Nährstoffbedarf eines gesunden Menschen ab. Ich soll bei Parkinson Haschisch rauchen. Haschisch verändert die Hirnstruktur und macht dumm, Finger weg. Harry Kane ist jeden Cent seines 100-Millionen-Transfers wert. Wenn ich mich mal nicht täusche, Harry Kane hat noch keinen einzigen bedeutenden Titel in seiner Karriere geholt. Die Pantonefarbe des Jahres 2025 ist 17-1230 TCX. Ich soll auf Trends pfeifen.
Bin wieder up to date und lege die Zeitungen zur Seite.
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14.03.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 11
Thomas Mann schreibt über den Künstler als Aktivisten: "Dennoch gibt es Stunden, Augenblicke des Gemeinschaftslebens, wo solche Rechtfertigung der Kunst praktisch versagt; wo der Künstler von innen her nicht weiterkann, weil unmittelbare Notgedanken des Lebens den Kunstgedanken zurückdrängen, krisenhafte Bedrängnis der Allgemeinheit auch ihn auf eine Weise erschüttert, daß die spielend leidenschaftliche Vertiefung ins Ewig-Menschliche, die man Kunst nennt, wirklich das zeitliche Gepräge des Luxuriösen und Müßigen gewinnt und zur seelischen Unmöglichkeit wird."
Ich weiß nicht, ob du recht damit hast, Thommy. Aber danke, dass du den Versuch unternommen hast, herauszufinden, was das ist, wenn wir manchmal ausflippen vor Verzweiflung über den Stumpfsinn der Welt. Und siehst du, wir landen alle irgendwann an dem Punkt, dass wir denken, jetzt gehe ich raus und richte mit lauten Worten, weil, wie du sagtest, man von innen her nicht weiterkommt mit der Kunstmacherei. Insgeheim, Thommy, glaube ich aber, dass man die Krisen besser überstehen wird, nimmt man sie schweigend zur Kenntnis. Protestiert aber mal doch einer von denen, die ich bewundere, so jubiliere ich. Doch ich weiß natürlich auch, welchen Preis das hat. Und du wusstest es auch. Ich denke jetzt übrigens oft an dich. Danke Thommy, thanks for fucking up Hitler, damit bist und bleibst du Kompass bis in alle Zeit, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, amen.
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07.03.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 10
An jedem Baum, an jedem Penny wird jetzt diskutiert: Wir wollen Deutschland verlassen, und du? Ach ja, sage ich, Aygül, Polina, Hashem? War das Leben nicht etepetete genug zu euch? Gehen können sich doch immer nur die leisten, die ihre Klappen über die faschistischen Zustände in ihren Heimatländern nie so weit aufrissen, dass sie zu unerwünschten Personen im Iran, in der Türkei oder im Irak erklärt wurden. Angepasste Schleimer, deren Mutterspracheland in ihren Herzen und ihren Erinnerungen doch irgendwie immer glänzt. Ist in Politik gegossener Rassismus in Polen, Schweden oder Dänemark lieblicher fürs Gemüt, weil ihr die Sprachen nicht beherrscht? Hier seid ihr zu Demokraten geworden, "wo wir uns bilden, ist Vaterland", lest Goethe, ihr verwöhnten Affen.
Auswandern!, denke ich auf die Straße spuckend. Hier haben wir unsere Eltern zum Röntgenarzt begleitet und komplizierte Diagnosen mit unserem eben gelernten Grundschuldeutsch zu verstehen und übersetzen versucht. Auf diesen Straßen haben wir die Sonderangebote für Joghurt, Petersilie und Graubrot Tag für Tag nach Hause geschleppt und die Geschwister versorgt, während die Eltern im Schichtdienst von deutschen Vorarbeiterwichsern zu Niemanden erklärt wurden. Hier haben wir samstags stolz den Vater zum Eduscho begleitet und "Kaffee und Kuchen" am Stehtisch zelebriert, wie es auch Rainer oder Barbara taten, und mit jedem Bissen gefühlt, wie aus einem Arbeiter einen Bummelsamstag lang fast so eine Art bourgeoiser Fußgängerzonenbürger wurde. Hier, hier und hier, das sind unsere Straßen, unsere Städte. Ich bin Secondo, das ist mein Land, gebaut mit bloßer Händekraft unserer Alten. Dann haut doch ab Cold-Brew-PoC, "mitgemeinte" und "mitgefühlte" Postmigranten. Ich bleibe und werde mich genüsslich auf einem ehemals evangelischen Friedhof beerdigen lassen. Hier ruht Mely. Geblieben, um zu stören, bis zum letzten Atemzug. Gern geschehen, Ronny, Maik und Silvio!
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28.02.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 09
Dieses "Frauen sind so, Männer sind so"-Ding hat mich noch nie interessiert. Egal wie die Sätze enden, sie enden immer falsch. Gilt auch für "Juden sind …"- Sätze, oder "Flüchtlinge sind ...", diese ganzen Sätze halt, die so tun, als bewegte man sich in der Sozialwissenschaft und hätte geforscht und Untersuchungen angestellt, dabei ist man einfach ein jämmerlicher Staatsbürger, der dreieinhalb Leute kennt.
Jedenfalls, mein Punkt, wie es neuerdings so grässlich heißt, wenn man aber doch nur einfach was sagen möchte. Mein Punkt ist wie folgt: Ich fuhr erster Klasse einmal vom Norden der Republik bis runter in den Süden, und vielleicht bin ich neuerdings blind (also noch sehgestörter als ohnehin), ich fuhr jedenfalls nicht die Hühnerklasse, sondern wie wir früher sagten, "mit den feinen Leuten". Bei den feinen Leuten sucht man Komfort, Luxus oder Service natürlich vergeblich, die Waggons sind genauso schmuddelig wie der Rest des Zuges, und es war auch niemand besonders onduliert oder parfümiert, niemand schlug elegant die Beine übereinander, niemand spendierte Champagner für den ganzen Vierertisch, niemand holte seine Geige heraus und spielte etwas von Brahms, jedenfalls ich fuhr erste Klasse ohne Klasse.
Die Männer. Sie kamen der Reihe nach in den Zug, polternd, schnaufend, sich die Bronchien entlüftend, die Lungen ausleerend, aus den Schuhen dampfte es, ihre Parkas schnitten einem ins Gesicht, wenn sie die Gänge nach Sitzplätzen absuchten, in einer Eile, die ihrem ohnehin hohen Blutdruck nicht bekam, als befänden sie sich auf einer Evakuierung und nicht einer stinknormalen Zugfahrt von Fulda nach Mannheim oder Berlin nach Ulm. Sie bestellten Currywurst mit Pommes am Platz, tranken Getränke aus Flaschen. Neben mir zeitweise ein umfangreicher Pfälzer, der vier Stunden lang unaufhörlich aus seiner Zweiliterflasche Cola in winzigen Prinzessinnenschlückchen trank und dazwischen seufzte, als hätte er den Sex seines Lebens. Sie hatten alle, ich betone: alle! diese Stöpsel im Ohr, die natürlich dafür sorgten, dass auf die fehlende Körperkontrolle und Haltung nun auch unregulierte Geräusche aus ihnen drangen, stöhnend, ächzend, schniefend, als würden sie malochen und nicht nur sitzen. Manche sprachen über Bluetooth über Strategiesitzungen und Lenkungskonferenzen ("die Frau Tscheubner hätt g‘meint, ma treffe uns im Webbb, die schpinnt doch"), und jeder, ich betone, jeder dieser Männer hatte einen Tick. Meistens waren ihr Nasen ursächlich dafür, sie zogen entweder in kurzen, lauten Intervallen hoch oder symphonisch lang und im mittleren Frequenzbereich. Sie zogen ihre Nasen, manche begleiteten sich dabei, als zweite Stimme sozusagen, durch kleine Huster (alle zwei Sekunden) oder rachitisch und intensiv, aus der Tiefe des viszeralen Fettgewebes.
Die Frauen? Kein Mucks. Stundenlang war keine einzige Frau zu hören.
Was ist das nun, Frau Dr. Kiyak, eine exzeptionell beschissene Ansammlung von Typen, die sich körperlich nicht im Griff haben, oder der neue Typ Bahnfahrer? Keine Ahnung, aber wenn es Frauenabteile gäbe, dann checken Sie mich nächstes Mal bitte bei den Frauenzimmern ein. Merci, warten Sie kurz, ich sprühe noch kurz einen Spritzer Hermès in die Luft.
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21.02.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 08
Zwei Männer sitzen sich gegenüber und unterhalten sich über den Glauben. Bruder, fragt der deutlich besser gekleidete junge Mann den abgerissenen Säufer in der Bahn, glaubst du an Gott? Watt tu ich?, fragt der Abgerissene. Ob du an Gott glaubst, wenn ich mal fragen darf, hakt der parfümierte Schnösel nach. Ich bin evangelisch, aber in Gedanken immer bei meiner Frau, die hat mich rausgeworfen, gibt der Abgerissene erstaunlich offen Auskunft.
Draußen Westhafen im eisigen Blau. Die Schrottcontainer liegen mattfarben in der tiefen Sonne übereinandergestapelt wie uralte Legosteine im verlassenen Kinderzimmer. Drinnen im Abteil gondeln die Sorgenfalten auf dem Schweigen der Fahrgäste. Da hast du mich ja auf was gebracht, seufzt der Abgerissene. Gott! An den habe ich schon ewig nicht mehr gedacht. Und du? Watt is bei dir, mit Allah und so weiter, klappt allet? Danke Bruder, alles gut mit Allah. Ich habe Frau und Kinder, aber ganz ehrlich? An manchen Tagen wäre ich am liebsten wie du… Watt soll das denn heißen?, fragt der Abgerissene gleich um ein paar Nuancen gereizter.
Die ersten Fahrgäste steigen unwillig aus, sie drehen den Kopf noch einmal zu den beiden Philosophen. Hier ringen Stoizismus und atheistischer Existenzialismus miteinander. Das mittägliche Geplauder zweier verlorener Seelen bewegt sich gedanklich zwischen Seneca und Harald Juhnke. Bleiben und aushalten, oder scheißen auf Gott? Zwei Männer, denen das gute Leben abhandengekommen ist, und Westberlin bei null Grad. Die Tulpenpreise bei den vietnamesischen Blumenhändlern sind im Vergleich zur Woche davor fast um die Hälfte gesunken. In den Supermärkten liegen bereits lieblos in Kartons zusammengequetscht Narzissen. Was Gott betrifft, scheint hier wohl alles gesagt zu sein. Der eine ist ins Handy versunken, der andere nimmt einen tiefen Schluck aus der Flasche und macht sich mit seinen müffelnden Tüten und Taschen noch etwas breiter. Hohenzollerndamm am Horizont.
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14.02.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 07
Bevor ich ihn sehe, höre ich ihn. Er ächzt und schlurft, zwischendurch macht er seltsame, knallende Atemgeräusche, so als zertrete jemand ein leeres Trinkpäckchen. Oben angekommen, lädt er die Waschmaschine von seinem Rücken ab. Der Hersteller wirbt damit, dass dieses Modell fast hundert Kilo wiege, sie sei besonders langlebig. Der Körper, auf dem sie hochgetragen wird, soviel ist klar, wird nicht langlebig sein. Der Mann ist mit seinen Ende Vierzig, vielleicht schon fünfzig Jahren für diesen Job viel zu alt. Er hat Schmerzen in den Beinen, und irgendwas stimmt mit seiner Schulter nicht. Sein ebenfalls dürrer Kollege hilft ihm auf die Beine. Er wird später die alte Maschine runtertragen müssen. Sie wechseln sich bei der Buckelei ab.
Im Tierschutz ist geregelt, wieviel Lasten ein Tier tragen darf. Ein Esel, der zweihundert Kilo wiegt, soll nicht mehr als ein Fünftel seines eigenen Körpergewichts als Last tragen. Auch für Reitpferde ist geregelt, dass die Reiter weit weniger als die Tiere wiegen dürfen. Der berühmte rote Elektrofachhandel, der mit Super-Prominenten wie Jürgen Klopp oder Oliver Pocher wirbt, wendet offenbar nicht einmal die Tierschutzgesetze für seine Subunternehmer an. Die Männer seien, wie man mir im Fachhandel verstohlen verriet, bei einer "Billigfirma" angestellt, aber auf ihren Jacken steht, wie mir gleich als erstes auffällt, der Name des roten Riesen.
Ich stehe in der Wohnungstür und bin aufgewühlt, ich schreie fast. Wie menschliche Ochsen müssen Sie dieses Zeug auf dem Rücken tragen? Haben Sie denn keine hydraulischen Sackkarren? Die Männer mit weichem Akzent lachen sich schlapp. Wir haben nicht mal Sackkarren, sagen sie. Auch eine Wasserwaage, um die Maschine richtig auszurichten, haben sie nicht dabei. Kaputt, grinsen sie. Ob ich ein Handy mit einer Wasserwagen-App hätte. Unser ganzes Gespräch verläuft so. Haben Sie dies, haben Sie das? Gelächter. Werkzeug kaputt, Männer kaputt, alles kaputt. Sind Sie beide aus Polen, frage ich. Nein, der andere kommt aus der Ukraine. Ukraine auch kaputt, sage ich. Nein, sagt der Ukrainer, "Ukrajina niemals kaputt!".
Sie müssen sich beeilen, sie schließen die Maschine an und lassen das Startprogramm laufen. Sie geben Anweisung, was zu tun ist, wenn das Programm fertig ist. Sie gehen. Die Maschine piept und löst einen Alarm aus. Auch die sauteure LED-Trommelbeleuchtung funktioniert nicht, wie mir jetzt erst auffällt. Das Gerät, gebaut von einer deutschen Traditionsfirma, lässt sich nicht steuern. Ich rufe eine Telefonnummer nach der nächsten an. Spreche auf Anrufbeantworter. Wer ist zuständig? Wie kann man diese Männer erreichen? Ich erreiche nichts und niemanden. Ich ziehe den Stecker der Maschine raus. Klappe auch die Sicherung runter und mache es mir in meinem Groll gemütlich.
Später, ich liege schon fast im Bett, klingelt es an der Tür. Ich öffne und schaue in das traurige, erschöpfte Gesicht des polnischen Mannes. Maschine auch kaputt?, fragt er. Alles kaputt, sage ich. Ach was, lächelt er, es gibt immer eine Lösung. Genau genommen sagt er "Ljesung". Er fummelt und googelt in seinem Arbeitshandy nach. Natürlich ist auch das Display zersprungen. Er wird das Problem an diesem Abend nicht beheben können. Zu viele Fragen, sagt er bedauernd. Ich verstehe das. Zu viele Fragen, zu viel kaputt und keine Ljesungen in Sicht. Ein Hauch von generellem Gegenwartsschicksal schwingt über der Situation. Der Mann ist todmüde, so einen müden Menschen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Wir wünschen uns eine gute Nacht.
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07.02.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 06
Ghayath Almadhoun heißt der Dichter, dessen Gedichtband demnächst auf Deutsch erscheint und einen Titel trägt, der zunächst einmal rätselhaft klingt. Er lautet: Ich habe dir eine abgetrennte Hand gebracht. Dann liest man sich die Kurzbiografie des Autors durch, und sogleich bekommt der Titel etwas Schauerliches, denn Almadhoun schreibt über den Krieg. Er hat einen für das 20. Jahrhundert sehr typischen Lebensweg. Er ist in einem Flüchtlingslager in Damaskus als Kind eines palästinensischen Vaters und einer syrischen Mutter geboren, studierte arabische Literatur an der Universität Damaskus und wanderte 2008 nach Schweden aus. Seitdem ist er als Prosalyriker wohl einigermaßen in der Welt der Gedichte bekannt und hoffentlich auch bald hier. Prosalyrik, das muss man wissen, meint eine lyrische Art des Erzählens. Im Orient ist diese Art epischer Gesang sehr gängig. Der Verlag bewirbt sein Buch mit einigen Auszügen.
"Nachts schlich sich der Krieg auf Zehenspitzen herein wie eine liebevolle Mutter, um zu sehen, ob wir gut schliefen. Sie legte unsere Köpfe gerade auf die Sandsäcke, als wären es Daunenkissen, sie bedeckte unsere Körper mit Schutt, damit wir uns nicht erkälteten, und sie versuchte, uns in Massengräbern zusammenzubringen, damit wir uns nicht einsam fühlten."
Das scheint mir genau das richtige Buch für diese Zeit zu sein. Das kann nämlich nur die Poesie. Das Leben auf der Zunge tragend, die Darstellung des Bösen in grausamen Zeilen in unsere Herzen zu donnern. Genau dahin, wo sie hingehören. In uns rein, die wir von nichts eine Ahnung haben und über das Leid anderer urteilen und dabei klingen, als wären wir Popcorn fressende Dummköpfe in Disneyland.
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31.01.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 05
Die Freundin meldet sich. Verliebt sei sie, ganz schlimm, tiefstes Ausgeliefertsein an die Liebe. Die Angebetete spiele ihr eigenes Spiel. Mal ist sie da, dann wieder nicht. Schmiegt sich an und läuft weg. Meine Freundin aber hat keine Zeit für Spielchen. Alleinerziehend und die große Praxis, die Mitarbeiter, die Verpflichtungen. Nach der Sprechstunde, die Patienten wissen es ja nicht, der ganze Papierkram, die Hausbesuche. Auch mal eine Leichenschau. Wenn sie am nächsten Morgen um kurz vor acht in der Praxis die Kranken empfängt, hat sie zuvor eine Nacht gehabt, die den Namen Nacht nicht verdient, oder Feierabend, wie gesagt, da ist auch immer das noch sehr kleine Kind. Die Frau, in die sich verliebt hat, kommt von einem anderen Stern. Schmückt sich gern und läuft auf hohen Schuhen durch ein unbekümmertes Leben mit Business machen, schnellen Autos und abends keine Kohlenhydrate, aber Drinks und Zigaretten. Mir ist klar, ihr ist klar, dass das die eigentliche Quelle der Anziehung ist. Ein Gegenüber wie aus einer anderen Galaxie. Hier winkt ein Leben mit einer Frau, die einen leicht fühlen lässt, die Sorgen nicht weiter verfolgt und Probleme ausgelassen wegkichert, statt sie zu lösen. Und dann die Sperenzchen, die Versteckspiele, das kokette "Ich empfinde eigentlich nichts für Frauen", aber unter dem Tisch, so erzählt es meine Freundin, habe die unbekümmerte Lady mit dem nackten Fuß Kontakt gesucht, so was mache man doch nicht, wenn man es nicht ernst meine, oder etwa doch?
Das letzte Mal, dass ich solche Gespräche mit unglücklichen Freundinnen führte, ist schon Jahrzehnte her. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben ihre Richtung längst eingeschlagen. Ihre getroffenen Liebesentscheidungen für oder gegen feste Partnerschaften, Familie, Kinder stehen unbeweglich wie ein kolossales Bergmassiv aufgethront in ihren Vitas. Trotz Unglück oder Disharmonien werden die Lebensentwürfe nicht in Frage gestellt. Zu unsicher sind die Zeiten, als dass jemand sich noch einmal für sich entscheidet. Und dann ist da diese Freundin, die wirklich auf der Suche nach der Liebe ist, die bereit ist, über alle Unterschiede hinweg, sich in diese Liebe zu stürzen, aber ihr Pfau hält sie hin, und meine Freundin verglüht vor Sehnsucht. Was macht man da, was sagt man da? Ist doch klar, dass sie und ich wissen, dass das Festhalten an der Hoffnung und die Unsicherheit, die das Gegenüber zelebriert und die Sehnsucht meiner Freundin dabei genüsslich auskostet, sich einander bedingen. Aber auch ich bin erwachsen geworden. Ich klemme mir alle Analysen, widerstehe der Versuchung in Reflexionen und Meditationen über die Liebe zu dozieren. Ich höre mir alles geduldig an und sage immer wieder nur, es tut mir von Herzen leid für dich. Und erstaunlicherweise ist dieser simple Satz, fern ab unseres intellektuellen Horizonts, das gescheiteste aller Mittel. Meine liebeskranke Freundin fühlt sich verstanden, aufgehoben und getröstet.
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24.01.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 04
Im April jährt sich der Tod meines Beinahe-Landsmanns Rolf Dieter Brinkmann zum fünfzigsten Mal. Es bleibt zu befürchten, dass es wieder keine Gala geben wird, auf der man ihn ehrt, keinen ARD-Brennpunkt, keine Sondersendung, keine Schweigeminute am Berliner Stern, wo die Fahrzeuge halten und die Fahrer aussteigen. Fast bin ich mir sicher, dass auch der Bundespräsident kein Wort über ihn verlieren wird. Im Februar, so teilte mir Brinkmanns Hamburger Verlag mit, werde meine Hausbibel Westwärts 1 & 2, um bislang unbekannte Gedichte erweitert, neu erscheinen. Und, oh Jesus, ich kann es nicht glauben, eine Biografie, endlich! Noch habe ich in jedes Buch, in jede Serie, eine Zeile von Rolf Dieter Abi in meinen Text geschmuggelt, gehen in ein anderes Blau, weiße Tusche auf weißem Papier, in den ersten Kriegstagen zusammengefickt, ich bin nur da, weil es einen Krieg gab - kann mir nicht helfen, muss stoppen angesichts von so viel Not, Sehnsucht, Wut und Lust am Festhalten, weil auch die Wörter machen weiter.
Irgendjemand meinte mal, der Brinkmann schreibe wie Benn, aber das ist dummes Zeug. Keiner dieser Schreibt-wie-Sätze kann in der Kunst Gültigkeit haben. Wenn einer etwas macht, wie irgendjemand anderes es auch tat, dann handelt es sich um einen Kopisten, einen Stimmenimitator, um einen, der sich kostümiert. Es ist nur so, dass er den Benn viel und vielleicht auch gerne las. Nicht mal Rolf Dieter Brinkmann ist wie Rolf Dieter Brinkmann, denn jede Erzählung, jeder Einfall, jede neue Zeile, Melodie und Sprach- und Sprechreim sind anders und nie da gewesen. Und ja, ich würde sogar so weit gehen zu sagen, er war Deutschrapper. Er war ein König. Er war ein Von und Zu der Verzweifelten. Er war einer von uns.
Am 18. Februar werden die Buchhandlungen hoffentlich einmal das Richtige tun. Hee Thalia, ihr gottlosen Analphabeten, räumt die Etagen leer, schmeißt für ein Wochenende Kerzen, Lesebänder, Teddys und den ganzen Schrott von den Tischen und pflastert die Quadratmeter mit Brinkmann und anderer Lyrik von all unseren toten Helden, die nur deshalb überleben, weil wir an Gedichte nicht mit dem üblichen Bumsfallera-Anspruch á la "Rilke ist toll" rangehen, sondern die Sache ernst nehmen, kardiologisch betrachten, gewissermaßen. Weil wir nur deshalb deutsch denken können, weil es Leute wie Rolf Dieter gab, die uns beibrachten, Deutsch zu leiden und zu schreiben. Er kam aus Vechta, er und ich stapften durch das gleiche Moor, Bruchhausen-Vilsen, Bassum, Diepholz, das war unsere poetische Provinz, von dort lernten wir Zeilen stechen, so wie andere Spargel und Torf. Ich bin jetzt erschöpft. Nicht gewöhnt, Marketing zu machen. Aber es hat halbwegs geklappt. Ich hoffe, dass ihr jetzt alle verstanden habt, was zu tun ist.
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17.01.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 03
Jimmy Carter tot, Le Pen tot, Maria tot. Ich war zu spät. Die letzte Brezel, die sie bei mir bestellte, lege ich ihr aufs Grab und stelle mir vor, wie das war, wenn sie sie aß. Ganz langsam ließ sie die Dritten in die Brezel gleiten, nahm einen Schluck Kaffee und schloss die Augen. Gab es jemals eine Frau, die derart gerne Salzbrezeln aß? Das war ihr Münchnerisches Erbe, Brezeln, süßer Senf, zu Weihnachten kommt das Christkind, das "Ja mei..!" als Ausdruck höchster Freude. Ich präparierte ihr die Brezeln, indem ich sie einen Tag lang in einer Plastiktüte in der Mittagssonne weich schmorte. Alles, was härter als eine reife Banane war, konnte sie nicht essen. Habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich zu spät bin? Darüber kann ich nicht sprechen, so tief sitzt die Schuld. Es ist auch nicht so, dass wir uns noch etwas zu sagen gehabt hätten. Mit fast 90 Jahren hat man allen schon alles gesagt, die paar wichtigen, die jeder Mensch in seinem Leben hat, waren schon Jahrzehnte vor ihr gestorben. Eltern, Geschwister, Schulkameraden, die Freundinnen. Es ging mir immer nur um diesen Moment, zu sehen, wie sie genüsslich in die Brezel biss. Das Ticken der alten Uhr auf der Kommode, die Jesusdarstellungen und Marienbildchen, Papst Johannes im Rahmen auf dem Nachtkasterl. Von Johannes Rau hatte sie kein Bild, den mochte sie sehr. "Aber der Richard von Weizäcker war schon auch ein Mann!", sagte sie manchmal noch, und ein Hauch von Erotik wehte über die schweren dunklen Holzmöbel, bevor sie mit allen Sinnen zur Brezel zurückkehrte. Es gibt so viel zu sagen, es gibt so wenige Worte, sagte Christoph Schlingensief in einem Interview in einem plötzlichen Anfall von Trauer. Wie immer, wenn jemand gegangen ist, warte ich auf ein Zeichen.
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10.01.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 02
Keine Vorsätze fürs neue Jahr. Nur das vielleicht. Der Maria im Altersheim Salzbrezeln und etwas Camembert bringen. Den Vater am Telefon nicht jedes Mal nach aktuellen Zahlen zu Gewicht und Blutzucker fragen. (Nur jedes zweite Mal.) Endlich wieder etwas Gutes schreiben. (Neulich las ich bei Hellmuth Opitz, es reiche nicht, die Liebe zur Sprache deutlich zu machen. Man brauche den Moment, wo man das Gefühl habe, dass die Sprache einen zurück liebt.) Ich würde so gerne wieder in einem Chor singen, ob ich einen finde? Wie schön wäre es, ich würde den Mut finden und in eine fremde Stadt ziehen. Und wie schön wäre es, wenn in all meinen Lyrikbänden Lesezeichen kleben würden, so müsste ich nicht jedes Mal wieder von neuem suchen. Ach, könnte ich mir doch angewöhnen, wie andere Leute auch, abends stundenlang auf einem Sofa zu liegen. Dann würde ich mir vielleicht auch endlich abgewöhnen, nicht schon um halb neun ins Bett zu gehen und sofort einzuschlafen. Gäbe es ein anständiges Onlinestudium für Alttestamentliche Studien, ich würde mich auf der Stelle immatrikulieren. Überhaupt Schule. Was gäbe ich dafür, das Gymnasium erneut besuchen zu können. Beim ersten Mal habe ich nicht richtig aufgepasst und alles Interessante flog an meinen Ohren vorbei. Alleinsein ist wie mitten am Tag das Licht anzuschalten, las ich eben bei Rolf Dieter Brinkmann, meinem schönen, großen Bruder aus Vechta. Seht ihr, das meine ich. Ich bleibe immer an irgendwas hängen, das mir den Weg versperrt in ein ernstes Leben. Aber das Wichtigste ist wirklich, dass ich zur Maria gehe.
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03.01.2025 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 01
Ich bilde mir ein, ich könnte die länger werdenden Tage spüren. Minuten sind es nur, in denen es wieder etwas später dunkel wird, aber die Luft sieht morgens anders aus und auch das Blau der Dämmerung am Abend. Wer Wetter fühlt, sieht auch den Wind und schmeckt den Schnee, bevor er fällt.
Ich weiß, es klingt nach allem, was ich jemals über das schrieb, was uns unmittelbar bevorsteht, ich will es mal nebulös "die große Zerstörung" nennen, ziemlich seltsam, wenn ausgerechnet ich es sage. Und doch blicke ich mit Zuversicht und Kraft und Energie auf den Jahreswechsel und das Danach.
Natürlich wird es einen politischen Wetterumschwung geben und natürlich bin ich enttäuscht von einer Gesellschaft, die ihre Niedertracht und Missgunst nicht mehr verschämt verschleiert, sondern selbstbewusst vor sich her mackert. Ach und überhaupt die Macker, diese elenden Macker, hundertachtzigjährige, vergilbte Wohlstandsseelen, die nichts, aber auch gar nichts auf der Pfanne haben, aber ich denke eben auch immer, na und, egal! Ich bin ich, und ich kann fliegen.
Meine Mutter sagte immer, wenn einer kommt, der dir nicht gefällt, dann sagst du einfach, guten Tag, guten Weg. Ich freue mich neuerdings so sehr, dass ich mich nicht mehr geniere zuzugeben, dass ich Moral und Menschenrechte toll finde, und dass ich gerne spätabends ins Dussmann gehe und all die Bücher sehe und weiß, die werden es schaffen, würdevoller in die Geschichte einzugehen. Naja, und dann noch die Lunaria, die rechts und links der Winterfelder in der tiefen Mittagssonne wie kleine Monde glitzern, ihr kennt sie vielleicht als Silberblatt oder Silbertaler, das und noch einiges andere führen dazu, dass ich mich so gar nicht fürchte.
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27.12.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 52
Nach mehreren Wochen Möwen, Wind und Meer ist Berlin ein Schock. Aber das war ja klar. Die Busfahrerin des M19, die den Ku’damm runterfährt, macht gleich beim Einstieg klar, hier in meen‘ Bus gelten meene Regeln. Keene Telefonate! Man legt vor Ehrfurcht und Angst sofort auf.
Überhaupt die Busfahrer! Da gibt es diesen einen Irren, der den M29er durch Kreuzberg navigiert und grob motzend das Straßenbild kommentiert, Kopftuchfotze und scheiß Kanacke sind seine üblichen Injurien, wie wir Juristen sagen. Berliner Verbalmist, den man seit Jahren in dieser Stadt gewohnt ist. Der hier aber dreht regelmäßig beim Überqueren der Adalbertstraße völlig frei. Scheiß Polacke, Molacke, Fotzacke, völlig verhaltensgestört dekliniert er das Alphabet der Acken durch. Nur Kacke fällt ihm nie ein. Möglicherweise ist es ihm auch eine Spur zu elegant. Nie traut sich jemand einzuschreiten. Jeder weiß, was einem als Berliner in dieser Stadt nach einer Protestnote droht. Ohrfeigen, Spucke, Prügel. Was tun? Wie überleben? Es bleibt einem nur das innere Exil, die Landschaft tief in einem drin, vorausgesetzt man hat eine. Kopfüber Köpper in den Ozean der Gelassenheit. Diesen einen Winkel finden, wo Warmherzigkeit und Humor fern vom Grobiantum inniglich miteinander schmusen.
Und dann passiert auch sowas hier. Das war vorhin in der Ringbahn, die, wenn sie so herumfährt, S41 heißt, und andersherum S42. Kein Berliner beherrscht die Unterscheidung. Da stürmte eine dieser Morgengestalten mit seinem Obdachlosigkeitsbusiness durch die Waggons. Also Schnorren in Verbindung mit einer Story. Ein von der Literaturkritik übrigens völlig zu Unrecht unbeachtetes Genre. Aufgebracht schrie er sein Anliegen: Ditt is doch nicht in Ordnung, dass der jesammte Wohlstand uff’en Schultern von den Armen uffjebaut is. Ick find ditt nich okay. Oder findet ditt irgendwer okay? Wenn ditt jemand okay findet, dann melden. Jetzt!
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20.12.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 51
Auf der Post, hier im Dorf auf meiner Insel, wo die Halbbuchten in die Pommersche Lagune ragen und so schöne Namen wie Lieper Winkel, Gnitz und Cosim tragen, steht ein brummiger alter Kerl vor mir in der Schlange. In seiner Hand hält er mehrere Pakete, die er mit aufgetauten Lachsen garniert und mit Angelschnur festgebunden hat. Er trägt grobe Stiefel, mit denen er offenbar schon am Strand war, denn bei jedem Schritt bröselt frischer Sand an ihm herunter.
Alles an ihm riecht nach Fischernetz und altem Bootslack, nach Öl und Brathering im Brötchen zum Frühstück. Diese Art Typen sieht man auf der Insel leider nur selten. Im Dorf bewegen sie sich mit klapperigen alten Rädern, die bei jedem Tritt quietschen, aber eigentlich sind die Bilderbuchgestalten die letzten ihrer Art. Sie rollen das R, wenn sie Makrrreeelen sagen oder Nordstrrrieeem Zwei. Dieser hier fühlt sich offensichtlich nicht wohl. Er brummelt vor sich hin. Wohl zu warm, zu dicht gedrängt, und sowieso dauert es alles zu lange. Die wenigsten sind hier, um Briefmarken zu kaufen oder ein Paket abzugeben. Die meisten brauchen ein Lotterielos, weil im Jackpot wohl wieder ein paar Millionen darauf warten, von einem Pommerschen gewonnen zu werden. Jeder, der drankommt, will aber mit der Postfrau in Puschen noch etwas klönschnacken. Und jeder verabschiedet sich mit den Worten, ich mach dann mal los, die anderen wollen ja auch dranne kommen.
Der Brummelige tritt vor und sagt mit klarer, tiefer Stimme, ich habe hier eine Retorte. Er rollte das Wort wie einen Rollmops im Mund, es klingt natürlich toll. Ungefähr so: Rrrretorrrrte. Die Postfrau zieht einen Fuß aus dem Puschen und kratzt sich damit am anderen Fuß. Man sieht es nicht, aber man hört es. Hier ist nicht nur das Klima rau, auch der Ton, die Stimmlagen und die Fußsohlen sind es. Wer Parfüm und Cashmere will, muss nach Sylt. Was hast du, fragt sie? Eine Retorte, wiederholt er genervt und zeigt auf seine abenteuerlich zusammengeschnürten Pakete. Die Postfrau sagt, ach so, Retouren. Sag ich doch, sagt der Brummelige, eine Retorte. Nee, sagt die Postfrau, das sind Retouren, gib die mal her. Er schiebt die Pakete rüber, sie schaut die zusammengedrückten, im nassen Sturmwetter zusammengeknautschten Paketscheine an und sagt, ich kann das nicht scannen. Was kannst du nicht?, fragt er. Scannen, ich muss das doch scannen!, sagt sie. Ja, dann mach das doch, sagt er. Ja, kann ich ja nicht. Das sind aber Retorten. Ja, sagt sie, Retouren, ich kann das aber nicht scannen, das ist nass. Muss das trrrrocken sein, fragt er? Ja, sagt sie, und schabt wieder ungeduldig mit dem einen Fuß am anderen. Dann leeech das doch zur Seite zum Trrrrocknen, sagt er und dreht sich um und geht. Hallo?, ruft sie ihm entgeistert hinterher, das geht so nicht, er aber winkt einfach ab und ist weg.
Nun muss ich natürlich in diese miese Stimmung mit meiner komplizierten Briefmarkenbestellung rein. Ich wollte Sondermarken aussuchen und ein paar Briefe und Pakete abgeben. Außerdem ein besonders langes Päckchen ausmessen lassen, ob es doch noch als Maxibrief …, aber ich spüre, ich sollte das alles nicht tun. Ich sehe nicht einheimisch genug aus, um jetzt auch noch den Betrieb aufzuhalten. Ich komme morgen wieder, sage ich, und schleiche mich.
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13.12.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 50
Es ist völlig klar, dass dieser Nikolaus für die Kinder allenfalls ein Wünsche-Opa ist. Ein notwendiges Übel auf dem Weg zu einem Geschenk im Stiefel. Keinem Kind ist nach Plaudern zumute, sie wollen alle nur etwas kriegen. Mit möglichst wenig, am besten gar keinem Geschwafel auf offener Bühne. Die Bedingungen, Wünsche zu äußern, gestalten sich aber nun einmal leider so: In der Schlange warten, vortreten, sich ins Mikro sprechend vorstellen, Wunsch äußern. Welches fünf, sieben oder elf Jahre altes Kind kann das ernsthaft mögen? Den Kindern ist kalt, der harte Ostseewind drischt an diesem Tag besonders unnachgiebig an ihren Nasen und Ohren.
Ein Kind nach dem anderen tritt zu dem Opi ans Mikro, der in der grellgrün und grellrot ausgeleuchteten Strandmuschel auf einem Stuhl sitzt und versucht, aus den Kindern mehr herauszulocken als nur "ein Auto" oder "ein Kuscheltier". Keiner von diesen kleinen Rackern tritt als demütiger Bittsteller auf. Vor der Strandmuschel steht ein Pulk amüsierter, stolzer Eltern, die sich Glühwein trinkend und Bratwurst essend, das, nennen wir es ruhig event, teilweise sehr beschwipst und co-moderierend anschauen.
Der zwölfjährige Daniel wünscht sich eine Nintendo Switch Mario Kart 8 Deluxe. Schon ruft ein Daunenmantel-Daddy aus der Menge "Ich will, dass Borussia Deutscher Meister wird". Gejohle und Applaus. Ein paar Möwen fliegen tief und krächzend. Auf der anderen Seite der Düne liegt das Meer matt ruhend und blau. Der Charakter der Ostsee ist jeden Tag anders. Mal knallt das Wasser in schäumenden Lagen wie an der Atlantikküste tobend in schwarzen Wellen ineinander. An anderen Tagen drückt der Südwind die Waterkant zurück ins offene Meer.
Die Schlange an Kindern ist schier endlos. Der Nikolaus fragt weder nach Benehmen noch nach Verfehlungen. Die Situation ähnelt eher dem Vorgang einer Pizzabestellung. Der Nikolaus notiert in sein großes Buch, das aufgeklappt auf seinen Knien liegt, was geordert wird. Zu mehr Konversation wäre er auch nicht mehr in der Lage. Er hat Schwierigkeiten, die Kinder zu verstehen. In regelmäßigen Abständen wird ihm Glühwein gereicht.
Die vierjährige Elli ist dran. Elli ist schüchtern, fast ängstlich, sie flüstert so leise, dass man sie kaum hört. Das Mikrofon steht zu weit oben, der winzigen Elli gelingt es nicht hineinzusprechen. Was wünscht du dir?, poltert der Nikolaus ungläubig ins Mikro. Ein iPhone?? Elli nickt. Das Publikum ist erschüttert. Einzelne Mütter schütteln demonstrativ den Kopf, sie sehen aus, als hätten sie Parkinson. Nicht zu fassen!, flüstern sie. Was willst du denn mit einem iPhone?, lallt der Nikolaus. Spielen, sagt die kleine Elli, die wirklich sehr süß ist und der vor Angst das Köpfchen zwischen die Schultern gerutscht ist. Sie spricht Deutsch mit polnischem Akzent. Die Grenze zu Polen ist in einer halben Stunde zu Fuß am Strand laufend erreichbar.
Protest und Missfallen machen sich in der Menge bemerkbar. Ein iPhone? Mit vier Jahren? Der Nikolaus scheint den Missmut zu spüren. Er ist nicht bereit, den Wunsch zu notieren und einfach weiterzumachen. Elli friert und zittert, das Bömmelchen an ihrer Strickmütze wackelt. Ein Hauch von kollektiver pädagogischer Verantwortung und nationalem Abgrenzungsdrang liegt in der karamellisierten Zuckermandelluft. Wenn jetzt schon die Vierjährigen "von drüben" die Moral hier versauen, dann endgültig gute Nacht EU. Die Parkinsonmütter tuscheln, die Daunen-Daddys halten bürgerwehrmäßig Ausschau in der Menge, wer für diese Erziehungskatastrophe zuständig ist. Ellis Eltern sind nicht auszumachen. Ganz allein steht sie vor dem Nikolaus, der seinen Showmoment auszukosten und technische Details aus dem Kindlein heraus zu kitzeln versucht. Welche iPhone-Version soll es denn sein?, will er fragen, aber das Wort Version stellt sich gemessen an seinem Promillewert als zu ambitioniert heraus. Elli weint fast, denn mit ihren niedlichen vier Jahren unterhält sie sich gerade, im Gegensatz zu den deutschen Kindern, mit einem wie aus dem Nichts auf einmal demonstrativ Furcht verbreiten wollenden Alten in einer Fremdsprache. Welche Farbe, bohrt der Nikolaus betont sarkastisch, mit oder ohne Hülle? Die Bratwurstbräterin hält die glühende Bratwurstzange in der Luft, als wäre es eine Mistgabel. Auch am Bierstand hat man vorerst aufgehört, Bier auszugeben. Alle Augen starren gebannt auf das Debakel in der Strandmuschel.
Eine Vierjährige, die sich ein iPhone wünscht, hat die Masse mehr in Wallung gebracht als der arme Dennis vorhin. Der wünschte sich mit fünf Jahren warme Handschuhe. Und die sechsjährige Kimberly einen Wollschal. So klingen Kinderwünsche, wenn Eltern in sozialer Not sind, wenn sie an Festtagen wie Ostern oder Weihnachten die ganz normalen Bedürfnisse ihrer Kinder einfach in Geschenkpapier wickeln und den Kindern vorher einreden, dass sie sich doch schon immer wasserfeste Stiefel gewünscht hätten.
Die Protestmenge ist sich einig, der Skandal ist vier Jahre alt und steht gerade grellgrün und grellrot angeleuchtet in der Strandmuschel vor ihnen. Bald sind vorgezogene Bundestagswahlen. Was muss man wählen, damit man Vierjährigen zu Nikolaus ein Smartphone in den Strumpf stecken kann? Was hat man "drüben" gewählt? Die Daunendaddys sind schon tief in den politischen Diskussionen angekommen, anerkennend fällt das Wort PIS. Müttersätze, die mit "Ist doch nicht normal, dass ‘ne Vierjährige …" beginnen, werden hörbar. Selbst die mecklenburgischen Möwen schauen gebannt von der Düne auf dieses seltsame Wesen, dessen Eltern offenbar "mehr Netto vom Brutto" haben als man selbst.
Ein letztes Mal nimmt Elli ihren ganzen Mut zusammen, stellt sich auf die Fußspitzen und versucht mit dem Mund wenigstens in die Richtung des Mikrofons zu kommen. So laut sie nur kann, äußert sie ihren Wunsch erneut. Ich wünsche mir ein Einhorn, sagt Elli tapfer, und schiebt noch ein höfliches "bitte, lieber Nikolaus" hinterher. Ach soo, ein Einhorn!, donnert der besoffene Nikolaus. Ach so, ein Einhorn!, wiederholt der Chor von Mamas und Papas vor der Strandmuschel. Ein Einhorn, ach soo!, ruft auch die Bratwurstbräterin und klappert wieder mit ihrer Zange auf dem Rost. Und auch das Bier fließt wieder. Ein großes, ein erleichtertes "Ach so, ein Einhorn!" wird an jeder Bude, an jedem Stehtisch gerufen, man lacht sich gegenseitig verschwörerisch zu, klopft und knufft sich in die Winterjacken, prostet sich zu. Ellis Eltern treten hervor und nehmen ihr Mädchen in Empfang. Sie standen die ganze Zeit am Rand der Strandmuschel. Auf Polnisch sprechen sie ihrem Kind ganz offensichtlich ein Lob aus, tätscheln es und wärmen ihm die Fingerchen. Vielleicht haben sie nicht verstanden, was einen Moment lang auf diesem kleinen Weihnachtsmarkt an der Ostsee los war. Vielleicht wegen der Sprachbarriere. Vielleicht haben sie auch alles verstanden, aber es hat ihnen nichts ausgemacht.
Die Möwen setzen zu einem letzten kreisenden Flug an, denn gleich beginnt die Dämmerung. Die Kiefern thronen in der Düne, in der Ferne sieht man die Frachter in der Fahrrinne, wie ihre Lichter angehen und sie darauf warten, in den Hafen von Swinemünde einfahren zu dürfen.
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06.12.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 49
Jetzt geht auch dieses Jahr bald zu Ende, wie auch die Tage einfach zu Ende gehen, und die Nacht, und das Leben sowieso. Die Rezepte für meine Medikamente bekomme ich direkt auf die Versichertenkarte meiner Krankenkasse geschickt, endlich eine Gesundheitsreform, die ich verstehe und gutheiße und die mein Leben auf mindestens drei Arten erleichtert. In meinem chinesischen Lieblingsrestaurant, das der Einfachheit halber einfach nur "Chinarestaurant" heißt, singt die Mama der Familie auf ihrem Bontempi-Keyboard orgelnd, das Lied vom traurigen Bambus, und immer sitze ich dort, warte auf die 31 oder 44, und bin hin- und hergerissen zwischen Gelächter und Rührung, denn, um Himmels Willen, wer hat die Nerven, vom traurigen Bambus im leeren Lokal zu singen, während der Vater der Familie zeitgleich superlaut eine taiwanesische Sitcom schaut?
Manchmal fällt etwas Schnee, und die Stille, die auf die Flocken folgt, ist der vielleicht schönste Moment im ganzen Jahr. Mein Vater, der mich seit Jahrzehnten sonntags um elf Uhr anruft, wiederholt mit seiner freundlichen Stimme immer wieder "Uns geht es gut. Uns geht es gut", und natürlich macht mich das traurig, denn ich bin schließlich kein Idiot, aber wenn er nicht sagt, was und wo es fehlt, kann ich nicht helfen, und ich würde doch so gerne. Bei der alevitischen Gemeinde habe ich Schulden, ich glaube, ich habe seit zwei Jahren den Mitgliedsbeitrag nicht gezahlt, und meine größte Sorge ist immer noch, dass die mich im Stich lassen, wenn ich abnippele und ich aus Versehen bei Muslimen oder, Gott bewahre, zusammen mit Protestanten begraben werde.
Ein Gedanke, das hat jetzt alles nichts mit der Reform oder dem Bambus zu tun, kam mir außerdem, weil in letzter Zeit wieder so viel die Rede davon war, dass Ossis angeblich ihr Land verloren hätten. Und ich dachte, was für ein idiotischer Satz, sie haben allenfalls ihren Staat verloren, aber eigentlich müsste der Satz korrekt heißen "‘89 haben wir unsere Diktatur verloren", und übrigens habe ich als Nicht-Ossi in diesem Leben wirklich oft mein Land verloren, so wie ein Kind einfach so seine Haarspange oder seinen Handschuh verliert. Jedes Mal, wenn ein Landtag gewählt wird oder ein Bundestag. Man muss nur einmal zuhören, wie sie reden. Wie sie die Guillotinen auf unsere Hälse herabfallen lassen. Die AfD in Bayern hat diese Woche eine Resolution beschlossen, wonach einfach so Leute ausgebürgert werden können. Vielleicht wird dieses Jahr das letzte Jahr gewesen sein, in dem ich in diesem Deutschland gelebt haben werde. Das nächste Deutschland steht schon vor der Tür. Die Stille nach dem Schnee ist ein ungewöhnliches Geräusch.
Despite all this we’re travelling fast,_
we’re travelling faster than light.__
It’s almost next year_
schreibt mon amour Margaret A. und hat wie immer so recht, wir reisen schneller als das Licht, es ist fast nächstes Jahr.
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29.11.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 48
Bin wieder im Thomas-Mann-Fieber, vielleicht Flucht vor der Welt, was weiß ich. Manchmal lege ich mich am frühen Nachmittag mit einer Wärmflasche ins Bett, öffne die Fenster und lasse die eisige Vorwinterkälte ins Zimmer. So liege ich in der kühlenden, klaren Luft, die tiefe Novembersonne im Gesicht. Bevor ich einnicke, schwebe ich zwischen die Seiten, "Berghof" in Davos, Liegekur, Sonnenterrasse. Nicht nur Thomas Manns Leben und Werk zerfließen ineinander, auch ich zerfließe in den Zauberberg und döse auf einer Liege, neben mir das Ehepaar Mann. Katia plaudert mit ihrer tiefen Stimme und ihrem bayerischen Akzent über die echte Frau Maus und die Literatur gewordene Frau Iltis, und Thommy kritzelt Katias Lästereien eilig ins Notizheft, damit er sein "Lebensbuch" bald schreiben kann. So schlafe ich auf 1.650 Meter über dem Meeresspiegel in Graubünden, alles total schön, total plemmplemm. Und dann, versprochen, ich hatte nicht danach gesucht, die Nachmittagsruhe ist längst beendet, blättere ich im Stapel der Schriften, krame hier und krame da, finde ich diesen Satz von Tolstoi, auch so ein brutaler Geschichtenerzähler. Er schrieb, Glück sei das Zusammentreffen von Fantasie und Wirklichkeit. Keine Ahnung, in welchem Zusammenhang er das meinte, ob er an das Glück im Schreiben oder das Glück im Leben dachte. Aber dieser Zusammenhang zwischen Glück und Vorstellungskraft lässt mein Hineinspazieren in die Geschichten anderer weniger behämmert aussehen, und vielleicht funktionieren das Schreiben und die Dichtung genau so. Jedenfalls bin ich gerade total im Thomas-Mann-Universum, mit vorzüglichen Grüßen, Ihre ergebene Mely Kiyak.
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22.11.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 47
Überall ist Wut. Auch ich konnte früher viel mit der Wut der anderen anfangen. Fand sie anregend oder berechtigt, meistens überzogen, aber dann natürlich besonders amüsant. Die Wut kam selten vor. Wenn man einen Text entdeckte, in dem jemand nach allen Regeln der Kunst ablederte, las man sich das gegenseitig am Telefon vor. Unvergessen die berühmten Wutmonologe auf Theaterbühnen. Thomas Wodianka in einer Inszenierung von Falk Richter, wie er sich Abend für Abend minutenlang über Anna Netrebkos Fangirltum für Putin in die Verzweiflung schrie, und die Schwulenfeindlichkeit ins Verhältnis zum unkritischen deutschen Feuilleton und den Opernspielplänen setzte, das war 2014. Da war oder wurde die Krim gerade besetzt. Die Sophie Rois schrie für den René Pollesch auch immer sehr schön gekonnt, aber richtig gut wutbürgerte sich Martin Wuttke für Frank Castorf in Rage. Obwohl, nach der fünften Stunde, unter uns, wurde das manchmal schon auch arg öd. Wo ich gerade mein Theatergedächtnis zurückblättere, fallen mir doch noch weitere herrliche Schreistellen ein.
Die Wut war als Stilmittel in der Kunst, wie auch auf dem Bürgersteig, selten und kostbar. Nun ist die Wut immer allgegenwärtig und öffentlich. Wie uniformiert und austauschbar. Sie wird politisch inszeniert, sie hat Argumente ersetzt, selbst in der Literatur ist sie angekommen, wo die Verlage die Prosa gewordene Wut als kraftvoll und leidenschaftlich und "Romane der Stunde" beschreiben. Aber außer Yasmina Reza beherrscht die gekonnte Geiferei kaum jemand richtig.
Wenn die Mütter und die Landwirte und die Fleischereifachverkäuferin und die Lokführer und die Neonazis und selbst die Frau im Callcenter, die doch eigentlich mein Problem lösen soll, aber minutenlang ihre Probleme heraus wüten; wenn sie alle gleich wütend sind, dann ist die Wut nicht mehr ernst zu nehmen. Dann ist diese einst so seltene, aus der Reihe tanzende, alle Commitments von Conténance und Takt überschreitende Regelwidrigkeit nur noch gewöhnlich und belanglos. Politisch wird sie eiskalte Hardliner hervorbringen, die unwahrscheinlich unmenschliche Entscheidungen treffen werden, die vom aufgebrachten Volk als kühl, rational und besonnen bewertet werden, weil es von seiner eigenen Wut so erschöpft ist. Man kann es ja jetzt schon Land für Land beobachten.
Man müsste in dieser vor Gicht und Galle schäumenden Periode nach einem wirklich radikalen Gefühl suchen. In der Kunst kann ich die Umkehr noch nicht entdecken. Ich denke immer noch angewidert an einen Künstler wie Neo Rauch, der vor Wut auf der Leinwand einen Mann in den Topf scheißen ließ. Das angeblich absichtlich schlecht gemalte Bild wurde übrigens von dem Immobilienunternehmer Christoph Gröner für eine dreiviertel Million Euro gekauft. Geld, dass er wohl besser anders angelegt hätte, denn nun er hat Insolvenz angemeldet. Alle Wütenden werden irgendwann irgendeine Form von moralischer Insolvenz anmelden. Wut wird niemals etwas anderes gebieren als Untergang und Zerstörung. Um es kurz zu machen, ich glaube, es ist die Schönheit.
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15.11.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 46
Irgendjemand sagte mal als Antwort auf die Frage, was typisch deutsch sei, dass es die atemberaubende Technik ist, alles, was auf der Welt geschieht, so lange zu drehen, bis die Deutschen die unmittelbaren und ersten Opfer sind. Tag eins nach den Wahlen in Amerika:
Die Süddeutsche Zeitung zeigt Wege, die Welt nach Trumps Wiederwahl "weniger düster zu sehen". Sie beginnt mit dem Tipp "Rausgehen", frische Luft also. Oder wie es im Text heißt, "Sonnenstrahlen und Kontakt mit der Natur", weil "immer, wenn man seinen Geist mit etwas Schönem füttert und den Immunzellen Schwung verschafft, kann man damit auch die Seele stärken". Als seien politische Entscheidungen eine Frage von feelings. Daran anknüpfend, der nächste Tipp: "Sich daran erinnern, wie gut es einem persönlich – trotz allem – geht, weil man Freunde hat, weil man genug Geld hat, weil man nicht frieren muss". Hauptsache in Sendling, im Lehel, in Pasing oder Schwabing lässt sich der Thermostat hochdrehen, dann fühlt sich Weltpolitik gleich etwas weniger grausam an. Inmitten all der aufgeregten Berichterstattung, ein Leuchtturm des Irrsinns. Ich kann mir nicht helfen, aber ich kann über sowas sehr gut lachen.
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08.11.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 45
Immer noch ein großes Sehnen, die Welt in politischer und poetischer Gänze zu verstehen. Den Anfang zu begreifen, und auch das Ende, und all die eingezogenen Zwischenwände. Im unbedingten Willen einen für jetzt und alle Zeit gültigen Maßstab zu erfinden, wie einen Zollstock an die Abschnitte zu binden. Wer werde ich in einem Jahrzehnt zurückschauend heute gewesen sein? Die angestrebte künstlerische Vereinzelung ist mir gelungen. Am meisten riss ich mir einen Arm für mich aus und ein Bein. Erstaunlich, nicht wahr? Wo ich doch so radikal im Dienste der Gemeinschaft erzogen worden war.
Irgendwo zwischen Kindheit und Gegenwart ist es mir gelungen, ein neoliberaler Wichser zu werden. Neulich auf der biologisch-dynamischen Bank hörte ich mich sagen, ich möchte mein Geld auf ästhetische Weise vermehren. Keine Kinderarbeit, keine Waffen, kein Bullshit, hören Sie? Nur Wind- und Wetterenergien, Investitionen in mobile Hebammenstationen, Techunternehmen, die Impfungen für Kinder in Flüchtlingslagern erforschen. Nur deshalb bin ich hier, in Ihrem albernen Vollkorndinkelkreditinstitut mit vertikalen Pflanzenwänden und nervtötendem Vogelgezwitscher im Entree. Der Typ an seinem Schreibtisch aus unbehandelter Esche krümmte sich vor Lachen. Da begriff ich es dann auch. Schon der Umstand, dass ich aus einer kapitalistischen Mark zwei gemeinnützige Mark machen will, zeigt doch, wie dumm der Mensch ist. Warum nicht einfach alles Geld medico international spenden, statt auch noch den letzten Funken Weltschmerz zu Geld machen wollen?
Zu Hause blind in den Stapel gegriffen, wo ich nur noch von Lieblingsbüchern umgeben bin. Lotterie wie gesagt, zog ich einen Björn Kuhligk heraus (warum ist der eigentlich nicht schon längst weltberühmt?), irgendwo aufgeschlagen und angefangen zu lesen.
der Raum war tief, der Himmel, wie ich
keinen sah, die Tage bleiern
auf dem Landwehrkanal blühten
dunkel die Schwäne
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01.11.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 44
Im Türkischen unterscheidet man den Frühling sprachlich vom Herbst, indem man ilkbahar und sonbahar sagt. Ilk heißt "erster" und son "letzter". Bahar wird in den Wörterbüchern mit Frühling übersetzt. Ich dachte fälschlicherweise deshalb immer, dass die Türken vom ersten und letzten Frühling sprechen, wenn sie Frühjahr und Herbst meinen. Das Wort bahar ist aber aus dem Persischen entlehnt und meint "die Blüte", und plötzlich ergibt es sprachlich sofort Sinn. Das Frühjahr ist "die erste Blüte" und der Herbst "die letzte Blüte". Und wieder wird mir bewusst, dass alle Sprachen, die ich spreche und schreibe, Fremdsprachen sind. Denn die eine Sprache, die meine Elternsprache ist, sprachen sie daheim nur heimlich. Man wollte nicht, dass ich sie lerne, um mir das Leben nicht unnötig schwer zu machen. Um mich nicht zu gefährden. Ich bin ihnen nicht böse. Eltern ticken so. Mein Freund, der Schauspieler ist und Mehmet heißt, hat seinem Sohn den Namen Bertolt gegeben. Der Name soll den Jungen beschützen. Nun bin ich schon so alt und pauke immer noch Deutschvokabeln und manchmal Türkisch und lerne alles auswendig. An sich ist das nichts Schlimmes und ich spreche es alles ganz ordentlich. Aber angesichts dieser Zeiten, indem jede sprachliche und andere Veränderung, die vom Mehrheitssein abweicht, als Skandal aufgefasst wird, wollte ich es doch einmal laut sagen, ihr tickt doch alle nicht mehr ganz sauber, manyaklar.
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25.10.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 43
Mein Nachbar hat Krebs. Er sagte es mir, als ich im Laden stand und nach dem passenden Bund Petersilie schaute. Ick habs jetzt ooch, sagt er mir. Aber ich mach keene Chemo. Ich habe Gurken in der Hand und Alltagskram im Kopf. Wenig Zeit leider auch. Aber mein Nachbar, ein kleiner grauhaariger Mann mit dem Teint eines Camemberts, stellt sich entschlossen vor mich hin und erzählt. Es sprudelt aus ihm, was ihm vom Gespräch mit dem Arzt im Gedächtnis blieb. Wirklich relevant sind leider nur diese beiden Worte, Prostata und Bestrahlung. Der Rest ist Fantasie, Angst und gefährliches Viertelwissen. Hier, der Engländer, er schaut mich lieb an mit seiner weichen Stimme, der konnte ja schließlich nicht mehr sitzen. Welcher Engländer? Na, der früher Prinz war und jetzt, er sucht nach den Worten und passenden Zusammenhängen. Meinen Sie König Charles? Ja, genau der! Woher wissen Sie das denn alles, frage ich nun doch interessiert nach. Seine Informationsquellen sind die Illustrierten beim Arzt und Klatschbeiträge aus dem Fernsehen. Er schaut das alles ganz genau nach und ergänzt die Lücken mit Fantasie und Lebenserfahrung. Ich lege Petersilie und Gurken beiseite, meinen Einkauf kann ich erstmal vergessen. König Charles hat Prostatakrebs und kann nicht mehr sitzen? Ja, genau sagt Herr Krause, der war bei der Parade dieses Jahr nicht dabei. Normalerweise reitet er da immer mit. Der kann nicht mehr sitzen, auf den Bildern steht er immer. Ich mach keene Chemo. Aber sie haben doch Bestrahlungen angeboten bekommen und keine Chemo. Ach so, fragt Herr Krause, ist ditt watt anderes? Je mehr ich in die Gedankenwelt meines Nachbarn abtauche, desto mehr stellt sich heraus, wie weit weg der Referenzrahmen ist, in dem er sich wähnt. Zu Hause wartet seine Frau, die die Wohnung im Erdgeschoss seit Jahrzehnten nicht mehr verließ, weil das System der Pflegestufen an Herrn Krause vorbeiging. Draußen stehen die Eibische und Rosen, die er vor Jahren pflanzte und die mageren Vorgärten in jeder Jahreszeit in ein betörendes Gemälde verwandeln. Drinnen steht Herr Krause vor mir, hat Angst, aber seine Tapferkeit gewinnt wie immer die Oberhand. Es muss ja weitergehen, ick hab nächste Woche den Termin beim Arzt. Genau so, Herr Krause, empowere ich meinen blassen, lieben Nachbarn. Dann hält er mir die Rapperfaust hin. Das ist unser Ritual. Einer von beiden sagt, dass es weitergehen muss, dann hält der andere die Faust hin und wir fäusteln verschwörerisch. Er entlässt mich aus dem Gespräch. Ich hatte ihm angeboten, dass er bei mir klingeln soll, wenn was ist. Macht er auch. Er klingelt und teilt mir über die Sprechanlage die neusten Updates mit. Im Penny jibts Astern für zwee Euro, müssen sich beeilen, sind nur noch fünf Pötte. Im Lidl ham se Mulch zu stehen, fünf Euro der Sack. Unser gemeinsames Thema ist immer der Garten. Ich brauche keine Gratiswerbung im Briefkasten. Ich habe Herrn Krause, der mich über alle Sonderangebote und Aktionswaren für Pflanzen informiert. Das ist seine Art, die Welt zu überstehen.
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18.10.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 42
In der einen Hand das Mikrofon, mit der anderen zieht er seinen Bollerwagen über die Ampel an der Friedrichstraße. Hintendrauf ist der Lautsprecher, er leiert im Gehen in der Art von Hare-Krishna-Liedern ein Mantra. Man versteht kein Wort. Keine Ahnung, welchen Gott er gerade besingt, denn er kann nicht singen. Bollerwagen fahren kann er auch nicht. Er kämpft mit dem Kabel und der Technik. Mindestens vier Leute hat er schon angerempelt, unter anderem eine Rollstuhlfahrerin, die ihm bei seinem schwierigen Manöver über die Straßenbahngleise den Vortritt gibt. Ihm, der auf zwei Beinen geht. Die Straßenbahn bimmelt schon, weil sie es wegen ihm nicht rechtzeitig rüber schaffen wird, die Fußgängerampel ist längst auf Rot geschaltet. Eine Mutter mit Kinderwagen hat er auch schon auf dem Gewissen, oder sagt man, im Karma? Die dürfen ja von Religions wegen keiner Fliege was zu leide tun, auch keinem Grashalm und sowieso achtsam, aware und lieb müssen sie sein. Die Straßenbahn donnert über den Schnuller vom Baby, der dem Kleinen bei der Anrumpelei aus der Hand fiel. Der Mann aber hört nicht auf ins Mikrofon zu leiern. Sani tani shishani, oder sowas in der Art krishnert er super gestresst. Es scheint eine Fantasiesprache zu sein. Die Besonderheit seiner Performance ist, dass aus dem Lautsprecher aufsehenerregend unüberhörbar die Stimme einer Duettpartnerin abgespielt wird. Der Sound ist nervtötend, weil schief und schrabbelig. Und laut, meine Güte. Lauter als zwei Straßenbahnen, lauter als die S- Bahn, lauter als die Autos, der Regen und der ganze Mittewusel mit Touristen, Radfahrern; Großstadt halt. Er ist schweißnass gebadet, seine Füße stehen im Wasser, sie schwippschwappen laut schmatzend in den Galoschen. Ditt Kabel hängt schon wieder. Diesmal in einer Oma, die das natürlich standesgemäß kommentiert, glooobsjanicht, jibtsdochnicht. Was Omas vorm Rossmann in Potzblitz-Berlinerisch halt so meckern. Ich kenn den Typen vom Alexanderplatz. Da hat er schon eine Fangemeinde. Die Obdachlosen und Junkies kriegen sich vor Lachen nicht ein, wenn sie den sehen. Auch ich kann mich nicht von ihm lösen. Unauffällig wie ein paar andere auch reihe ich mich ein und laufe ein, zwei Ecken mit. Zähle die zivilen Opfer, die seinen Weg pflastern. Lasse mich in seine mit minimalem Stimmumfang bei maximalen Dezibel vokalen Gottesanrufungen einlullen. Es ist so schrill, so peinlich, so erbärmlich, dieses kolossale Ausmaß an Nichtkönnertum, dass es natürlich wieder große Kunst ist. Genau hier, im Zentrum des magischen Dreiecks aus Deutschem Theater, Gorki und Berliner Ensemble, schlägt er sie einfach alle.
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11.10.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 41
Milo Rau und ich sind im Kaufleuten in Zürich und plaudern auf der Bühne über "Menschenrechte & Manieren". Was nach hochtrabendem Konzept mit philosophischem Tiefgang klingt, ist in Wirklichkeit ein Schwatz unter Freunden, die sich grundsätzlich viel zu sagen haben. Wir reden Krisen und Ängste nicht klein. Aber wir schämen uns auch nicht für unsere Zuversicht. Für die kreative Kraft, die immer noch brodelt. Vielleicht mehr denn je, denn jetzt wird sie gebraucht, jetzt ist sie endlich zu was gut. Ja, politisch ist alles hin, worauf Feingeister stehen, Contenance, Takt, leises Sprechen. Aber das ist erst der Anfang, das wird noch unvorstellbar ekelig und gewaltvoll alles. Aber das ist nur für uns im Westen was Neues. Im Rest der Kugel ist das schon lange so. Und wir, als Gesellschaft, finden das offenbar erstrebenswert, wie sonst erklärt man sich die geile Lust auf Zerstörung? Aber ich bleibe bei meinem Sound. Für uns, die Kunstarbeiter, beginnt nun jene Phase, wo wirklich Grips und Fantasie benötigt werden, und die, rein schöpferisch gesprochen, die wichtigste Periode sein wird. Darauf freue ich mich. Später, wir werden gebeten, Bücher zu signieren, tritt eine Dame vor, die sich als Ungarin vorstellt. Sie habe eine dringende Bitte. Sie hält mir meinen letzten Roman hin. Ich möge ihr einen Spruch aus ihrer Heimat hineinschreiben. Sie habe ihn aus dem Ungarischen übersetzt, und er lautet: Freude ist die Luft der neuen Welt.
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04.10.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 40
Der Herbst fing so an, dass frühmorgens um fünf die Balkontüren aneinander klapperten und die Wärmflasche in der kalten Küche unerreichbar schien. Später am Tag Ausflug in die Rieselfelder und überrascht feststellen, dass kurz vor sieben schon die Dämmerung einsetzt, weshalb der Ochse im Waldgehege im Schatten der untergehenden Sonne wie ein Bär aussah, und deshalb natürlich erstmal Riesenaufregung. Die Erinnerungen an die vergangenen Wochen werden nun endgültig im Sommer abgelegt. Das Geschwister flog kurzentschlossen über den Indischen Ozean, und im Penny gibt es den Kabeljau nicht mehr. Die Alte Schönhauser, die man, legte man Wert auf Menschenwürde, wenn überhaupt nur die erste Januarwoche durchbummeln sollte, ist wegen der vielen Bauarbeiten unpassierbar geworden, das hat aber nichts mit der Jahreszeit zu tun. Auf der Alten Schönhauser jedenfalls tragen die Typen schon Rollkragenpullover und kippen Commissario-Brunetti-mäßig mit dem Fuß auf dem Bordstein abstützend einen Espresso. Aus der Diptyque-Parfümerie wehen Kopf-, Herz- und Basisnoten über die Gasse, Richtung Alexanderplatz, keine paar Gehminuten entfernt, dann wieder das gewohnte Bouquet aus Pisse und offenen Wunden. Ein paar Wochentage und neue Bücher später ein sehr tolles Messer gekauft, das Brot, Radieschen und Gruyère mühelos in hauchdünne, transparente Scheiben schneiden kann. Auch Musik klingt bei unter 20 Grad anders, gebrochener irgendwie, Herbst halt.
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27.09.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 39
Vater soll sich in den Mittelfinger piksen und den Blutstropfen auf den Teststreifen drücken. Das Blutzuckermessgerät wird ihm das Ergebnis zeigen. Er soll es notieren. Vater kocht vor Wut. Er kann das natürlich nicht artikulieren, sondern tut es auf seine Weise. Er presst die Lippen aufeinander und rollt mit den Augen. Er will das nicht. Er hat keine Lust, ein medizinisches Gerät zu verwenden, er will die Medikation nicht ändern, er hasst jede Art von Veränderung.
Vater wiegt an guten Tagen 48 Kilo. Mit viel Aufwand bekommen wir ihn an die 50 Kilogrenze gemästet. Jede Gefühlsregung lässt ihn aus den Latschen kippen.
Die Ärztin fragt, wie geht es Ihnen? Vater flirtet sein berühmtes Mahatma-Gandhi-Lächeln, danke, gut, meine Dame, sagt er, und Ihnen? Die Ärztin lächelt geduldig, sie hat ja Augen im Kopf. Wirklich? Keine Beschwerden? Nein, keine Beschwerden, sagt mein Vater. Die Ärztin schaut zu mir. Ich interpretiere ihren Blick als Erlaubnis loszulegen. Er kann nicht schlafen, nicht lange laufen, wir wissen nicht, wie wir ihn mollig bekommen sollen, blitzartige Nervenzusammenbrüche begleitet von Gemotz nehmen zu.
Ich schaue, während ich rede, meinen Vater nicht an. Ich weiß genau, was gerade in ihm tobt. Es ist die berühmte baba-Mischung aus Beleidigtsein und Scham. Die Ärztin rät dringend zu einer anderen Medikation. Wenn Vater das Wort Anders-Machen hört, bricht für ihn alles zusammen. Draußen, ich halte Vaters Rezepte und seinen Beutel (er hat jetzt immer so einen albernen Beutel dabei), beschwert er sich darüber, dass ich erstens immer übertreiben und zweitens immer petzen würde.
Nun muss ich Vater also beibringen, sich den Zucker zu messen. Mein Vater schaut zur Wand, sein Zorn brodelt. Zwischen uns türmt sich eine Wand aus Hitze hoch, Vater fiebert in seiner Verzweiflung manchmal. Er hat keinen Bock auf diese Prozedur. Er hat da einen Arzt, der seine Sprache spricht, egal, zu welcher Koryphäe wir unseren Vater schleppen, am Ende macht er immer das, was dieser eine Arzt ihm sagt, der ein Dorfdoktor auf dem Stand von vor dreißig Jahren ist. Mein Vater liebt diesen und vertraut diesem Mann, der ihn zur Begrüßung umarmt, immer erst einen kleinen Scherz macht. Dinge, die mein Vater kennt, die ihn beruhigen. Aber Vater benötigt eine bessere Therapie, ernsthaftere Diagnostik. Jedes Jahr die gleiche Leier. Ich weiß nicht warum, ich bin auch nur ein Mensch, verlässt mich das erste Mal seit Jahrzehnten meine Geduld. Ich sage, "baba, ich bereue, dass ich gekommen bin, um dir zu helfen". Ich war nämlich, obwohl ich ein Buch fertig schreiben musste, und allerhand anderen Lebenskram zu erledigen hatte, zu Vater gereist, der dieses Mal bei meinem Geschwister unterkam, das am anderen Ende des Landes wohnt. Ich tat es, damit er seine Tochter bei sich hat, diejenige unter seinen Kindern, mit der er eine Sprache für körperliche Gebrechen gefunden hat, bei der er sich am wenigsten geniert. Aber statt unterwürfig zu kooperieren, nimmt mein feiner Herr baba sich die Freiheit heraus, mir auf die Nerven zu gehen, und ich frage mich, mit welchem Recht?
Vater schaut erschrocken. Er habe gerade das Schlimmste auf der Welt gehört, was ein baba hören kann. Bereuen, seinen Vater gesehen zu haben, sei fast so schlimm, wie seinen Vater zu töten. Nein, im Grunde hätte ich ihn getötet. Und dann, ganz Operettendiva, klagt er über, "glühende Vaterschmerzen, lodernde baba-Trauer". Boah! Ich bin fassungslos. Jetzt bin ich bereit, es vollends eskalieren zu lassen. Ich stehe auf, ziehe meine Schuhe an, und sage, elveda baba, also, adieu Vater.
Drei Stunden lang laufe ich in der mittelgroßen, mittelinteressanten Stadt im Kreis und rufe sämtliche Familienmitglieder ersten Grades an und petze. Ja, dieses Mal petze ich wirklich. Ich lasse mir bestätigen, dass unser Vater ein selbstbezogener Griesgram ist und ich absolut und tausend Prozent im Recht damit bin, ihm meine Meinung gegeigt zu haben.
Die Sonne ist schon untergegangen, und ich laufe noch einmal zurück. Er öffnet die Tür, er küsst mich zur Begrüßung (das hat nichts zu bedeuten, es handelt sich bloß um Kultur und Etikette). Ich trete ein.
Auf den kleinen Couchtisch hat Vater alle neuen Medikamente hingelegt, die er offenbar in der Zwischenzeit von der Apotheke abgeholt hat. Auch das Blutzuckermessgerät, die Lanzetten und Teststreifen, ja sogar eine Packung Taschentücher, die er wohl auch bekam, liegen akkurat und parallel zueinander. Wie um mir zu demonstrieren, dass er jetzt im Lernmodus ist, hat er die Lesebrille auf die Nase geschoben. Er schaut mich nicht direkt an, aber er streckt mir seinen Zeigefinger hin. Fast schüchtern fragt er, zeigst du mir, wie man es machen muss?
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20.09.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 38
Alle kommen sie der Reihe nach auf der anderen Seite des Sommers an. Die Theaterhäuser, die Literaturbühnen, im Kalender rückt das nächste Konzert in der Philharmonie näher. Die Litfaßsäulen wurden frisch beklebt, ach guck, im Virchow gibt es eine Ausstellung über einen Arzt, das Plakat ist sehr schön. Der übliche Wahnsinn stülpt sich über die Stadt.
Bin in Gedanken manchmal noch im Norden. Wo man nur rausfährt, wenn man zum Facharzt muss. Anschließend Besuch im örtlichen Rossmann, staunen über Dirks Ideenwelt. Frau Lohmeyer sagte immer, wo nichts is, is nichts. Pures Zen, aber so meint sie es nicht. Es ist eher Mecklenburgischer Minimalismus. Wer noch was erwartet im Leben, ist wohl King Charles, oder was? Mitt‘n Löffel im Mund geboren, oder was? Provinz ist, wo auch die Infrastruktur der Sprüche eingespart wurde.
Ich muss jetzt nach vorne schauen. Berlin, die alte Pottsau, volle Pulle Scheißstadt, mit den besten Ablenkungen der Welt.
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13.09.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 37
Genau die richtige Woche, um auch mal über die Liebe zum Leben zu sprechen, nicht wahr?
Die Morgenstunde, wenn sich der Reißverschluss im Himmel öffnet und ein Streifen Licht herausdrängt.
Die Familienfeier vom Wochenende, die Umarmungen und Späße, das frohe Gefühl von "Das sind meine Leute".
Die selbst gepflanzten Rosenbüsche, die nach dem Urlaub mies gelaunt herunterhingen und nun doch wieder blühen.
Die Toten und die Lebenden zählen und feststellen, die Allerwichtigsten leben noch, die Zweitwichtigsten sind zwar schon tot, aber langsam wird‘s okay.
Und dann sah ich noch Birken und Trauerweiden und Eichen. Aber die Birken sind die schönsten.
Die Zeitung lesen, den Groll beiseiteschieben.
Die Zeitung lesen, erkennen, dass die Demagogen siegen und darüber schweigen zu können.
Das Innere beisammenhalten und wissen, dass es eine Lebenspracht gibt, die zu erkennen man wollen muss. Ich will.
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06.09.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 36
Die Ferien liegen ausgekippt auf dem Boden, der Koffer muss verstaut werden, aufräumen, was schreiben und hoffen, dass sich im Laufe des Abends eine Art inneres Ankommen einstellen wird. Auch der nächste Tag liegt fremd auf Kopf und Tisch, und der übernächste und so weiter. Sang, sie massiert meine Hände, fragt, ob es schön war am Meer. In Vietnam war sie Buchhalterin, im neuen Leben pflegt sie Nägel und massiert Gesichter, "besser als teure Creme!", beschwört sie mich jedes Mal. Mich muss man in dieser Sache nicht überzeugen. Sie knetet, klopft und zieht und zupft an mir. Hast du kurze Nägel, weil du Bücher schreibst, fragt sie mich. Sind deine Locken echt? Weinst du manchmal? Aus allen Fragen spricht Sehnsucht nach einer Freundin, nach Plaudern und Zeit vertrödeln. Weißt du, Sang, erzähle ich ihr, der Wind am Meer ist fröhlicher, das Wasser spricht hundert Sprachen, und der Mond leuchtet sehr verrückt. Ich verstehe, sagt Sang, das Meer ist.., sie sucht nach dem richtigen Wort. Um den Begriff zu illustrieren, wirbelt sie mit ihren Fingern kneifend und kraulend über meinen Arm. Für Google Translate hat sie keine Hand frei. Ich rate. Wild? Laut? Sie schüttelt den Kopf. Dann schweigen wir. Wir wissen ja immer ungefähr, was die andere meint. Am Abend meldet sie sich auf WhatsApp. Die Nachricht besteht aus einem Wort. Ekstatisch. Wie interessant sie die Welt sieht, denke ich. Ihre Worte sind ganz andere als meine. Der Koffer ist erneut gepackt. Muss weiterziehen mit meinen schönen Händen. Ins ekstatische Bayern.
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30.08.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 35
Zum Beispiel die Kiefern. Das Knacken, wenn man auf die Knospen tritt. Der weiche Boden, auf dem sie wachsen. Eine Luft so würzig, ätherisch. Gefiltert durch die späte Nachmittagssonne verschwimmen die Konturen. Gehen über Grün und Schwarz. Kiefernnadeldächer wölben sich wie Baldachine über mir. Am Ende der Düne beginnt das Meer. Und gleich darüber türmen sich die Kumuluswolken in den Himmel. Selbst wenn ich hier stehe und es sehe, spüre, rieche, bleibt die Sehnsucht. Nach diesem Bild, in dem auch immer Abschied steckt. Und ein Rahmen aus viel Stille.
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23.08.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 34
Das Schönste am Strand sind die Kinder. Mit heiligem Ernst bauen sie Wasserstraßen, komplizierte Tunnelsysteme und bahnbrechende Architektur aus Sand, Förmchen und Eimerchen. Immer hängt ihnen dabei ein Stück Zunge aus dem Mundwinkel. Manche benötigen Beifall und schreien ständig Mama mit langgezogenem A. Andere sind in sich versunken und schauen kein einziges Mal auf. Meistens haben sie noch ein kleines Geschwisterchen mit Windel am Po, das, in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit aller, mit einer gewaltigen Arschbombe auf die in stundenlanger Arbeit aufgebaute Sandstadt kracht. Das ist irre lustig anzusehen, wie die Ferieningenieure zunächst ungläubig das Ausmaß der Zerstörung zu erfassen versuchen. Dann verfallen sie in einen hysterischen Nervenzusammenbruch mit anschließendem Delirium. Aber immer ist da auch ein nackter Opa, der sich im Campingstuhl unter der aufdringlichen Augustsonne ohne Schatten, Hut oder Sonnencreme die Pigmente aus der Epidermis prügelt. Auch er schaut zu. Feist geschwitzt meint er, anderer Leute Kinder trösten zu müssen: Dann baust du halt alles wieder auf, ruft er genervt rüber. Ein Satz wie aus der Ära Adenauers.
Erwähnte ich schon, wo ich bin? Habe mich zur Sommerfrische an der Ostsee niedergelassen. Wo sich Bismarck und Zwiebelringe im Brötchen gute Nacht sagen. Bei den blau-weiß gestreiften Strandkörben, die es seit dieser Saison auch in XL zu mieten gibt. Wo die Strandabschnitte in nackt mit Hund und nackt ohne Hund eingeteilt sind. Selbst da, wo Nackte nicht vorgesehen sind, sind Nackte. Das ist so’n Ossiding. Ausziehen als Statement. Oder wie mein Freund, der Satiriker Hartmut El Kurdi, immer sagt: Na, biste wieder an der sozialistischen Riviera?
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16.08.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 33
Die Bank, wo ich mein Geld abhebe, hat einen Türsteherservice. Es handelt sich um einen ganz besonders abgerissenen Trinker, der es schafft, den gesamten großen Raum mit den Geldautomaten in sein spezielles Odeur de Abstieg zu tauchen. Geld stinkt, heißt es. In dieser Filiale stimmt das mit Sicherheit.
Die Dienstleistung des Säufers besteht darin, dass er einem mit mehr oder weniger Schwung die Tür aufreißt. Manchmal ist sein Restalkoholpegel so groß, dass er nur einen winzigen Spalt zu öffnen schafft. Dann muss man sich schmal machen, um seitlich rein und wieder raus zu schlüpfen. Er hält seine Ruhepausen ziemlich pünktlich ein. Wenn man gegen vier Uhr kommt, trifft man ihn liegend beim Nickerchenmachen im Eingang. Dann muss man über ihn steigen. Manche Bankkunden machen den Fehler und meckern. Davon wird er wach und missmutig. Doch selbst wenn er döst, hält er einem noch den Pappbecher hoch, damit man die Gebühr abdrückt.
In all den Jahren versäumte ich es kein einziges Mal, die Maut plus Trinkgeld zu zahlen. Immer lasse ich was Silbernes springen, und jedes Mal rechne ich hoch, was er am Ende des Tages im Becher haben wird. Steuerfrei! Es handelt sich bei seiner Tätigkeit um eine sogenannte körpernahe Dienstleistung. Ich wünschte, er würde das bei seiner Körperpflege berücksichtigen. Häufig ist er derart rotzevoll, dass er beim Türöffnen das Gleichgewicht verliert und gegen oder auf mich fällt. Er ist übrigens Pole, sein Deutsch klingt weich, wenn er "Bitta scheeen, Madammm" lallt.
Ein einziges Mal nur vergaß ich den Wegezoll zu zahlen. Ich war in Gedanken. Der Blick in die Kontoauszüge hatte mich etwas unkonzentriert werden lassen. Ich latschte gratis durch die Tür hinaus. Doch wie ich die Schwelle zur Straße überschritt und anfangen wollte, zügig loszulaufen, besann ich mich und drehte um. Ich schaute ihm in die Augen. Ich lächelte und sagte Hallo, und, Danke. Gezahlt habe ich nichts. Ich sah für einen Moment nicht den Geschäftspartner in ihm, sondern den Menschen.
Er aber lächelte nicht. Kein Madammm und Meechtescheen und Dankischeen, wie sonst immer. Stattdessen antwortete er auf meinen Fauxpas mit "du schwule deutsche Nazi".
Ungläubig blieb ich stehen.
Bedingt durch die Zeitungskolumnerei wurde ich fast zwei Jahrzehnte lang durchgehend derbe beschimpft. Das Wort Fotze spielte häufig eine große Rolle. Man wollte mich schächten, schlitzen, schrotten. Obsessiv wurde auf meine vermeintliche ethnische, religiöse oder politische Zugehörigkeit gezielt. Meine Identität als Frau war der Anlass, mich sexuell beschädigen oder wenigstens beschämen zu wollen. Menschen meines Schlages können das beiseite wischen. Ich weiß ja, dass es nicht stimmt. Dass es falsch ist. Dass Miesheit aus Kleinheit rührt. Und jetzt steht da ein polnischer Kleinstunternehmer und verflucht mich explizit als deutschen, schwulen Nazi, was supertoll ist, weil ich bin zwar kein Nazi und auch nicht schwul, aber von drei Schubladen stimmt wenigstens eine. In all den Jahrzehnten wurde ich noch nie als Deutsche abgewertet. Dieser jämmerliche, kleine Schmähgauner hatte es geschafft, dass ich den ganzen Heimweg in ausgelassenes Gelächter verfiel. Der betrunkene Vogel zollte mir endlich den staatsbürgerlichen Respekt, der mir gebührte. Auch wenn ich in seinen Augen eine politisch fragwürdige Deutsche bin, so bin ich doch immerhin eine Deutsche. Fast hätte ich ihm gedankt. Dass ich ihm aber je wieder was für seinen Türdienst zahlen werde, kann er auf jeden Fall knicken.
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09.08.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 32
Am Ende der Ferien wollen wir uns alle treffen und Hochzeit feiern. Vater ist aufgeregt. Ob wir seine Hausschuhe von Kind A zu Kind B schicken könnten? Hat jemand von uns Kindern daran gedacht, dass sein Schwerbehindertenausweis erneuert werden muss? Welche Hose darf ich tragen? Er fragt uns tatsächlich um Erlaubnis bei der Wahl seiner Festtagsgarderobe. Vaters reist aus der Ägäis an. Seine Zwillingsneffen aus Deutschland werden heiraten. Also einer der beiden, die Vater auch nach über 30 Jahren nicht auseinanderhalten kann. Unser Onkel, der Papa der Zwillinge, lebt in Europa im Exil. Jahrzehntelang verfolgt durch ein autokratisches Regime, wird er den ersten Sohn verheiraten, und mein schwer gebrechlicher Vater wird stellvertretend für die ganze Familie väterlicherseits seinem Neffen die Ehre erweisen und bei Mainz mit ihm feiern. Vater repräsentiert alle Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins, die in den Jahrzehnten der Sehnsucht und des Widerstands immer noch voneinander getrennt sind.
Vater fragt, ob ihm jemand den jährlichen Covid-Booster organisieren könne. Und wo er sich das Rezept für die Schilddrüsenhormone abholen könne. Der Berlin-Stopp muss dieses Jahr ausfallen, denn ich bat mein bayerisches Geschwister darum, dass er den Vater empfangen und versorgen soll. Ich will seit fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal in einem August in die Ferien fahren und nicht auf Vater warten. Aus diesem Grund kann er nicht zu seinem Hausarzt, in seine Stammapotheke, und überhaupt alles wird bei dieser Reise anders sein, als er es gewohnt ist. Vater ist damit einverstanden. Er freut sich für mich. Er fragt, kannst du mir Schuhe bestellen? Und glaubst du, dass der neue, fremde Arzt mich auch gegen Grippe impfen wird?
Fast jeden Abend schicken meine Familienverbündeten und ich uns Nachrichten hin und her. Es geht immer nur um Vaters Logistik, nie um die Hochzeit. Die ist völlig in den Hintergrund gerückt. Das machen wir nebenbei. Die Reisetickets kaufen, die Hotelübernachtungen organisieren, über das Geschenk beraten. Es geht nur noch um Vater. Mein Geschwister sendet mir eine Sprachnachricht und erzählt von einer Reportage über eine reiche arabische Dynastie, die jedes Jahr in die Schweiz reist, dort Urlaub macht, sich operieren lässt und Uhren kauft. Bevor die Familie sich in das Luxushotel einquartiert, ist eine Armee von schlechtbezahlten Dienern damit beschäftigt, diese Reise vorzubereiten. Laborbefunde werden gesammelt und gefaxt. Die Hotelzimmer auf Luxusstandard getestet, es werden sogar neue Zwischentüren zwischen den Hotelzimmern gebaut oder ganze Einrichtungen ersetzt. So fühle sich das Geschwister mittlerweile, denn seit Wochen gehe es nur noch darum, wie man "den alten Knochen" (Vaters Selbstbezeichnung) heil empfängt und lebend wieder zurückschickt. Natürlich lachen wir, natürlich sind wir genervt, natürlich freuen wir uns auf ihn. Denn mit ihm ist das Leben nicht nur kompliziert, anstrengend, zeitaufwendig (er läuft langsam wie eine Schnecke). Es ist auch sehr witzig, denn er spricht viel verrücktes Deutsch und ist heiter und lieb (aber auch ein bisschen ballaballa), er ist halt unser Vater, sehr krank, sehr fragil, aber noch ist er, unsere alte Diva.
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02.08.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 31
In einer 1996 gehaltenen Dankesrede für einen wichtigen amerikanischen Literaturpreis sprach die Preisträgerin Toni Morrison über ihr Selbstverständnis von Lesen und Schreiben. Es ging also um Ideen. Weniger im Sinne von Einfall sondern von Geist oder Esprit. Manche sagen, dass diese Rede, die unter dem Titel The Dancing Mind abgedruckt wurde, das Beste sei, was über Literatur je gesagt wurde. Solche Urteile zeugen natürlich auch wieder nur von einem beschränkten Geist. Die Rede aber ist wirklich gut, üppig, interessant. Weil sie den Begriff des Friedens in einen Zusammenhang mit Intellektualität stellt. Toni Morrison sagt: "Es gibt eine bestimmte Art von Frieden, die nicht nur die Abwesenheit von Krieg ist. Es ist größer als das. Der Frieden, an den ich denke, ist weder der Herrschaft der Geschichte ausgeliefert, noch ist er eine passive Kapitulation vor dem Status quo. Der Frieden, an den ich denke, ist der Tanz eines offenen Geistes, wenn er einen anderen, ebenso offenen Geist anspricht." Ich lese das gerne und oft. Und dann lege ich die Schablone des offenen, tanzenden Geistes über die Zeitungslektüre und stelle wieder fest, dass es eben doch einen Unterschied macht, ob man als Politiker ein Wahlprogramm verkündet, oder ob man als Mensch eine Idee von Welt hat. Eine Idee, die nicht groß sein muss, aber freundlich genug, dass sie das Gegenüber anspricht und den offenen Geist des anderen zum Tanzen einlädt.
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26.07.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 30
Gestern klingelte die Amazonbotin, so etwas hat man noch nicht gesehen. Eine junge Frau, Kniehose, flatternde Bluse, die transparenten Volants umschmeichelten ihre weißen entblößten Schultern. Um ihren Hals hing eine riesige Diamantenkette, jeder der Klunker groß wie eine Kidneybohne. Diese Art Schmuck gibt es meist in Einkaufspassagen, wo auf einer winzigen Fläche Tonnen von Modeklimbim für Ohren, Finger und Hälse verkauft werden. Selbst die weißen Strümpfchen, die aus ihren schwarzen Turnschuhen herausschauten, hatten Stickereien am Sockenrand. So sorgfältig zogen wir uns nicht einmal an, wenn wir mit den Cousinen in Bielefeld draußen bei den Hochhäusern ins Eiscafé neben Marktkauf gingen. Wenn wir den italienischen Jungs von der Realschule imponieren wollten, zogen wir Trainingsjacken an und hatten als Stilbruch die Haare geföhnt und bronzefarbene Haut. In meiner Straße haben alle Fahrer, egal ob sie für die Post oder andere Kurierdienste arbeiten, immer einen osteuropäischen Akzent. Die von DPD sind Polen, die von DHL vielleicht Ukrainer? Meine Botin war eine kaukasische Schönheit, das sah ich sofort. Georgien oder Armenien?
Auf der Bank im Flur liegen immer Silbermünzen, jeder der mir etwas bringt, bekommt ein Trinkgeld, das ist natürlich klar. Aber diese junge Frau lief mit einem Stolz die Treppe hoch, aufrecht und freundlich, gut riechend, wirklich eine schöne Frau. Ich traute mich nicht, ihr die zwei oder drei Euro in die Hand zu drücken. Es waren die Würde und der Stolz, mit der sie sich für ihre Arbeitszeit hübsch gemacht hatte. Hätte ich noch eine Schachtel Pralinen von Sawade gehabt, das wäre es gewesen, die hätte ich ihr überreicht. Aber Münzen? Die Geste erschien mir schäbig. Wäre ich Günter Wallraff, hätte ich sie sofort ausgefragt. Wer sind Sie, wie war Ihr Leben bis hierher? Günter kann sowas, die Leute einfach ins Reden bringen, ich habe es selber schon einige Male erlebt. Aber ich bin nur eine Frau an der Haustür, die staunt und es einfach nicht versteht.
Erst am nächsten Tag haute ich mir mit der flachen Hand auf die Stirn. Ja sage mal Dummkopf, hast du denn vergessen, wie du manchmal Sonntagabends die Mama zum Putzen begleitet hast, weil sie krank war und es allein nicht schaffte? Natürlich war ich fein gemacht, es gab überhaupt keinen Grund für Nachlässigkeit. Weil sich schön zu machen, schön ist. Weil man vielleicht in irgendeinen Umstand geraten könnte, der einen anschließend nach der Putzerei nicht wieder nach Hause führte, sondern nach England, in ein völlig neues Leben. Die schönen Kleider am Körper, und das gute Moschusöl hatte man dann schon wenigstens hinter die Ohren getupft, wenn man mit dem Schiff in Dover ankam. Weil man es dem Leben absolut zutraute, dass es einen noch großzügig überraschen könnte.
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19.07.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 29
Später Abend in Charlottenburg, das Essen im griechischen Lokal gewohnt köstlich, gemütliches Schlendern auf der Knesebeckstraße. Vorbei an der kleinen Buchhandlung, dem Laden für Kämme, Bürsten und Parfüms, den vielen italienischen Restaurants; hier wird noch klassisch eingedeckt, mit gestärkten weißen Tischdecken und schwerem Besteck. Es liegt Erhabenheit in der Luft, wie man sie in Mitte oder Prenzlauer Berg nie finden wird. Ein trotz historischer Brüche andauernder Wohlstand mit einer Flügel-auf-Parkett-Kultiviertheit schwebt über dem Viertel. Die Gründerzeithäuser stehen Schulter an Schulter, eines prächtiger als das andere, edel illuminiert, die Messingknäufe und Klingelschilder muten eher nach Grandhotel, denn Drei-Raumwohnung mit Dusche an.
Der große Regenguss ist vorbei. Seit Tagen ist es schwül in Berlin, massive Regenfälle führen zu keiner nennenswerten Abkühlung des Trottoirs. Monsunhafte Schwitzigkeit liegt über der Stadt. Unten am Steinplatz, der liegt auf der anderen Seite der großen Hardenbergstraße mit der Mensa und dem schönen alten Gebäude der Universität der Künste, haben sich ein paar Clochards zur Nacht gebettet. Sie liegen jetzt überall in der Stadt. Einsame Gestalten sind sie, stolze Bordsteinexzellenzen, die Könige des Abstiegs, manche unter ihnen trotz der Lebensumstände erstaunlich gepflegt und ordentlich. Wer genau hinschaut, wird erstaunt sein, wer da nachts liegt.
Unter der S-Bahnbrücke der ehemals eleganten Friedrichstraße liegt einer, der vor dem Einschlafen noch ein paar Zeilen russische Klassiker liest. In den vergangenen Tagen waren die Brüder Karamasow von Dostojewski dran. An der Frankfurter Allee liegt einer, der besonders gerne die Features vom Deutschlandradio Kultur hört. Am nördlichen Teil der Prenzlauer Allee ist einer, der tagsüber stundenlang auf seiner Flöte meditative Eintönigkeit pustet und abends im Rollstuhl (er ist nicht querschnittsgelähmt) den Kopf zu einem Nickerchen fallen lässt. Das sind nicht einfach nur tragische Biografien, wer bewusst hinschaut, wird sie irgendwann wiedererkennen und grüßen, und sie grüßen zurück. Besonders aufwühlend ist es dort, wo man noch Reste von Ritualen eines ehemaligen Zuhauses erkennt. Da gibt es eine Unterführung nähe Kupfergraben, da stellen sie alle ihre Schuhe ordentlich vor den Isomatten auf, bevor sie unter die Zeltseide kriechen.
Hier am Steinplatz hat sich einer an die Wand des Wohngebäudes gelehnt. Ganz offensichtlich hat er es dem Regen wegen nicht ganz zu seinem Platz geschafft. Er ist schon eingeschlafen. Es weht eine leise Fahne aus Alkohol und Deodorantduft rüber, ein kleines Radio oder anderes Abspielgerät liegt auf seiner Brust. Daraus erklingt im Duett zum prasselnden Regen, der eben wieder einsetzt, Rachmaninovs 2. Klavierkonzert in C-moll, das schönste und bewegendste Stück Musik, das je auf Erden geschaffen wurde. Musik gemacht für Krisen, der Komponist schrieb es während seiner dunkelsten Phase von Schwermut. Genau hier, am Steinplatz, mit seinen von der Stadt Berlin spendierten, etwas halbherzig anmutenden Blumenrabatten zwischen der hochherrschaftlichen Architektur, wo die Häuser groß und der Mensch zwangsläufig klein ist, liegt ein Mensch, der die Stufen der Bürgerlichkeit rückwärts nahm, warum weiß man nicht, wahrscheinlich ist es lange her, dass mal jemand fragte**.** Die Welt hat sich längst abgewandt von ihm. Hier liegt ein Gentleman der Einsamkeit und lässt sich von Musik gewordener Traurigkeit in den Schlaf wiegen.
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12.07.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 28
Am besten durch Geschichten. Wir fließen aus der gleichen Welt, sind umgeben von der manipulativen Sprache der Werbeindustrie, der von Politagenturen ausgedachten, zugrunde gerichteten Parteisprache des Miesmachens und Fehlerbeschwichtigen, der Heilsversprechen oder Tod androhenden theistischen Sprache, dieser durch so viele Münder durchgenudelten zweckerfüllenden Sprache, in der die Codes und Chiffren das Sagen haben. Und dann noch das Internet. Wo das eigene Leben nur noch eine Ansammlung von Links in Bio, Hinweisen, Hashtags ist, wo das Mittelmaßmarketing aufpoliert durch grelles Licht noch durchschnittlicher leuchtet als, so vermute ich, geplant. Da liegen sie. Verkümmerte und amputierte Wortstummel, Silbenstumpf, am späten Nachmittag, wenn ich an den Tisch zurückkomme, gilt es diese Wörterhalden in einem gewaltigen Akt der Amnesie gleichsam wie Hundescheiße am Schuh an der Schwelle zum privaten Gedanken abzutrampeln, du willst fliegen?, du musst es alles hinter dir lassen. Einen Spalt finden und rasch in die Geschichten schlüpfen. Erinnern als Widerstand, erzählen unbeugsam, daran denken, wie Emin amcas Foto auf Seite Eins veröffentlicht wurde, wie er kopfunter in der Baugrube lag, Beine und Füße in den Himmel gestreckt, ein Schlappen hing am Fuß, wer kennt diesen Mann? Ich kannte den Schlappen, wir alle kannten diesen Schlappen, rennen auf die Polizeiwache, rufen, rufen, wo ist er?, er gehört zu uns, diesen Schlappen hatten wir ihm gekauft und sanft über seine Füße gezogen, zurück dahin, den Wegrand mit Anekdoten bepflanzen, unaufhörlich erschüttern und erschüttern lassen. Die Geschichten. Habe schon so viel Verrücktes, Unwahrscheinliches versucht und lande doch wieder in meinen mit sieben Prozent ermäßigt umsatzversteuerten Geschichten, weil, und ich betone das hier gerne Silbe für Silbe: es nicht anders geht.
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05.07.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 27
Lust auf Ferienmachen. Lust auf grellbunt bepinselte Fußnägel, die wie Gummibärchen in der Sonne leuchten. Lust darauf, stapelweise neue Bücher an den Strand zu schleppen. Die neue Fauser-Biografie, zwei Bände Tagebücher von Thomas Mann, die Sargnagel auch mal endlich fertiglesen. Lust auf endlose Bahnen Brustschwimmen. Abends mit getrocknetem Badeanzug unterm Kleid, noch einmal eine Runde durch den Wald mit kühlem Kiefernduft. Ja, sogar Bock auf nackte, alte Ossis, die von Strandkorb zu Strandkorb schreiend, die Fischpreise vergleichend, als spielten sie Makrelenquartett. Lust auf einen blauen Sommer an der Ostsee, mit Vorfreude jetzt und Abschiedsschmerz später.
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28.06.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 26
Da ist diese Frau, die einen Einkaufswagen von Penny als Gehhilfe benutzt. Sie läuft damit halb auf dem Fahrradweg, halb auf der Fahrbahn. Alt und mürrisch wie sie ist, scheitern alle Versuche, sie vor den entgegen kommenden Autofahrern und schimpfenden Radlern in Schutz zu nehmen. Hart schlägt sie nach meiner Hand auf ihrem Arm.
Da ist diese Frau aus dem Lottogeschäft, die immer tut, als bemerke sie mich nicht. Dann irgendwann hebt sie gnädig den Kopf und erteilt einem damit die Erlaubnis, ein S-Bahn-Ticket zu bestellen oder eine Illustrierte zu zahlen. Ganz selten zeigt sie ihr freundliches Gesicht. Wenn sie es tut, schaue ich hinter mich, weil ich nicht glauben kann, gemeint zu sein.
Da ist dieser Mann, der immerzu zwinkert, und beim Sprechen die Augenbrauen verschwörerisch hebt und senkt, als deute er Anzüglichkeiten an. Dabei serviert er nur den Earl Grey, sagt, na, und, wie geht‘s denn so?
Sie alle sind ein Dienstag in einer Stadt, in einem Land, von dem ich mich frage, ob ich mich irgendwann nach so einem Dienstag zurücksehnen werde.
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21.06.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 25
Ihr habt mich zurück gelassen in Asien, sagt der Vater traurig am Telefon.
Seine Kinder sind verstreut in Amerika und Europa und keines bei ihm auf seinem Kontinent.
Meine Augen suchen euch, schluchzt er. Wenn ihr mir erzählt, "Vater, ich war schwimmen", schaue ich in die Wellen und finde euch nicht. Ich suche in den Wolken, wenn einer von euch im Flugzeug sitzt, ich suche Tag und Nacht. Gestern auf dem Markt, suchte ich. Ich flüsterte: Erdbeeren, Kirschen, Melonen, meine Kinder hätten jetzt Appetit, aber sie sind weit weg. Wäret ihr doch da, ich würde das Obst vom Markt holen, es waschen und auf einer Schale auf den Tisch tragen und euch rufen.
Es ist eines dieser Telefonate, wo es gilt, gefasst zu bleiben und dem Vater einfach zuzuhören. Ihn aussprechen lassen, ihn weder zu unterbrechen noch dem Drang zu widerstehen, tröstende Worte in sein Ohr zu schicken. Der da spricht, wird sich schon wieder fassen. Für den Moment aber muss man ihm gestatten, sich nach uns zu verzehren. Nur zuhören, anschließend die anderen anrufen und Vaters Sehnsucht weitertragen.
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14.06.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 24
Meine Leute sind besser als Ihre Leute. Wir sind mächtiger, intelligenter, schöner, moralischer, kultivierter und sauberer. Wir sind gut und Ihr seid böse. Gott ist auf unserer Seite. Unsere Scheiße stinkt nicht, und wir haben alles erfunden."
Dies ist ein Kunstwerk von Barbara Kruger. Die Arbeit wird dieses Jahr 30 Jahre alt und ist zu besichtigen in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. So weit, so klar, so wunderbar.
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07.06.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 23
Probetraining im Fitnesscenter über den Dächern Ost-Berlins, direkt neben dem Obi. Eine Seniorin legt umständlich ihr Handtuch auf die Crunchmaschine, zippelt und zuppelt, bis jeder Quadratzentimeter des Kunststoffsitzes mit curryfarbenem Frottier bedeckt ist. Dann setzt sie sich mit gestrecktem Hals, Schultern weit auseinander und geradem Rücken, als besteige sie den Thron bei ihrer Krönungszeremonie, auf das Gerät. Fitnesstrainer, die hier "begleitende Fachkräfte" heißen, laufen mit Klemmbrettern durch die Reihen und korrigieren die Trainierenden mit gedämpfter Stimme. Altersdurchschnitt 270 Jahre. Ein wirklich alter Mann benötigt Hilfe beim Besteigen seiner Maschine. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie eine süße Tante ihren Brustmuskel trainiert und zwischen den Übungen fragend zum Fachpersonal schielt, das lobend nickt.
Im Einkaufscenter unten schließt der Rossmann in 15 Minuten, oben wummert aufs entsetzlichste Pumpmucke. Irgend so ein Kemal im tief ausgeschnittenen Muscleshirt klatscht gerade seine Kumpel vor dem großen Spiegel ab. Die Kollegen unterstützen ihn mental, während er sich an den Klimmzug wagt. Adnan und Zlatan packen ihn rechts und links und heben ihn hoch. Alter, pack ihn, gib ihm, zieh durch, Bruder. Totaler Primatenstyle, denke ich amüsiert, während mir Sandra das Flatratemodell erklärt. Drinkbar nonstop und Sonnenbank inklusive.
Morgen schaue ich mir die Luxusvariante mit Personal Coach und Pool an. Dann war da noch der Frauenfitnessclub, und im Internet sah ich etwas was, das gefiel mir auch sehr gut. Ein Sportclub, der etwas esoterisch anmutet. Mit Bastmatten auf dem Boden und gedämpftem Licht. Muskelaufbau in Yoga-Atmosphäre mit Edelsteinen im Wasserkrug und barfüßigen Coaches. Was mir daran gefällt, ist die Aussicht auf ätherische Düfte in der Luft. Da fällt mir ein, dass ich im rückenorientierten Sportclub, dessen Konzept stark nach Reha anmutete, sah, wie eine Omi sich den Ischias mit irgendetwas Mentholhaltigem einrieb, das mochte ich auch sehr.
Deutschland vor drei wichtigen Landtagswahlen. Als Veteranin des politischen Kolumnenschreibens besuche ich die vielen Fitnessangebote und sehe, dass die Milieus nirgends so strikt segregiert sind wie in den Muckibuden meiner Stadt. Das passiert mir noch manchmal. Dass ich Orte betrete und denke, das muss ich mir genauer anschauen, das muss hier gesellschaftspolitisch betrachtet werden, das ist noch zu unterbelichtet. Aber ich schiebe die Gedanken beiseite. Erlaube mir, das ganze Wissen mit den dazu gehörenden Schreibimpulsen, das sich gelegentlich aus Versehen noch bemerkbar macht, weit weg von mir zu kicken. Gewicht drauf, pushen, halten und langsam zurück in die neue Grundposition.
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31.05.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 22
Der Vater steht in der supermodernen Küchenzeile des Geschwisters. Er sagt: Alekk-sa, mach mal Herd rauf, bittä. Alexa reagiert nicht. Alekk-sa, fragt Vater, warum machst du nicht den Herd rauf? Ich will einen Kaffee kochen. Der Herd geht nicht an. Alekk-sa, mensch immer machst du nicht ich sage, resigniert der Vater. Alexa ist für alles Mögliche zuständig, aber nicht für den Herd. Der funktioniert mit Sprachsteuerung ohne persönliche Anrede.
Er geht ins Wohnzimmer und will lesen. Er versucht es mit der Lampe, die er berühren muss, damit sie sich einschaltet. Sanft legt Vater seine Hand auf den runden Lampenschirm, als streichele er das Köpfchen eines Säuglings. Er lässt die Hand zu lange ruhen. Das Licht schaltet sich ein, dimmt sich runter und geht aus. Wieder streichelt er das Köpfchen, wieder geht das Licht an und langsam aus.
Er beschließt, seinem Kind mit der Wäsche zu helfen, aber die Maschine hat keine Knöpfe, sondern nur ein Display, sonst nichts. Alekk-sa, ruft er, mach mal die Maschine rauf. Aber auch hier ist Alexa nicht zuständig. Kurz: Dem Vater gelingt in dieser Wohnung nichts.
Er ruft mich an und sagt, kızım, diese Wohnung ist so modern, man kann nicht essen, nicht trinken, nicht waschen, nicht lesen, was soll ich tun? Ich sage, geh in den Garten und genieße die Morgensonne, ich werde jetzt dein anderes Kind anrufen und es zur Schnecke machen. Aber nein, ruft der Vater, hör auf, ich bin stolz auf meine Kinder. Ihr lebt wie neue Menschen, und ich bin noch in der alten Welt. Ich rufe sein sogenanntes "neues" Kind an, er meinte natürlich modern und nicht neu. Ich schreie und mache es zur Sau, wie es sich für eine ältere Schwester gehört. Spinnst du, unseren alten Vater in deiner digitalen Hölle gefangen zu nehmen? Der Mann kann nicht einmal eine SMS schicken, und nun soll er mit jedem Kochlöffel und jedem Nudelsieb in deiner Scheißbude ein Gespräch führen, damit der Kram funktioniert? Du gehst jetzt sofort los und besorgst dem Vater einen Wasserkocher mit einem Elektrostecker dran, und ein paar Hausschuhe kaufst du ihm auch.
Aber ich habe eine Fußbodenheizung, protestiert das Geschwister, es reagiert sensorisch…, diskutiere nicht, unterbreche ich, lauf! Zwischen uns liegen mehrere Bundesländer, das Geschwister wird gehorchen, das brauche ich nicht zu kontrollieren, das weiß ich. Es hat Meetings und Mitarbeiter, ist angesehen und mit einem Bein im Silicon Valley in San Francisco. Dort gilt es, sich in Sachen AI auf den neuesten Stand zu bringen. Aber in der Familie gelten strikt die analogen Werte: Respektiere deine Eltern, höre auf deine älteren Geschwister. Vor allem, erniedrige deinen Vater nicht, indem du ihn alleine in deiner Wohnung ohne Knöpfe und Stecker zurücklässt.
Am Abend ruft der Vater an und protzt. Ich habe jetzt ganz herrliche Hausschuhe und einen Wasserkocher. Bald bist du wieder bei mir, sage ich zum Vater, hier ist es doch am besten. Kızım, sagt mein Vater, die Wohnung hier ist ganz toll. Es funktioniert alles mit der Stimme und der Berührung. Aber nur, wenn man weiß, wie es geht, insistiere ich. Ja, sagt Vater, man muss das lernen, das ist doch keine große Sache. Aber Papa, sage ich, du willst doch jetzt nicht die Scheißbude vor mir verteidigen. Heute früh hast du noch ganz anders geklungen. Die Zukunft ist dijital, kızım, sagt Vater, unsere Träume werden wahr, er klingt wie eine frühe Version von Steve Jobs. Ach Papa, komm du mal zu mir zurück, dann trinken wir einen schönen Kaffee und lästern über dein anderes Kind.
Das macht mein Vater nämlich immer ganz gerne, ist er bei mir, lachen wir über den anderen Nachwuchs. Ist er dort, wird über mich gespottet. Bei dir muss ich den Kaffee ja noch mit der Hand mahlen und mit einer Gießkanne nass machen, wagt er sich für meinen Geschmack doch einen Schritt zu weit vor. Er meint meine sauteure japanische Tropfkanne. Die mit dem schlanken Schwanenhals. Im Hintergrund höre ich mein Geschwister rotzefrech und dröhnend auflachen.
Weißt du was, Papa, sage ich, es heißt nicht Alekk-sa, sondern Alexa, Punkt eins, Punkt zwo, der Herd wird nicht rauf- sondern angemacht. Nach fast sechzig Jahren kennst du immer noch nicht den Unterschied zwischen an, auf, zu, aus und rauf und runter, beleidige ich zurück. Ich höre den Vater am anderen Ende grinsen, ich kann das hören. Das Geschwister derweil quietscht vor Lachanfällen und nimmt dem Vater den Hörer aus der Hand. Reg dich nicht auf, Schwesterherz, nimm ein paar Holzscheite, wärme das Wasser auf der offenen Flamme und nimm ein beruhigendes Bad im Holzbottich.
Ist doch klar, dass ich mitlachen muss, aber trotzdem: Die beiden Blutsverwandten sind komplett bekloppt, und die Bude bleibt ein Alptraum.
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24.05.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 21
Tief in die Arbeit sinken und feststellen, dass hinter den Worten doch kein Schatz verborgen ist. Auch hat sich in keinem der vielen Alltagsgedanken eine Weisheit versteckt. Bücher, Zeitungen, Illustrierte liegen wie zu einem Scheiterhaufen getürmt, neben dem weichen, weißen Sessel. Zwecklos darin herumzustochern. Da unten liegt nichts, das zu pflücken lohnt. Draußen auf der Fensterbank, im Kasten neben dem Bambus, brütet eine Taube zwei Eier aus. Zuvor hatte ich das Tier vom Fenstersims im Treppenhaus verscheucht. Da hatte sie ihr kunstvoll mit Stöcken und Zweigen gestecktes Körbchen bereits ausgelegt. Ich will keine Tauben im Haus. Schhhh, schhhh, mache ich, wenn ich ihr morgens auf der Straße begegne. Beleidigt gurrt sie zurück. Wo soll ich denn hin?, fragt ihr Blick. Im Supermarkt, die Kassiererin legt eine neue Papierrolle in ihr Gerät und schiebt den Broccoli, die Sahne, die Backpapierrolle über den Scanner.
Sie alle haben eine Arbeit. Die Taube wird Mama, die Kassiererin bringt ihre Einszwo netto nach Hause, und oben die Nachbarin hat nun auch endlich einen Job gefunden. Jeden Tag läuft sie frisch gewaschen und parfümiert durch das Treppenhaus und grüßt wieder freundlich. Nur unsereins leuchtet wie ein Flaschensammler mit Taschenlampe in die leere Tonne und findet einfach nichts, das sich verwerten ließe zu einer schönen nie da gewesenen Betrachtung des Lebens. Werde nie vergessen, wie mal ein Influencer auf einer Gala beim Erhalt seines Awards selbstgerecht bis unter die kompliziert ondulierte Frisur ins Mikrofon schrie: "Wir schaffen content, wir sind beautiful!". So viel Selbstempowerment verträgt sich nicht mit meinem Stolz. Also stehe ich hier und rufe, seht her, hier bin ich und kapituliere.
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17.05.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 20
Interessiert las ich von der "New Yorker Erklärung zum Bewusstsein von Tieren", die am 19. April von 200 Wissenschaftlern unterzeichnet wurde. Es bestünde die realistische Möglichkeit, dass alle Wirbeltiere und viele Wirbellose, kurz: vom Fisch bis zum Insekt, über eine bewusste Wahrnehmung verfügen. Daraus ergibt sich natürlich eine Verpflichtung für den Menschen. Der Schutz und das Wohlergehen der Tiere müssen stärker in den Fokus gerückt werden.
Bis ins 21. Jahrhundert hinein hatte sich in der Wissenschaft René Descartes Denken durchgesetzt, dass Tiere weder zu Gefühlen noch zu einem Bewusstsein fähig wären. So steht es jedenfalls in allen bekannten Texten über Tierethik. Ich habe mir längst abgewöhnt, Wissenschaftsgeschichte nur aus europäischer Geschichtsschreibung heraus zu betrachten. Vor über 2.000 Jahren machte sich der chinesische Philosoph Hsiang Hsiu Gedanken darüber, ob Tiere eine Sache sind, über die der Mensch für das eigene Überleben zu verfügen verdammt ist. Oder ob Tiere nicht doch Gefühle haben, was natürlich zur Folge hätte, dass Menschen sich schuldig machen, wenn sie ihnen wehtun. Er kam zu der Überzeugung, dass er sich nicht sicher ist. Zweifel ist meiner Ansicht nach der größte Ausdruck von Aufklärung.
Wahrscheinlich gab es in allen Jahrhunderten und Kulturen Menschen, Bauern, Tierliebhaber, die gewusst haben, dass Tiere zu Empfindungen fähig sind. Als kleines Mädchen sah ich oft, wie Hühner oder Schafe vor Todesangst schreiend vor der bevorstehenden Schlachtung wegliefen. Und wenn Vögelchen ihren Jungen ein Nest bauen, sie behüten und beschützen, was ist das anderes als Verantwortungsbewusstsein und Liebe?
Das neueste Experiment der Forscher der Queen Mary University of London ging so: Sie haben Hummeln vor die Aufgabe gestellt, mit Hilfe von bunten, kleinen Holzkügelchen etwas Süßes aus Löchern zu bugsieren. Das haben sie auch geschafft. Aber manche Hummeln fingen an, sich mit den Kugeln zu amüsieren, sie wirbelten sie zum Vergnügen herum. Der Verhaltensforscher Lars Chittka und seine Kolleginnen müssen sich riesig gefreut haben. Denn so eine Entdeckung ist natürlich sensationell und schön. Um sicher zu gehen, bauten sie eine neue Versuchsanordnung. Dieses Mal bekamen die Hummeln zwei Kammern. Eine zum Spielen, in einer anderen gab es köstliches Zuckerwasser. Von den 45 Hummelversuchsteilnehmerinnen blieben die meisten erst im Spielzimmer, tollten ausgiebig herum, bevor sie in die Kammer mit dem Schnaputzel weiterzogen. Das Spiel diente weder dem Futtersammeln, Nestbau, der Paarungsbildung oder einer anderen Überlebensstrategie. Kein Zweifel. Die Hummeln hatten einfach Bock zu spielen.
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10.05.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 19
Wieder Sonntag, wieder in die Berliner Philharmonie. Das Rundfunk-Sinfonieorchester und der Rundfunkchor spielen und singen das Elias-Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Ich kenne die Musik nur als Aufnahme. Nicht der Schatten eines Zweifels, dass es bombastisch wird. Es gibt kein einziges europäisches Chorkonzert aus dem 19. Jahrhundert, das mir nicht gefällt. Die Story? Ach Gottchen, die Story. Musikalisches Werk mit christlichem Inhalt, so die musiktheoretische Einordnung. Nach Worten des Alten Testaments, steht in der Beschreibung. Oft besteht ein Lied aus einer Strophe. Wiederholung der oneliner. "Rufet lauter, ruuufet lauter". "Es ist genug. Es ist genuuuuuug". Für mich sind es singende Gebete. Oft bestehen Schlusschoräle aus dem Amen. Es geht mir nicht um die Handlung. Es ist die Musik. Das Auffahren der Chöre, der Solisten, die Streicher, Bläser, Flöten. Die Orgel, diese gigantische Orgel.
Es ist ein "Mitsingkonzert", Simon Halsey dirigiert. Ich las davon, aber gehört habe ich so etwas noch nie. Jeder kann mitmachen. Wer will, kauft sich die Noten. Es gibt sie im musikalischen Fachhandel für 20 Euro. Ohne Chorerfahrung geht es nicht, ist doch ganz klar. Zwei Proben wurden angesetzt. Zwei weitere Berliner Chöre boten die Möglichkeit, mit ihnen zu üben. Die Hürden zum Mitmachen sind wirklich gering. Hier will man ganz offensichtlich verhindern, dass die Interessierten abspringen, weil die Bedingungen zu kompliziert sind.
Beim großen Canapé-Verputz vor dem Konzert, Brie auf Vollkornbrot und Falafelbällchen auf Hummus, höre ich, wie Tante Ilse instruiert wird, "Mach auf jeden Fall Fotos, ich stehe vorne links." Aha, eine Mitsingerin vor dem großen Auftritt, denke ich. Und tatsächlich, sie trägt wie einige andere auch, bunte Bändchen am Handgelenk, und die Noten unterm Arm. Tante Ilse, auch schon völlig aus dem Häuschen, winkt ihr nach, und schreit: toi, toi, toi.
Ich setzte mich auf meinen Platz in Block B. Ich bin bis zum Hals mit Aufregung und Anspannung gefüllt. Vielleicht weil ich weiß, dass mir die Musik etwas gibt, das mir keine andere Kunst geben kann. Musik ist von Menschen gemacht, aber größer als wir. Man macht sich wirklich lächerlich, wenn man darüber spricht. Adjektive, Superlative, Plapperlative, nichts kann Musik beschreiben. Ich las im letzten Jahr einige Konzertkritiken über Rammstein. "Fulminant", "gigantisch", "toll!". Das Musikbeschreibungsspektrum zeichnet sich vor allem durch Wortmangel aus. Einmal las ich vor einem Requiem im Begleitheft, dass an einer bestimmten Stelle "der Himmel aufreißt". Da dachte ich noch, also bitte! Dann begann das Konzert und genau an dieser einen Stelle riss der Himmel auf.
Von meinem Sitzplatz aus schaue ich auf Block A, darunter das Orchester, darüber wird der Chor sich positionieren und dahinter steigen erneut die Zuschauerränge auf. Und an den Seiten, bis ganz nach oben. Würde ich mich umdrehen, sähe ich, dass auch hinter mir das Publikum in diskret aufsteigenden Reihen wie auf Terrassen sitzt. Wir, die Zuhörer im Großen Saal, umarmen mit unserer Masse von über 2.400 Plätzen die Musiker unten im Zentrum. Man sitzt fantastisch auf den bequemen Sitzen, sieht von jedem Platz aus gut, der Klang schwingt und pendelt durch den Raum. Dieser Saal ist einmalig in Europa.
Ich gehe davon aus, dass die Mitsingenden sich im Chor befinden werden. Das Licht wird gedimmt, die Leute hören auf zu kramen, manch einer setzt noch rasch einen Räusperer ab. Die Musik beginnt.
Ouvertüre, alle meine Sinne beruhigen sich und sind dadurch besonders gespannt. Ich muss nichts dafür tun, mein Körper reguliert das von allein. Und plötzlich. Die Ouvertüre ist kurz, wie es sich gehört, rasant, und plötzlich. Plötzlich steht Block A geschlossen auf. Die Seitenränge stehen auf. Hinter dem Orchester stehen sie auf. Und rufen "Hilf". Wie viele sind das? Wie viele singen? 100, 200? "Hilf, Herr, Hilf", singen sie, nein, das sind eher 500, vielleicht 800 Mitsängerinnen. Ich drehe mich zur Seite, da stehen und singen sie auch, mir schießen die Tränen in die Augen, ich habe so etwas noch nie in meinem Leben erlebt. Ich habe auch noch nie darüber gelesen und ich kenne auch niemanden, der mir davon erzählt hätte. Es müssen 1.000, nein, es müssen mehr als 1.000 Mitsinger sein, die gerade zu "Herr, erhöre unser Gebet" ansetzen. Später lese ich, dass es 1.300 Mitsängerinnen sind. Zwei Stunden lang, verteilt im ganzen Saal, ohne Patzer, ohne Fehler, ganz bescheiden auf Dirigent und Noten konzentrierend, singen sie für uns einfache Leute und zeigen, dass sie Menschen sind wie wir – und eben doch nicht.
Kann sich jemand vorstellen, was los ist, als das Konzert zu Ende ist? Wir, das Publikum, sind in der Unterzahl, springen vor Ehrfurcht und Verehrung auf und wissen, dass unser ordinäres Geklatsche, Gepfeife und Gestampfe nur jämmerlicher Ausdruck unserer Unvollkommenheit sind. Ich sah uralte Männer heiser schreien, ich sah einen Jungen, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, seine mitsingende Mama oder Oma ungläubig, aber beglückt beweinen, und ich sah reihenweise Berliner Tante Ilses, die anerkennend Huhu rufen, fotografieren und noch beim Rausgehen nicht fassen können, was sie eben erlebt haben ("ditt war ja allerhand, wa!?").
Es gibt Momente im Leben, da spürt man, dass das Glück erfahrbar ist, nicht nur retrospektiv, sondern in der Zeit, in der es geschieht. Man begreift, dass diese Erfahrung die Zeit dehnen kann. Man erlebt körperlich, dass man aus sich gerät und neu Gestalt annimmt. Ich sagte es vorhin schon einmal. Das macht die Musik. Ich wünschte, jeder fände für sich diese eine Sache, die inneren Frieden stiftet und alle Fragen beantwortet.
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03.05.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 18
Philharmonie Berlin. Philippe Herreweghe dirigiert Bruckners Messe Nr. 3 in f-Moll. Hört man sich Aufnahmen an, egal unter welchem Dirigat, so klingt das Konzert bombastisch und laut. Herreweghe aber, ein alter, vitaler, freundlich schauender Mann, lässt alle Töne sanft klingen. Selbst wenn der ganze Chor, das ganze Orchester und die Solisten zusammen spielen und singen, ist es, als hebe er uns, das Publikum, zärtlich auf eine Wolke und schöbe uns Etage um Etage hoch. Er dimmt das Wuchtige herunter. Wir segeln auf den Klängen. Es ist so unbeschreiblich überirdisch. Mit Worten dem Ereignis hinterher zu humpeln, ergibt keinen Sinn. Man muss es hören wollen. Ich will. Sonntag um Sonntag, ziehe ich mich fein an und mache mich bereit für das Schönste, Tiefste, Weiteste, was der Mensch vollbringen kann: Musik. Ich kann vor Ergriffenheit kaum klatschen.
Herreweghe aber, nach dem Konzert, trägt keinerlei Maestro-Attitüde vor sich her. Kein oh Gott, ich bin erschöpft, ein letztes Mal noch in eine Verbeugung fallen lassen. Nein, er ist vergnügt und tänzelt die zahlreichen Vorhänge rein und raus. Super lässig. Er lacht. Verteilt Küsschen. Ich denke, das macht das Alter. Ein letztes Mal winken und tschüss.
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26.04.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 17/2024
Er ist immer der erste Anrufer. Herzlichen Glückwunsch kızım, und, so schön, dass du auf die Welt gekommen bist. Mein Vater trägt seinen Geburtstagsstrauß an Wünschen vor. Mögen alle meine Wege offen sein, möge mein Fuß kein Hindernis berühren, hızırs Hand ruhe schützend auf mir. Dann geht er die Organe einzeln durch. Beim Augenlicht beginnt er und schluchzt gleich los, bei Lunge und Leber fängt er sich, beim Herzschlag angekommen, hat er sich längst wieder im Griff. Er fasst noch einmal zusammen: ganze Körper, ganze Gesundheit, ganz lange hoffentlich!
Das Protokoll duldet keine Unterbrechung, keine Zwischenrufe oder Fragen.
Im Laufe der Jahre wurde die Liste immer spiritueller. Licht, Hoffnung und Schicksal sind jetzt feste Komponenten in Vaters Ensemble der guten Wünsche. Früher wünschte er praktische Dinge, "Herzlichen Glückwunsch kızım, hoffentlich Abitur kommt". Oder "Autoführerschein machen richtig gut". Es gab auch Jahre, da waren die Segenssprüche sehr profan, "Herzlichen Glückwunsch, Renovierung hoffentlich bald Ende", oder "Studium Abschluss mach mal endlich".
Bevor ich auflege, frage ich ihn wie alle Jahre, stell dir vor, du hättest mich nicht bekommen, was wäre gewesen? Ich hätte dich mein ganzes Leben lang vermisst, sagt er mit hochernster Vaterstimme. Dann kommt der letzte Teil des Geburtstagsgespräches. Bitte nimm meine EC-Karte, hebe dir Geld ab und kaufe dir was Schönes. Das soll dann von "deine papa" sein. Danke Papa, mach ich.
Natürlich hebe ich nichts ab. Nie.
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19.04.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 16/2024
Vier Wochen sind vergangen, seit er starb. Wobei sterben ein großes Wort ist. Er schmolz vor unseren Augen weg. Leise, diskret, zurückhaltend. Wie im Leben, so im Sterben. Wir stehen am Grab auf dem kleinen Dorffriedhof. Die Pfarrerin hebt die Arme und hält die Handflächen in die Sonne. Sie übergibt gerade seine Seele an Gott. Vorhin in der Kapelle bat sie uns, ihr "auf den Acker Gottes" zu folgen. Ich mit meinen Ohren natürlich wieder in den Ästen. Ob er als Vogel auf dem Zweig steht und mir ein Zeichen zwitschert? Ist jemand bei Gott, wenn er selbst daran glaubte, ich aber nicht?
Bislang kamen noch alle Toten zu mir zurück. Sie kommen Tage, Wochen oder Jahre später, um Adieu zu winken. Sie kommen als Vögel, manchmal als Wind. Eine machte sich als Packung Rigatoni aus dem Supermarktregal auf meinen Fuß fallend bemerkbar. Wie ich mich bückte, um die Nudeln aufzuheben, wurde im Supermarktradio Love More or Less von Marianne Faithful gespielt. Aus dem Spalt des Glasdaches traf mich ein einzelner Sonnenstrahl und schoss durch meinen Körper. Mir wurde heiß und wellig und ich wusste, Rojda umarmte mich ein letztes wildes Mal. Ich ließ alles stehen und liegen, den vollen Einkaufswagen im Gang, die Rigatoni auf dem schmutzigen Boden, ich rannte raus, zu ihr. Draußen, überwältigt von der Wiedersehensfreude, ein verzweifeltes Glück ist so etwas, brennende Sehnsucht, Lachen und Weinen sind eins, war ihr Licht schon längst weitergezogen.
Das war sie gewesen, ich wusste es, es war meine Cousine. Ihr Licht war den ganzen langen Weg über Kontinente und Ozeane reisend zu mir zurückgekommen, Jahrzehnte hatte sie für den Weg gebraucht. Ich war längst eine erwachsene Frau, sie aber war die von damals geblieben. Bronzefarbene Haut, Augen braun und leuchtend wie Datteln. Ich stand auf einem deutschen Supermarktparkplatz, lief hierhin, dorthin, versuchte ihr Licht zu fangen, aber sie war schon auf dem Rückweg. Sie würde eine Ewigkeit zurück brauchen, hinab ins tiefe, dunkle Meer, zu den Wellen, die sie verschlungen hatten, runter auf den Meeresgrund.
Die Glocken der Dorfkirche läuten, sämtliche Metaphern für Tod, Übergang und Übergabe sind gesprochen, alle Lieder gesungen, das letzte Gebet, Amen. Wir werfen Erde, wir werfen Blumen, die Alten stochern ratlos mit ihren Gehstöcken im Gras. Nein, ich höre nichts. Kein Zeichen, weder hier auf Erden noch im Himmelreich, alle Wolken sind herrlich blau über uns gespannt. Ich bin nicht enttäuscht. Ich weiß ja, wie es ist.
Sie kommen immer plötzlich, nichtsahnend, man kann es nicht beschleunigen.
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12.04.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 15/2024
Alfons hat ein Ziehharmonikagesicht. Selbst wenn er keine Zweifel oder Bedenken hat, bebt die Stirn in tiefen Falten, die beiden Straßen von seiner Nase zum Kinn sind zwei vertrocknete Flussbetten. Er ist wie eine Ödon-von-Horvath-Figur, inszeniert von Christoph Marthaler an der Volksbühne Anfang der 2000er-Jahre. Alfons Stimme knarzt, als wären seine Stimmbänder alte Dielen. Wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, knarrt er, ja Gott, wie geht es einem? Die meisten Menschen lassen sich von dieser Art Antwort, die daraus besteht, die Frage nicht zu beantworten, einschüchtern und hauen sofort ab. Auch deshalb sitzt Alfons oft alleine. Selbst in Familienrunden wirkt er, als hätte er von innen abgeschlossen. Ob er grübelt oder zuhört? Niemand weiß es. Wahrscheinlich nicht mal Alfons, ja Gott, was grübelt man denn so?
Neulich packte mich der Kampfgeist oder irgendein anderes albernes Motiv. Ich sagte, Alfons, du siehst schlecht aus. (Er sah wirklich schlecht aus.) Ich dachte mir, fragste mal so ungehörig intim, penetrant und plump, wie es nur geht. Alfons, was genau fühlst du? Er schaute mich erschrocken aus seinen freundlichen, wässrig blau leuchtenden Augen an und ächzte ungeölt aus seinen Alfonsdielen: Ja Gott, was fühlt man genau? Ich ging nicht weg. Richtig genial war ich. Ich schaute, er schaute. Und kurz bevor ich dachte, nee, das halte ich doch nicht durch, ich verschwinde, nahm er seine knorrige Hand und strich sie über sein von den vielen Bestrahlungen zerfurchtes Krebsgesicht. Ich konnte richtig sehen, wie die Ziehharmonika in glatt aussah, bevor er sein Gesicht losließ und die alten Flussbetten sich wieder bildeten. Alfons hatte offenbar tief in seiner Gefühlslandschaft gestöbert und kam mit diesem tollen Satz empor, der genauso auch aus Kasimir und Karoline oder Geschichten aus dem Wiener Wald stammen könnte. Alfons sagte: Es drückt alles auf die Moral.
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05.04.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 14/2024
Er ist es noch und doch ist er es nicht. Die Krankenschwestern haben ihm eine Rose in die gefalteten Hände gesteckt. Der Nachttisch ist mit Tüll drapiert und einem grauen Engel aus Stein darauf. Vier Stunden Zeit, bis sie ihn wegbringen werden. Vier Stunden, uns an den immer kälter immer steifer werdenden Körper zu gewöhnen. Das hier ist eindeutig nicht das ultimative Ende. Der Körper verfällt vor unseren Augen. Für Zwischenphasen zwischen Anfang und Endgültigkeit kennt das Krankenhaus kein Wort. Ganz klar, das ist allenfalls der Aufbruch in die Ewigkeit. Ich lege meine Hände auf seine Ohren, sein Kinn, seinen Brustkorb, seine Beine, seine Füße. Unten ist es wärmer als oben. Ich warte auf eine Regung, ein Zeichen, irgendetwas, das nur ich sehen kann. Ich glaube, sein Augapfel rollt, sein Brustkorb bebt. Aufregung. Will ihn zurückrufen. Aber nein, es hatte sich nur jemand am Bettende zu schaffen gemacht, deshalb die Bewegung. Jemand spricht beruhigende Worte. Schau, er liegt ganz ruhig da. Geh und öffne das Fenster.
Man schaut, man staunt, man schweigt, man weint. Der Tod ist ein riesengroßes Missverständnis. Er nimmt nicht nur die Toten mit. Sondern auch immer ein wenig von uns. Ich bin hier nur erweiterte Angehörige, aber auch ich bin leer und erschöpft. Muskelkater im ganzen Körper. Am Abend im Hotel dusche ich und bestelle ein opulentes Mahl spät in der Nacht. Wir essen schweigend im Zimmer. Finden keinen Trost, keine Worte, keinen einzigen klugen Gedanken. Woher die Lust im Wort Verlust kommt, weiß auch kein Mensch.
Ich kann nichts dagegen tun. Nacht für Nacht wandern meine Gedanken zu seinem toten Körper. Zentimeterweise nähere ich mich dem Menschsein in der letzten Phase. Gehe ganz dicht ran, traue mich genau hinzuschauen, versuche zu verstehen und auch ein wenig mich selbst ins Bild zu kopieren. So also wird es aussehen? Auch ich durchwandele mich. Die erste Woche empfand ich tiefe Sinnlosigkeit, die zweite Woche wilde Verzweiflung, und nun die dritte Woche, ich wasche, putze, poliere. Schade, denke ich immerzu. Schade, dass er ging. Schade, dass er nicht mehr wollte. Schade, dass er nicht mehr konnte. Vielleicht geht es uns allen besser, wenn wir ihn endlich beerdigen werden. Ich hoffe auf Zeichen, Erkenntnis, irgendwas, das hilft. Aber hier fährt nur die Straßenreinigungsmaschine auf und ab.
Heute Morgen lag ich im Bett und ließ den Wind zu. Die Vogelstimmen. Den Himmel. Das Fenster weit auf. Kommt, kommt, seid alle mit mir. Auch die Toten. Alle zusammen fliegen wir eine Runde um die Birken. Und dann beginnt der Tag.
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29.03.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 13/2024
Vater schickt seinen Newrozgruß. Erst auf kurdisch, dann auf türkisch. Newroz und nevruz. Später wird er auch noch auf Deutsch schreiben. Vater denkt an alle Kinder, Sprachen, Übersetzungen. Irgendjemand in der Familiengruppe wird auf Englisch antworten.
Was wir uns eigentlich an diesem Neujahrstag sagen wollen, werden wir uns nicht schreiben können. Mit newroz feiern wir den Frühling und Jahresbeginn. Newroz war und ist immer politisch. Meine Grußbotschaft an meine Freunde wird "Hoffnung, Liebe, Widerstand" heißen und "Vergesst nicht den Mut, das Lachen, das Feuer". In der Familiengruppe lasse ich den Widerstand und die Hoffnung weg. Aus dem Feuer mache ich Trost. Aus dem Mut Narzissen und Hyazinthen.
Zu newroz lassen sie Leute von der Straße verschwinden. Plündern die Telefone, spitzeln die Nachrichten durch. Schlucken die Freiheit, als würden sie ein Glas Wasser trinken. Will nicht schweigen und vergessen und so tun, als gäbe es unser Fest nicht. Als gäbe es uns nicht. Will aber auch nicht gefährden, keinen Ärger machen. Hilflos senden wir uns Bilder von Blumen in Gelb, Rot, Grün, hin und her. Und erinnern, löscht die Blumen!
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22.03.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 12/2024
Wir stehen beide Punkt Zwölf vor dem Restaurant in Köln, das erst am Abend wieder öffnen wird. Er schaut enttäuscht und auf seine Uhr, dann wieder enttäuscht, dann wieder auf die Uhr.
Es ist eine dieser Situationen, wo man spürt, dass das fremde Gegenüber eine Antwort braucht, irgendetwas, das bestätigt, dass er mit seiner aufgewühlten Gemütslage nicht alleine ist. Ich bin eigentlich eine Meisterin darin, kommunikative Bedürftigkeiten Dritter zu ignorieren, aber heute habe ich gute Laune und also spreche ich: "Bis 17 Uhr sind es wohl noch einige Minuten". "Nein", sagt er, "es sind noch fünf Stunden". Ich bereue mein karitatives Gesprächsangebot auf der Stelle und will weitergehen, aber sein Blick lässt mich innehalten. "Ich wollte mich hier bewerben", sagt der enorm stilvoll gekleidete Mittedreißiger, sein Mantel ist aus schwerer Wolle gewebt, und seine Loafer (an sich das albernste Schuhwerk der Welt) sehen an ihm fantastisch aus. "Ich habe einen bemerkenswerten Lebenslauf", erzählt er weiter, "an sich bin ich für so was hier", er quirlt mit der Hand vor dem Restaurantschild, "absolut überqualifiziert". Sein Ton ist ernst, null ironisch, auch Posertum kann ich nicht erkennen. Im Gegenteil, die Art, wie er seine Vorzüge herunter referiert, ist ungewöhnlich nüchtern. Ich wünsche ihm viel Glück und gehe weiter.
Ich möchte zurück ins Hotel, am Abend habe ich eine Lesung, und ich beschließe, vorher einem Imbiss auf mein Zimmer zu bestellen. Ich gehe rechts herum, links herum, die kleine Gasse runter, und am Anfang denke ich noch, dass ich es mir sicher einbilde, aber wie ich erneut abbiege und weiterlaufe, merke ich, er läuft hinter mir her. Ich brauche mich nicht umzudrehen, ich weiß, dass er es ist. Ich gehe in Gedanken unser kurzes Gespräch durch und erinnere mich, ihm gesagt zu haben, dass ich Touristin sei. Ich wollte ihm damit klarmachen, dass ich kein Jobangebot für ihn habe. Nun befürchte ich, dass er mich verfolgen und umbringen wird. Auch meine Kleidung ist von erlesener Qualität, meine Schuhe frisch besohlt, Kenner und Gauner erkennen solche Zeichen, sicher vermutet er, größere Bargeldreserven bei mir zu finden.
Ich laufe schneller, und auch seine Schritte beschleunigen, in dieser Gegend gibt es nur das feine Hotel Wasserturm, das zur Hilton-Gruppe gehört, zwar ist es taghell, aber niemand auf der Straße, dem ich mit auffälligem Augenrollen und dieser Handbewegung, dem internationalen Zeichen für "Rufen Sie Hilfe! Ich bin ein Opfer!", signalisieren kann, dass ich in höchster Lebensgefahr schwebe. Gerade so erreiche ich das Hotel und falle dem erstaunten Concierge in die Arme, als mein Verfolger an mir vorbeigeht. Wieder mit diesem seltsamen Blick, einer Mischung aus purer Fokussierung und etwas irre.
Er läuft zur Rezeption, eine Mappe, dick wie ein Katalog, in der Hand. "Ich bin hier für ein Bewerbungsgespräch", sagt er, und die Dame an der Rezeption fragt ihn, ob er deshalb einen Termin mit jemandem aus dem Haus habe. "Nein", sagt er, "so jemand wie ich ist ein Glücksfall, kein Termin". "Aha", sagt die Rezeptionistin etwas verunsichert, "als was wollen Sie sich denn bewerben?". "Als Manager", sagt er, "ich kann sofort beginnen". Die Frau am Tresen, ich, der Concierge und alle, die es mitbekommen haben, sind absolut verblüfft. Ein kurzer Moment des Schweigens entsteht, dann präzisiert er seine Angaben auch dort noch einmal, "ich bin eigentlich überqualifiziert". Niemand lacht, auch ich nicht, denn wie vorhin, vor dem Restaurant, ist etwas an ihm, das einen innehalten und zuhören lässt. "Moment", sagt die Frau, "ich rufe jemanden".
Auf dem Weg zum Fahrstuhl bin ich mir sicher, dass etwas gewaltig nicht mit ihm stimmt. Aber ich bin mir auch sicher, dass er mit dieser Methode Erfolg haben wird. Irgendwann, irgendwo.
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15.03.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 11/2024
Nun endlich besucht der Frühling das Jahr. Man merkt es daran, dass an der großen Kreuzung in Berlin Prenzlauer Berg die Jongleure stehen. Während der Rotphase stellt sich ein Artist vor die Ampel und wirft drei Keulen in die Luft. Natürlich landet, wie alle Frühlinge zuvor, keine einzige wieder in seinen Händen. Schnelles Einsammeln der Jonglierkeulen vom Asphalt, kurze übertrieben knackige Verbeugung vor dem Publikum, dann läuft er rasch los, um die Gage an den Autofenstern einzutreiben. Die Autofahrer drücken auf ihre elektrischen Fensterheber, damit die Scheiben rechtzeitig oben sind, bevor der Künstler seine offene Hand reinsteckt.
Das hier ist Berlin. Hier müsste man während der Rotphase eine Operation am offenen Herzen zeigen, um Interesse zu ergattern. (Knete würde trotzdem niemand spendieren. Dazu müsste die OP von einem blinden Pudel durchführt werden, damit hier einer was springen lässt.)
Nach den Eisheiligen kommt die eigentliche Attraktion. Dann wird ein anderer Jongleur auf der Kreuzung stehen. Sobald die Ampel auf Rot schaltet, schnallt er vor den Augen der Autofahrer seine Beinprothese ab und beginnt einbeinig zu jonglieren. Meistens mit Reis gefüllten Stoffbällen. Auch er – natürlich! – kann nicht jonglieren. Mühsam kriecht er Mai für Mai mit seinem Stumpf über den Asphalt und hebt theatralisch die Bälle auf und die Arme in die Höhe, "es hat nicht sollen sein".
Das kann das Berliner Publikum natürlich gar nicht gut leiden. Die ganze Bein-dran-Bein-ab-Aktion weckt natürlich gigantische Erwartungen. Es wird mit Lichthupe gebuht und manch ein Trucker ruft genervt vom Bock herab "Zisch ab Du Vogel!". Dem einbeinigen Artisten macht das nichts aus. Er humpelt stoisch die Autos ab, in der Hoffnung, Kasse zu machen. Denn immer gibt es diese eine Person, die wahrscheinlich Sozialpädagogik studiert hat und attestiert, dass er "ditt janz janz toll jemacht hat", richtig dufte, "wie Sie sich nicht unterkriegen lassen", und 2 Euro zahlt. Berliner Frühling. Violette Krokusse, jonglierende Dilettanten. Es geht jetzt langsam los.
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08.03.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 10/2024
Alle Bücher stehen durcheinander. Die Regale lehnen an der Wand, man müsste sie endlich festschrauben. Nun ist es schon die so-und-so-vielte Wohnung, und immer noch habe ich kein Zuhause. Bleibe eine schlechte Wohnerin. Überall auf der Welt klappt das Glück besser als an der Meldeadresse. Die Gäste sind begeistert vom Einrichtungsstil, dessen Konzept schnell beschrieben ist: bloß nichts besitzen, und schon steht das Wenige erlesen herum. Der Lebenskrempel will einfach nicht zu alter Verbundenheit werden. Ziehe mit Tasche von Ort zu Ort. Sesshaftigkeit ist selten mehr als ein Raum mit einer Magnettafel, wo noch eine Überweisung zum Facharzt von vergangenem Sommer hängt. Der Lebensmittelpunkt als letzter Grenzposten, hinter dem Träume, Abenteuer und Expeditionen längst zu einem Besteckset für zwölf Personen aus 925er Sterling Silber und einem Stapel Gasrechnungen wurden. Es gilt sich immer wieder neu zu entscheiden. Bleiben und leben. Oder Aufbruch und Schreiben. Das ist eine Frauenfrage. Sie entscheidet über das Innen und Außen oder Drinnen und Draußen. Innen ist ein Zustand, Drinnen nur ein Ort. Diese Abzweigung ist nicht neu. Drängelt und nervt gelegentlich nur immer mal als Entscheidungskrise zwischen den Umzugskisten hervor. Als gäbe es eine Wahl. Also wirklich!
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01.03.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 09/2024
Yalancı bahar, erklärt Vater mir das Phänomen, das Rosen viel zu früh knospen, und auch alles andere Wochen zu früh grün herausschießen lässt. Der falsche Frühling tut nur so, als ob. Es werden noch die späten Februarwinde vom Meer erwartet. Bis zum April werden sie die Böden kühlen. Alles, was bis dahin grünte, wird dahin sein.
Die Welt wirbelt falsch herum, versucht Vater sich in Wolkenkunde. Dann legt er auf. Er wird nun seinen Korb nehmen, es ist Sonntag, er will zum pazar. Es gilt die brüksel lahanası nicht zu verpassen, den Brüsseler Kohl, den er noch aus Deutschland kennt und so sehr mag. Wie er wohl mittlerweile aussieht, der alte baba, der mit seinen kleinen, braunen Händen jeden Rosenkohl am Marktstand einzeln inspizieren und hoffen wird, dass ihn eine ägäische Hausfrau anspricht und fragt: Mein Herr, wie bereiten Sie es zu? Er kann dann antworten, meine Dame, ich blanchiere ihn und anschließend serviere ich ihn in Butter geröstet mit knusprigen Mandelblättern. Dann wird er sich erinnern, dass Inflation herrscht, und nachschieben: Man könnte auch alte Brotbrösel knusprig braten, das schmeckt noch köstlicher. Die Mandeln aus der vergangenen Ernte taugen ohnehin nichts. Das sind gerade seine Themen. Das Wetter, die Preise auf dem Markt, die ganze kleine Welt der großen Sorgen.
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23.02.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 08/2024
Dort, wo ich oft dran denke, zünden die alten Männer ihre Zigaretten noch mit Streichhölzern an. Dabei streichen sie das Zündholz nicht etwa im ausholenden Bogen, als würden sie Geige spielen, sondern wischen rasch und kurz über das Zündblatt und beugen sich dann mit der Kippe im Mund in die halb geöffnete Faust. Verharren einen Moment und machen ein paar Probepaffer. Das Streichholz werfen sie beiläufig, aber lässig von sich, richten sich auf und klopfen eventuell ein paar Tabakkrümel vom Breitbandcord oder der fein gestreiften Wollhose. Diese Herren, sagte ich schon, dass es alte, uralte Männer sind?, sehen im Gesicht wie faltiges Atlasgebirge aus. Genauso einen amca sah ich auf dem Ku’damm, vor Yves Saint Laurent, wie er seinen otobüs verpasste und sich die Wartezeit mit seiner sigara verkürzte. Er trug gebügelte Heimat und bewegte sich wie Vergangenheit.
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16.02.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 07/2024
Die Kollegin aus dem Theater sitzt mir gegenüber. So oft hatten wir uns verabredet, verschoben, aus den Augen verloren. Nun endlich ein Abendessen in einem schönen Lokal. Wie ist es Ihnen ergangen in den letzten Jahren? Was man so fragt, um locker in den Abend einzusteigen. Sie denkt nicht lange nach und beginnt. Den Vater habe sie verloren. Allein in einer Essener Nacht sei er verstorben. Drei Geschwister seien sie. Und keiner war anwesend. Im Krankenhaus lag er, während sie alle in der Welt unterwegs waren. Sie habe nicht gewusst, nicht geahnt. Weil er doch die Chemo immer ambulant bekam. Aber dieses eine Mal baten ihn die Ärzte über Nacht zu bleiben. Er starb. Er starb. Sie stockt, erzählt von vorn, bricht ab und beginnt erneut. Archäologische Grabung nach den richtigen Bildern und Vergleichen. Jedes Wort wird sorgsam abgepinselt und ans andere gelegt. Den Schrecken sprechbar machen. Die Lücke ausformulieren. Die Schuldgefühle, die Trauer, die offenen Fragen. Er starb. Die Jahre andauernde Trauer zieht sich wie ein grauer Faden durch ihr Leben. Der Abend ist herrlich. Wir scherzen, wir lachen, wir schweigen. Weil es so ist. Das sogenannte Leben.
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09.02.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 06/2024
Noch einmal die Allee entlanglaufen, wo das Licht eine Schneise durch die Kronen bildet und ein Schwarm Vögel in die Luft hinaufwirbelt. Noch einmal ins Becken gleiten und ein paar Bahnen schwimmen. Noch einmal über die Felder blicken und am Friedhof vorbeiradeln und wissen, dass es ab hier noch zweiundzwanzig Minuten bis nach Hause dauert. Noch einmal in das Vorvorgestern hinabsteigen, wo die Kindheit in Kapiteln beschrieben fein säuberlich in die Gedanken gelocht und abgeheftet ist. Wo Mutter schimpft, weil die Wäsche noch nicht aufgehangen wurde, und Vater sich schützend vor uns stellt. Wo Mutter in die Schule geht und uns den Weg mit einer Machete durch das Dickicht von Vorurteilen frei schlägt, und Vater meint, ein gemeinsamer Besuch in der Eisdiele sei auch wichtig fürs Leben. Aber dann ist auch gut. Zwinge mich im Hier weiterzumachen. Hier müssen noch ein Dienstag und Mittwoch und Donnerstag bewältigt werden, das Wochenende und folgende.
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02.02.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 05/2024
Im Netflix-Account des Geschwisters gestöbert. Viele Dokumentationen über spektakuläre Höchstleistungen von Sportlern entdeckt. Außerdem Ernährungsformen und ihre Auswirkungen auf den Körper. Spielfilme über Bergsteiger, Berge, oder Lawinenunglücke. Passt zu ihm. Er muss immerzu lernen, sonst langweilt er sich. So war er schon als Kind. Ging auf Mückenjagd. Dazu wickelte er sich eine Tüllgardine um Gesicht und Körper, ließ einen winzigen Spalt frei, aus dem die dunklen Kulleräuglein mit dem bunten Kassenkinderbrillengestell herausschauten. Er bewaffnete sich mit einer Schachtel, einem Spatel und einer Lupe und suchte die Wände nach den Tierchen ab. Wenn er eine gefangen hatte, untersuchte er sie. "Ich bin Mückologe!", stellte er sich mir wichtigtuerisch vor. "Schlag sie tot, mach das Licht aus und leg dich endlich schlafen!" Es war mitten in der Nacht, ich warf mit einem Hausschuh nach ihm.
Er baute den Toaster auseinander und bekam ihn nicht wieder zusammen. "Papa", sagte er entschuldigend, "Edison hat die Glühbirne auch erst nach vielen Fehlversuchen erfunden". "Oğlum", wagte Vater einigermaßen verzweifelt einen Erziehungsversuch auf Deutsch, "Toastmaşin gibt schon, warum nochmal Erfindung machen du, mensch?!" Jedes Tier musste gefangen und begutachtet werden, jedes neue Elektrogerät durch seine Hände gehen. Am liebsten koppelte er Geräte aneinander. Vater bettelnd: "Oğlum, nix bitte fummel mit Gabel in Elektro." Seine ganze Kindheit ging uns der Klugscheißer mit seinen Forschungen auf den Geist.
Im Netflix-Account aber taucht nun eine Sache auf, die so gar nicht zu ihm passt. Die Bergdokus und alles andere, stehen ganz hinten in seinem Verlauf. Was er offenbar regelmäßig konsumiert, sind Kaminfeuer. Knisterndes Kaminfeuer mit Buchenholz hat er sich sage und schreibe eine Stunde und zwölf Minuten reingezogen. Ich habs natürlich überall herum erzählt. Die Familie liegt vor Lachen am Boden.
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26.01.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 04/2024
In Spandau im Bus zögere ich, bevor ich mein Fahrticket entwerte. Laut frage ich in die Menge: "Gehört Spandau noch zur AB-Zone?". Für die Tarifzone C hätte ich nämlich nachlösen müssen. "Bei Ihnen piept‘s wohl!", ruft mir ein Fahrgast entgegen. "Wie bitte?", rufe ich konsterniert zurück. "Ick sach, bei Ihnen wohnt wohl‘n Piepmatz unter der Haube!", wiederholt der Fahrgast. Die Menge, lauter Omis und Opis, johlt. Ich schaue hilfesuchend zu einer alten Dame, die mir kopfschüttelnd ihre Solidarität verweigert. Spandau, klärt mich einer aus der aufgebrachten Menge auf, liege "mitten im Berliner Zentrum". So einen Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört. Ich bin nicht bereit zu kapitulieren, "im Zentrum?", entgegne ich, "wenn man aus dem Weltraum drauf schaut, oder was?" Die Fahrgäste bilden einen Kreis um mich. "Spandau ist alles", sage ich, "aber nicht das Zentrum von Berlin". Dass ich überhaupt in Spandau gelandet bin, hat nur damit zu tun, dass man anderswo in Berlin keine Termine mehr für ein MRT bekommt. Für Spandau muss man eine Stunde Fahrzeit berechnen. Egal, von wo aus in Berlin man losfährt. Aber das behalte ich alles für mich. "Watt denken Se denn, wo Se sind, wenn ditt hier nich mehr Berlin is?", fordert mich ein Opi zum Duell auf. Ich nehme tief Luft und sage: "Sie kennen doch alle das Sprichwort: ‚Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm‘. Spandau ist die Birne". Glücklicherweise hält der Bus. Ich steige aus. Alle grauen Stare sind auf mich gerichtet, ich spüre das. Ich gehe betont aufrecht, langsam und mit Würde. Ich fühle mich wie eine Widerstandskämpferin mit "Nie wieder ist jetzt"- Attitüde.
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19.01.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 03/2024
Francesco heißt der Klempner, der die Heizungen richten soll. Er ist klein und drahtig, seine Schuhe zieht er an der Haustür aus. Francesco verschafft sich einen ersten Überblick. Er geht durch die Räume und erklärt: Hier neue Ventile, da ist das Thermostat defekt. Was den geringen Warmwasserdruck betrifft, "werde ich nachher eine Tiefenbohrung machen". Ich habe es seit meinem Umzug ständig mit Handwerkern zu tun. Mittlerweile weiß ich, dass sie ein anderes Deutsch sprechen als ich. Die Wasserleitung ist "zugesetzt", meint, die Leitung ist verstopft oder verkalkt. "Ja gut, hier muss man schauen" heißt "ich habe keine Ahnung". Und "das bedeutet aber einen erheblichen Mehraufwand und Kosten" soll sagen "absolut keinen Bock drauf, das zu machen". Einmal sagte mir der Fenstertyp "ja klar, kann ich das Fenster reparieren, aber ich kann nicht garantieren, dass es hinterher auch wieder schließt". So ein Satz ist absolutes Dada, ein Sprachkunstwerk.
Tiefenbohrung also, ich bin gespannt. Wie jeder Handwerker hat auch Francesco kaum Werkzeug und keine Leiter dabei. Macht nichts, ich habe für jedes Gewerk die passenden Werkzeuge parat und auch eine Leiter. Ich assistiere Francesco, bringe die Leiter, helfe ihm rauf, halte sie. Er sagt, die Therme müsste eigentlich mit Wasser aufgefüllt werden, aber er habe keinen Schlauch dabei. "Kein Problem", sage ich, "ich habe den Schlauch und auch die passenden Gewinde". Ich ermahne ihn, bloß keine Luft ins System zu pumpen. Er lacht. Dann fragt er, wo der Warmwasseranschluss ist. Ich erkläre, "diese Therme erwärmt das Wasser, es gibt deshalb nur einen Kaltwasseranschluss". Er will ihn in der Küche abdrehen, obwohl er im Badezimmer an der Armatur was regeln müsste. Ich sage "Francesco, kommen Sie, wir gehen ins Bad und drehen dort ab". Wieder lacht er sich kaputt. "Sie sind wohl vom Fach?", juxt er. "Nein, nein", winke ich ab, "ich habe absolut keine Ahnung". Das habe ich mittlerweile begriffen, man darf einem Handwerker nie das Gefühl geben, Bescheid zu wissen. Manchmal erfinde ich einen Ehemann, der dann angeblich gemeint, vorgeschlagen oder vermutet hat. Das funktioniert ganz gut. Die Handwerker sagen dann "Stimmt, auch 'ne Idee".
Francesco zeigt mit dem Finger zum oberen Türrahmen und an die Decke im Flur, "hier laufen die Wasserleitungen lang". "Ach so?", sage ich scheinheilig, "mein Mann meint, hier laufen die Leitungen lang", ich zeige mit dem Zeigefinger auf den Boden. Francesco schaut in den Abfluss. Sehr lange und nachdenklich. "Francesco, was machen Sie?", unterbreche ich ihn. "Ich mache gerade eine Tiefenbohrung", antwortet er. "Aha", sage ich, "für mich sah es wie Grübeln aus". Francesco klopft mit der Fußspitze gegen die Wanne, lässt Wasser laufen und sieht dem Wasser hinterher, wie es abfließt. Ich sage "Francesco, ich will nicht stören, aber es ist gibt kein Problem mit dem Ablauf, sondern dem Zulauf". Ganz schnell schiebe ich hinterher: "Vermutet mein Mann!".
Francesco dreht sich zu mir um, "Sie fragen sich bestimmt, woher ich komme". "Eigentlich nicht", antwortete ich zögerlich, aber ich tue ihm den Gefallen, "aus Berlin?!" "Nein, nein!", insistiert er, "Was glauben Sie, woher ich eigentlich komme?". "Sizilien?!" Francesco strahlt über das ganze Gesicht, "Richtig!!". "Okay. Schön. Was bedeutet das für den Warmwasserdruck?". "Da habe ich leider sehr schlechte Nachrichten für Sie. Das zu beantworten, bedeutet einen erheblichen Mehraufwand und Kosten. Man müsste hier alles aufreißen", er wedelt mit der Hand im Badezimmer, tritt raus auf den Flur und wedelt auch dort. "Verstehe", sage ich.
Wir verabschieden uns, ich drücke ihm einen Zehner ("für die Kaffeekasse") in die Hand und er winkt noch sehr süß sizilianisch mit halb angedeutetem Handküsschen.
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12.01.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 02/2024
Das neue Jahr hat begonnen, eiskalt weht es durch den Affenkäfig auf dem Leopoldplatz. Ursprünglich wurde der Bretterverschlag für die Säufer und Penner gebaut, sie haben ihn Affenkäfig getauft. Die Idee dahinter war, dass die Trinker sich dort sammeln und saufen, derweil auf der Wippe nebenan die Kinder eine unbeschwerte Kindheit erleben. Soziales Platzmanagement nennt man das. Die Trinker, so der Plan, würden sich aus Scham vor den Kindern eleganter benehmen. Hat das eigentlich irgendwo in Deutschland funktioniert? Dass ein Park, in dem Drogenkonsum oder Alkoholismus stattfindet, gleichzeitig eine sichere Erholungsstätte für Anwohner ist? Nach den Trinkern kamen die Schwerstdrogenabhängigen. Das war selbst für die Säufer so krass, dass sie verängstigt abzogen.
Drogensucht ist ein Business, eine Vollzeitbeschäftigung. Die Abhängigen müssen schnorren, streiten, sich prostituieren. Würde man sich hier – wirklich sehr theoretisches Gedankenexperiment – eine Viertelstunde lang auf einer Bank im Park aufhalten, sähe man Junkies, die irgendwelches Zeug drücken oder rauchen, das sie so fertig macht, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Ein paar Meter weiter steht eine öffentliche Toilette, auf der manchmal Männer Drogensüchtige schlagen oder bei offenen Türen Sex machen, und einen halben Meter daneben stehen Kinder und warten auf den Bus, der sie nach der Schule nach Hause bringt. Der Platz stinkt bestialisch nach Exkrementen und Pisse. Immer läuft irgendwer mit Hose runter, Arsch oder Glied raus mit Geld in der Hand zum Dealer und kauft, um sich umgehend von der Qual zu erlösen. Man könnte die Bushaltestelle verlegen, aber das ist der Wedding, die Ausländerquote ohne Wahlrecht liegt hier wahrscheinlich bei hundertachtzig Prozent, und die Abhängigen sind meistens auch nur Araber, Afghanen, Syrer. Hier braucht sich Kai Wegner nicht wichtig machen. Sind nicht nur nicht seine Wähler, sondern nicht mal seine Bürger, dieser Bezirk ist allen so egal, noch egaler kann man einer Stadt nicht sein.
Wenn man hier leben will, muss man sich aktiv dafür entscheiden, dass man mit ungelenken Schritten und Sprüngen über das menschliche Elend auf dem Trottoir stolpert und dabei eiskalt bleibt. Sonst stirbt man als normal denkender und fühlender Mensch mit diesen Elendsgestalten mit. Mit brodelndem Herzen und Menschenliebe kann man das nicht aushalten.
Es ist die erste Januarwoche, Wind und Kälte wehen über den Platz, jetzt regnet es auch noch, die Junkies strömen aus allen Büschen und Ecken in den Affenkäfig. Er ist winzig, sie stehen barfuß oder mit offenem Hemd, stinkend, eingepisst und eingeschissen, Schulter an Schulter. Sie stehen ungeschützt, keine Mütze, kein Schal, einer schaut beseelt in die Luft, ganz komisch, denke ich, keiner schreit, keiner haut dem anderen auf die Glocke. Da stehen sie, eine so elend kaputtgedröhnte Schicksalsgemeinschaft von Gott und der Welt verlassener Seelen, von allen vier Seiten regnet es stechenden Eiswind und Ungerechtigkeit auf die gelben Hepatitiskörper. Sie erinnern an Pinguine, die eng beieinander stehend ihre gefiederten Körper wärmen, gelegentlich watscheln die aus der Mitte nach außen, sodass jeder einmal im wärmenden Zentrum stehen kann, und auch im Affenkäfig formiert sich die Gruppe immer wieder neu, wenn einer nach außen torkelt oder fällt. Ich muss lachen, weil es so reibungslos funktioniert, und ich muss schlucken, weil ich nicht fassen kann, dass die Menschen um den Leopoldplatz diesen Dreck und Scheiß ertragen müssen und niemand von den politisch Verantwortlichen sich für diese in Raten sterbenden Menschen interessiert. Wer das alles nicht glaubt, möge den 147er bis zur Endhaltestelle fahren und sich das politische Vermächtnis der regierenden Parteien dieser kaputten Stadt anschauen. Wer sehen will, wie verlogen Politik sein kann, soll kommen und schauen. Affenkäfig als Konzept. Nie aufhören, mit dem Finger drauf zu zeigen. Nie aufhören, "Leopoldplatz" zu rufen, wenn wieder ein Bürgermeister das Wort Sicherheit in den Mund nimmt. Neujahrsvorsatz: nie aufhören, davon zu erzählen.
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05.01.2024 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 01/2024
Frisch aus dem Krankenhaus entlassen, liegt die hala auf dem divan und macht üüüf, üüf, üff. Ihre Atemtechnik ist sagenhaft, sie seufzt so gekonnt, die ganze mahalle kann ihr Gestöhn und Geächz hören. Auf der Leberstation in Malatya hatte sie ihr Bestes gegeben und es allen so schwer wie möglich gemacht. Dem Krankenhauspersonal gegenüber war sie ungerecht, hatte jeden Rat ihres operierenden Arztes ignoriert, hatte ihre erwachsenen Kinder des Mordversuches an ihr bezichtigt und mit einer Zeitung, einem Puschen und der Medikamentenbox nach ihnen allen geworfen. Alles und jeder ist tausend Mal beschimpft, beleidigt, verdammt und verflucht worden.
Hala schaut die Kommode an, die Kommode schaut mitleidig zurück. Ebenso die Gardinen, der Kühlschrank, die Hochzeitstruhe. Alle Ecken des Hauses flüstern: Du bist allein, du bist allein. Turhan ist im Mai gestorben. Sie war ja fast noch ein Kind, als sie heirateten. Die letzten zwanzig Jahre waren die schlimmsten und schönsten. Er war dement, lag fast nur noch auf dem divan, da wo jetzt die hala liegt. Ihr hat das nichts ausgemacht. Klar, sie hat gejammert und lamentiert, aber tief drinnen war es ihre Liebe, ihr Leben, das da lag und sie schon längst vergessen hatte. Oft kam eines ihrer Kinder und sagte: "Anne, so kann es nicht weitergehen, der Vater braucht eine zusätzliche Pflegerin, du musst doch auch mal eine Nacht durchschlafen".
Wie in einem Gefängnis lief die hala mit einem großen Schlüsselbund durch das Haus und schloss den ganzen lieben Tag lang die Türen auf oder zu. Ihr Turhan büxte sonst nämlich aus. Abends saßen sie auf dem Teppich, und sie schälte ihm Apfelsinen oder knackte Walnüsse. Im Sommer schälte sie ihm Gurken und dippte sie in Salz, im Herbst bekam er Maulbeeren. Abend für Abend, jahrzehntelang. So wie sie es tat, hätte niemand auf Turhan aufpassen können.
Mit diesem Mann hatte sie vier Kinder gezeugt (alle missraten, aber egal), mit diesem Mann hatte sie die Schlachterei aufgebaut und ein Vermögen angehäuft (das er verspielte), mit diesem Mann hatte sie sich ein Leben lang kaputt gelacht (oder sich zu Tode über ihn geärgert). Im Mai schlug sein Herz ein letztes Mal, sie war nur kurz im Garten, wollte etwas Salbei schneiden, denn sie hatte am Morgen gesehen, dass er eine kleine Entzündung am Mund hatte. Mit dem Salbei in der Hand stand sie an der Türschwelle und sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Er hatte die Augen geschlossen, lag mit dem Gesicht zur Tür geneigt, ein ausgestreckter Arm, eine offene Hand. Wie als hätte er gerufen, komm schnell zurück, elveda sagen, ich werde weiterziehen. Die hala schrie die Wände zusammen, die Dachbalken, die Wolken. Sie schrie und schrie und schrie. In ihren Händen verströmte der vor Verzweiflung zerquetschte und zerriebene Salbei seinen würzigen Duft im Raum.
Sakine hanım von nebenan, auch schon dreihundertsechzig Jahre alt, versuchte die hala zu trösten, sieh es doch so, sagte sie, du kannst nun im Fernsehen schauen, was du willst. Ach Sakine, halt doch die Klappe, regte sich die hala auf. Dein Ehemann war so dumm, wenn der Fußball ins Abseits flog, schaute dein Schwachkopf neben den Fernseher, ob der Ball dort gelandet war. Mein Turhan und ich schauten immer Tierfilme. Wir haben nie über das Fernsehprogramm gestritten. Natürlich wusste sich Sakine hanım zu helfen und schlug zurück: Dein Turhan war die letzten zwanzig Jahre eine komplette Matschbirne, wenn er einen Schimpansen in der Glotze sah, reichte er ihm eine Banane. Na und, blaffte die hala zurück, er liebte halt Tiere. Deiner liebte die Nachbarin. Ach halt doch die Fresse, sagte Sakine hanım, du musstest deinen Turhan einsperren, damit er nicht abhaut. Weißt du noch, das eine Mal, giftete die hala, als er dich sah, Sakine, da hat er dir auch eine Banane gereicht. Der hala war eigentlich nicht zum Lachen zumute, aber sie konnte nicht an sich halten und lachte lange und laut, und auch Sakine hanım hat gegen ihren Willen etwas lachen müssen.
Eines Abends kommt halas Enkel, sehr süß, erst vier Jahre alt, und fragt die hala, was sie glücklich machen wird. Da erst wird ihr bewusst, dass es nichts gibt, was ihr Trost geben würde. Oder Lust auf morgen. Ein fertig gelebtes Leben liegt hinter ihr. Sie hat es ausgiebig leer gelebt. Hier ist einfach Schluss für immer. Und diese Erkenntnis, fertig zu sein, mit allem, befreit sie so sehr, dass sie den kleinen Jungen auf den Schoß nimmt und ihm zuflüstert, versprich mir, dass du dir ein richtig schönes Leben machen wirst. Der kleine Junge nickt. Und hala geht schlafen. Sie würde nun auch nicht mehr abschließen.
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29.12.2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 52/2023
Seit vier Tagen liegt die operierte hala bewegungslos im Bett und weigert sich zu genesen. Will nicht essen, will nicht trinken, will nicht kooperieren. Noch nimmt ihr niemand die strikte Weigerung krumm, ans Vorher anknüpfend weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Haare kämmen, Gesicht waschen, Tee trinken, dann dem Doktor dankbar um den Hals fallen, das sind die ersten Schritte nach einem gelungenen Eingriff, aber meine hala tickt anders. Was ist schon eine erfolgreich überstandene Operation im Dinosauerieralter, für die sich deine vier erwachsenen Kinder vor allen möglichen Leuten in den Staub warfen und sich erniedrigten und Tausende von Lira hinblätterten, wenn das Leben an sich eine einzige Katastrophe ist? Was bringen ein oder zwei einigermaßen in Ordnung geschriebene Kapitel in einem an sich beschissenen Buch? Jetzt mal wirklich und ehrlich unter Freunden bilanziert: Was bringt ein Arzt, der über tausend Lebern erfolgreich operiert hat? Sterben dafür jetzt weniger Kinder in Afrika? Kommt Regen über die Felder, wenn man ihn braucht? Weht der poyraz, dieser schlimme Ostwind, wie wenn Gott eiskalt aus den Wolken runter pustet, dieser Wind, der einem tagelang die Birne von innen zuklebt und den Nacken hart wie Beton macht, nicht mehr? Na und, dann hat er eben seine Lebern erfolgreich geschnetzelt. Soll meine hala jetzt deshalb ihren Katheder unter dem Operationsfummel rausziehen, eigenständig aufs Klo gehen und pinkeln, und tanzen und jubeln? Lächerlich!
Acht Tage vergehen, die hala bewegt sich immer noch nicht. Elf Tage, zwölf Tage. Hala im Liegeprotest. Sie bestreikt das Leben. Da platzt meiner Cousine Fatoş der Kragen. "Anne", sagt sie, "ich verfluche den Tag, als wir dich einsammelten und zum Arzt brachten." Fatoş ist Oberschwester im Kreiskrankenhaus in Bingöl, und sie hat schon jede Sorte Patient in ihrem Leben gehabt. Weinerliche Jammerlappen, wütende Arschgeigen, sterbende Kinder, die mit einem letzten, lieben leeren Blick die Äuglein schlossen, und ihre kleinen Finger wurden langsam kühl, und das sind Momente, da begreift man das Leben nicht als Geschenk, sondern als Bürde. Aber sowas wie die hala ist selbst für sie und das Personal in der renommierten Leberklinik in Malatya einmalig und ihr natürlich besonders strunzpeinlich. "Anne", sagt sie, "dann tu uns den Gefallen und stirb!"
Fatoş erzählte später meinem Onkel Arif, und der dann meinem Vater, und der dann mir, wie immer sonntags um 12 am Telefon, dass die hala ihren Mund, so schien es ihr, noch ein klein wenig mehr verkniff als sonst. Und sowas ist doch ein Zeichen der Hoffnung, oder nicht? Dr. Ibrahim indes kam jeden Tag und setzte sich ein, zwei Minuten an halas Bett und sagte immer den gleichen Spruch: "Ich halte das aus, aber die Frage ist, wie lange hältst du das aus?" Und einmal, da holte er aber den ultimativen Hammer heraus, da stand gerade so eine manikürte Tussi aus der Verwaltung im Zimmer herum, und da sagte Dr. Ibrahim ganz leise, aber nicht so leise, dass die hala es nicht hören könnte: "Filiz hanım, haben wir hier schon die Zwischenrechnung gemacht? Mit Inflationsaufschlag, bitte." Dann verließ er den Raum. Und das muss so um den siebzehnten oder achtzehnten Tag herum gewesen sein, da hat die hala sich als Zeichen der ultimativen Empörung das erste Mal selbstständig bewegt. Sie drehte sich zur Seite, mit dem Gesicht zur Wand und dem Arsch zur Welt. Ihr kleiner Körper bebte unter dem dünnen Laken, so petzte es Fatoş später in die Telefonkette, jeder Atemzug, den hala nahm, war so tief und lang und voller Verachtung, als würden ihre Lungen beim Einatmen und Ausatmen das Krankenbett im Raum hin und her rollen. Gewaltige Luftstöße müssen das gewesen sein, eisiger als poyraz, furchteinflößender konnte nicht einmal Gott aus den Wolken pusten. Kein Zweifel, hala begann das Leben auf ihre Art zu begrüßen und zu feiern, indem sie schon einmal begann, es ein klein wenig zu hassen.
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22. Dezember 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 51/2023
Zwischen meiner hala und Dr. Ibrahim ein Hin und Her an Worten. "Bleib auf meiner Station", sagte er zu ihr. Sie ist alt und sehr krank, aber in einem bemerkenswert vitalen Zustand. Er sieht das, jeder sieht das. "Geh‘ nicht", sagte er zu ihr. "Warum?", fragte meine hala. "Hast du dich in mich verliebt?" Die Sprüche und Prolligkeiten meiner hala, das muss man verstehen, und Dr. Ibrahim verstand das, verschaffen ihr Zeit. Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass sie kurz vor Lebensschluss doch noch einmal aufgeschnitten wird. Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass sie Turhan enişte noch nicht folgen darf.
Die Leberkoryphäe hat es nicht leicht mit meiner hala. Niemand hat es leicht mit meiner hala. Eigentlich hat Dr. Ibrahim es nicht nötig, seine Patienten zur Behandlung zu überreden. Aus ganz Ost- und Zentralanatolien reisen die Kranken an, um einen der begehrten und kostbaren Termine bei ihm zu erhalten, aber meine hala benimmt sich, als müsse der Arzt sich bei ihr bewerben. "Anne", versuchten meine sich zu Tode für ihre Mutter schämenden, erwachsenen Cousinen und Cousins sie zur Vernunft zu bringen, "mit deinem Schandmaul riskierst du, dass er uns rauswirft". Aber er warf sie nicht raus. Dieser uralte Griesgram, dieser vor Schmerzen ausgedörrte Stinkstiefel, begann ihm zu imponieren.
Die Leberkoryphäe bat meine hala, die Intensität ihrer Schmerzen zwischen 1 und 10, also von ganz leicht bis unerträglich, zu beschreiben. "Was soll das pisko?", pampte sie. Für meine hala gilt der gesamte Themenkomplex rund um Empfindungen als psychopathisch. Nur piskopatlar, Triebtäter, haben Gefühle und sich nicht im Griff. Meine hala kommt aus einer Zeit, als man Frauen dazu erzog, die Öffentlichkeit mit ihren körperlichen oder seelischen Befindlichkeiten nicht zu belästigen. Als Turhan enişte vor fast siebzig Jahren meiner hala seine Liebe gestand und ihr einen Antrag machte, sagte sie ihm, "ich heirate dich, aber wenn du nochmal so einen Schweinkram von dir gibst, prügel ich dich ins Frauenhaus." Abends aber wurde die hala ganz weich und befahl ihren Kindern, "geht in den Garten und pflückt eurem baba Trauben". Die zuckersüßen Früchte knipste sie ihm eigenhändig von den Reben und schob sie ihm in den Mund. Sie saßen immer auf dem Teppich, nie auf dem kanepe. Sein Kopf lag in ihrem Schoß. Er lutschte die Trauben, saugte das Süße heraus und achtete darauf, die Klappe zu halten. Einmal aber konnte er nicht anders und sagte, oh, wie ist das schön! Sie klatschte ihm eine. Als er starb, wollte sie mit ihm gehen. Ciğerim, ciğerim, schrie sie ihm hinterher. Sie schütteten das Grab zu, aber sie formte ihre kleinen Hände zu Schaufeln und hob alles wieder aus. "Nicht so viel Sand auf einmal", sie weinte und war verzweifelt, "er erstickt, hört auf, hört auf damit!"
Nun saß sie bei Dr. Ibrahim auf der Liege, er saß neben ihr und sagte: "Die Leber kann ich dir reparieren. Nicht aber dein Herz". Und niemand weiß, warum, aber auf einmal wurde die hala pisko, sie lehnte ihren Kopf an die Schulter der Leberkoryphäe und sagte: "Mein Herz liegt mit Turhan in der Dunkelheit". Da wollte der Arzt ihre Wange streicheln, aber meine hala ist immer auf der Hut, sie klatschte ihm eine.
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15. Dezember 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 50/2023
Melek hala hat vier Kinder und eine ernste Sache an der Leber. Melek ist natürlich der unpassendste Name der Welt für meine hala, denn ein Engel würde niemals motzen, meckern oder schimpfen. Und hala, weil es Vaters Schwester ist, die Schwestern der Mütter sind teyzes, die der Väter halas. Wenn man Melek hala einen guten Morgen wünscht, dann wünscht sie kein höfliches "günaydın" zurück. Sie mault sich schonmal für den Tag warm. "Guten Morgen? Guten Morgen?? Für dich vielleicht, für mich ist es ein Morgen, an dem ich wünschte, ich wäre niemals aufgewacht", und so weiter und so weiter.
Ihre vier erwachsenen Kinder brachten sie wegen der Leber von einem Arzt zum nächsten. Bis einer sagte, die muss nach Malatya, zu Doktor Ibrahim. Die Leberkoryphäe. Die vier erwachsenen Kinder meiner Melek hala verschleppten sie aus Bingöl nach Malatya. So zeterte meine Melek hala das später meinem Vater am Telefon: "Ich habe gesagt, legt mich unter einen Stein und lasst mich sterben. Aber sie banden einen Strick um meinen Hals und zogen mich wie ein Stück Vieh aus meinem Haus", und so weiter und so weiter.
In Wahrheit bettelten meine Cousinen Fatoş und Leyla auf Knien bei der Leberkoryphäe darum, mit meiner Motz-hala vorstellig werden zu dürfen. Dann mieteten sie einen großen Wagen, um die hala im Liegen nach Malatya transportieren zu können. Alle ihre vier erwachsenen Kinder nahmen sich von der Arbeit frei, um ihre Mutter zu begleiten. Natürlich machte meine leberkranke hala aus einer dreistündigen Autofahrt eine siebenstündige Odyssee, indem sie auf der Fahrt einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt und ein Aneurysma bekam. Das sind natürlich keine klinischen Diagnosen, sondern halas Befunde. Jedes Mal, wenn Fatoş über ein Schlagloch fuhr oder beim Abbiegen die hala eine Winzigkeit zur Seite kippte, jammerte sie: ayy anorisma oldum, oder irgendeinen anderen Quatsch.
Bei der Leberkoryphäe waren Untersuchung und OP-Besprechung kaum möglich, weil sie den Arzt beleidigte und erniedrigte. "Du Trottel, ich hatte sechzig Jahre lang eine Schlachterei, ich weiß, wo die Leber sitzt", kommentierte sie Dr. Ibrahims Versuch, den CT-Befund mit ihr zu besprechen. Und auch sonst meinte sie, dass sie sich im Leben nicht unter seine "wetzenden Messer" legen würde, denn wenn er so ein Künstler sei, operettete sie, "warum bist du dann in diesem gottverdammten Malatya gelandet und nicht in Ankara oder Los Angeles", und so weiter und so weiter. Bei Los Angeles – oder wie meine hala es aussprach: losancolos – mussten nicht nur meine vier erwachsenen Cousinen und Cousins, sondern auch die Leberkoryphäe kurz auflachen, weil, wo kam das denn auf einmal her?
Nach allen abschließenden Untersuchungen, Befunden und durchlittenen Demütigungen, Herabsetzungen und Erniedrigungen, beschloss Dr. Ibrahim, die hala muss operiert werden. Oder wie meine hala es kommentierte, "zerstückelt werden, damit der Trottel meine Leber teuer auf dem internationalen Organmarkt verkaufen und sich eine Scheißvilla in Scheißmalatya unter seinen Scheißarsch bauen kann", und so weiter und so weiter.
Noch ein letztes Detail, bevor ich nächste Woche weitererzähle: Die Leberkoryphäe verstand natürlich, dass meine hala Todesängste durchlitt. Er hatte in seinem Leben mehr als tausend Lebern operiert und viel Erfahrung mit dem Organ. "Mehr als tausend Lebern?", fragte meine hala nun doch interessiert. "Mein Gott, wie alt bist du denn?"
"Was glaubst du wohl, wie alt ich bin", fragte Dr. Ibrahim zurück. Meine magere, dauerfröstelnde hala kramte aus ihren vielen Strickjacken, Blusen und unzähligen übereinander gezogenen Unterhemden ihre knittrige, schlaffe Brust heraus, oder jedenfalls tat sie so, und sagte, "Komm her und nuckel. So alt bist du!" Dazu muss man wissen, dass Dr. Ibrahim fast siebzig ist und meine hala ungefähr 130 Jahre. "Du könntest mein Baby sein", sagte die hala zum Arzt, der nun wirklich sehr verblüfft war, denn er hatte schon viele alte Schachteln auf dem OP-Tisch, und alle jammerten sie (das macht diese besondere Luft zwischen Euphrat und Tigris), aber so eine Schreckschraube wie meine hala war auch für ihn gewaltig ungewöhnlich.
Die hala haute Erol auf den Hinterkopf, "dieser Nichtsnutz hier ist mein schlimmstes Baby von allen", degradierte sie meinen fast 60-jährigen Cousin vor aller Augen, "dieser Nichtsnutz hat mich beim Nuckeln ausgesaugt, als wollte er den Euphrat leersaufen, und jetzt", sie setzte zu ihrer letzten Arie an diesem schlimmen, anstrengenden Tag für meine armen Cousinen und Cousins an, "bringt dieser Nichtsnutz seine Mutter zu einem minderjährigen Praktikanten und Provinzpfuscher". Dazu muss man wissen, dass sich Malatya zu Bingöl wie New York zu Town of Henrietta verhält. Oder Berlin zu Bruchhausen-Vilsen. Woher ich das alles überhaupt weiß? Leyla ruft regelmäßig, noch auf dem Krankenhausgang, unseren Onkel Arif an, der ruft meinen Vater an, und der erzählt es mir jeden Sonntagvormittag am Telefon.
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08. Dezember 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 49/2023
In der Nacht wieder keinen Schlaf gefunden, und im Paralleluniversum der "NDR Doku" gelandet. Nordstory heißt das Format, das aus – jetzt nur so als Beispiel – einem Glockengießer aus Schleswig und einem von der Tide zurückgespülten Gummistiefel einen Expeditionsbericht kuratiert, der einen in Gefilde bringt, in die ein Alexander von Humboldt einen noch nicht hat bringen können.
Hafenimbisse, seit Monaten ein absoluter Geheimtipp unter Nordstory-Insidern, angeteasert mit dem dezenten Untertitel "Deftige Kost und deftige Sprüche", erzählt die Geschichte der historischen Kaffeeklappen, die einst die Männer im Hafen, in den Docks, in den Containerwerkstätten versorgten, und was davon noch übrig blieb. Die Kantinen der Werften haben die Kaffeeklappenkultur verdrängt, und nur noch hier und da, gibt es Reminiszenzen: Uschis Imbiss oder Zum Lütten Foffteiner.
Der Film zeigt mit viel Liebe zum Detail, wie Odo morgens um 3 das Frikadellenhack aus dem Laminatbeutel massiert, damit pünktlich um 5 die frisch gebrutzelten Knastpralinen im Schlafrock mit Schmatzi (Frikadelle im Brötchen mit Senf) für die Schlossser, Schweißer oder Trucker aus dem Uelzener Hinterland serviert werden können. Es gibt auch à la carte, zum Beispiel frische belegte Brötchen mit Maurermarmelade oder "Schniddaiii", also Mett oder in Scheiben geschnittenes hartgekochtes Ei. Alles natürlich immer streng nach Kaffeeklappenlebensmittelrecht, ohne Tomate und "annern Gemüsegarten". Guter Film über gute Leute. Hat mir zu mehr Wissen und Bildung verholfen als die Oberstufe mit Abitur. Definitiv das Beste, was es derzeit auf dem deutschen Fernsehreportagemarkt gibt! Muss gegen 4 gewesen sein, als ich mit meinem Imbissbachelor endlich einschlafen konnte.
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01. Dezember 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 48/2023
Zum Frühstück Haferflocken und mittags die große Frage, wie viele Male ich mit Vater noch sterben werde. Eine verzweifelte Vaterliebe ist das. Eine, die in aufgeschriebenen Worten wie warme Vaterpoesie klingt, aber in echt drückt sie einen unter die Erde. Mein Leben ist leer ohne dich. Alles Glück dieser Welt habe ich durch dich erfahren. Oh Vater, sage ich manchmal, wie kannst du nur so ohne Kompass durchs Leben torkeln? Deinen Tod habe ich unzählige Male geprobt. Habe dich zu Lebzeiten fertig beweint. Stand in Gedanken jahrelang an deinem Grab und vermisste dich im voraus. Bis du wieder mit deiner kleinen Tasche auf der Matte standest und sagtest, na wie geht’s? Hast du für "deine Papa" noch Platz? Hatte ich, und der erste Tag war lustig und aufregend, der zweite schön, der dritte fing an, anstrengend zu werden, am achten Tag war ich äußerlich schon zweimal und innerlich zwanzig Mal ausgeflippt. So geht doch kein Leben, habe ich dir entgegen geschrien, man macht doch keine Kinder und hält sich dann wie ein Ertrinkender an ihnen fest. Wohin soll ich denn gehen, hast du gefragt, was weiß denn ich, fahr doch mal zur Reha nach Bad Oeynhausen. Okay, mein Kind, hast du geantwortet, ich lasse dich in Ruhe, und bist zu Tchibo gegangen, hast einen Kaffee getrunken und ein Handtuch, einen Milchaufschäumer oder eine Meniskus-Kniebandage mitgebracht und dich den ganzen Abend ganz still verhalten, beschämt, erniedrigt und eingeschüchtert. Ist doch klar, dass ich das nicht gut aushalte. Also lachte ich und klopfte dir auf die Schulter, ist schon gut, alter Knochen, kannst bleiben und dich an mir festhalten. Nun höre ich am Telefon, wie du keuchst und hustest, wieder ein Winter zwischen uns, von dem wir nicht wissen, was danach wird. Wieder ein Winter mit Wind in den Weiden und der großen Angst, dass du gehst und mich nie wieder zu Tode nerven wirst.
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24. November 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 47/2023
Das Karstadt am Leopoldplatz macht dicht. Schirme, Karnevalskostüme und Pfannensets werden mit einem Rabatt von 20, 30 oder 50 Prozent verkauft. Wenn das Kaufhaus im Wedding schließt, gibt es künftig auf der Müllerstraße nur noch Pizza-, Waffel- und Sahnetortenläden. Und dazwischen Apotheken. Die Apothekendichte ist erschütternd. Und dann noch die halbtoten Crackwracks. Eingeschissen, vollgepisst und elend zugrunde gegangen liegen sie quer im Park oder vor den U-Bahneingängen. Wahrscheinlich hat hier kaum einer ein Wahlrecht, weshalb sich die Berliner Politik von ihrer abwesendsten Seite zeigt. Zwei große Kirchen und dazwischen offene Prostitution mit eilig herunter gelassenen Hosen. Wenn abends der Karstadt schließt, bleiben nur noch die verlorenen Seelen übrig, die mit irre aufgerissenen Augen durch die Gegend stromern und schreien oder Leute bedrohen oder weinen. Seltsame So-tun-als-ob-alles-in-Ordnung-ist- Stimmung im Kiez, obwohl hier gar nichts in Ordnung ist. Das Elend, die Not und das Unglück werden aus dem Stadtzentrum immer weiter in den Norden, in den Wedding gedrängt. Hier geht niemand raus, zum Schlendern oder einfach so auf der Parkbank sitzen und mit dem Nachbarn plaudern. Das Drogenelend dominiert jeden Platz, jede Parkbank, jeden U-Bahneingang, jede Bushaltestelle. Wer sich dafür interessiert, wie eine Gegend aussieht, die den politisch Verantwortlichen komplett egal ist, ist rund um den Leopoldplatz genau richtig. Und also laufe ich in den DHL-Shop oder zum Passfotoautomaten, aber immer schnell, weil es alles so mordsgefährlich ist, nicht erst nachts, nein, nein, auch schon um 17 Uhr oder 21 Uhr, und denke, nicht verbittern, nicht ekeln, nicht über andere Leute die Nase rümpfen, das ist hier politisch gewollt, das gehört keineswegs in irgendeinen Grollwinkel des Gemüts wegignoriert, sondern prominent ins Zentrum des Schreibens gerückt.
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17. November 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 46/2023
Es ist einer dieser kalten, regnerischen Tage. Neben mir in der Berliner Ringbahn sitzt ein alter Kerl im Achselshirt und erzählt ungefragt, "Ick bin als Soldat mal bei minus achtzehn Grad einjeschlafen. Für mich kann ditt jar nicht warm jenuch sein". Der Kerl ist höchstens sechzig Jahre alt und Deutscher, welchen Krieg er wohl meint? Und wenn er es warm mag, weshalb sitzt er fast nackt in der Bahn? Er knabbert Biomaiscracker, auf seinem Armreif steht: "Beten tut der Seele gut". Jeder Fahrgast ist dick eingemummelt in Schal, Mütze und Winterjacke. Aus seinem Rucksack kramt er Latschenkiefer Beinbalsam raus und reibt sich die nackten Beine damit ein. Er stöhnt und genießt die Abreibung. Mit langen Bewegungen streicht er über die Waden und zieht die Bewegungen bis zu den Oberschenkeln hoch. Ditt kühlt richtig schön, freut er sich. Endlich grinsen die ersten Fahrgäste etwas. Das ist nämlich eine typische Berliner Eigenschaft. Egal wie hoch die Verrücktendichte in der Bahn ist, niemand lacht, zwinkert sich zu oder schaut wenigstens interessiert. Der hier ist aber auch für Berliner Verhältnisse außergewöhnlich aufsehenerregend.
Ein Clochard mit Hund steigt zu. In geschliffenem Deutsch hält er sein Eröffnungsplädoyer: Meine Berta und ich möchten keineswegs als Belästigung betrachtet werden und schon gar nicht als Geruchsproblem. Ich hoffe, wir riechen nicht!? Jedes Jahr nimmt die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen in Berlin zu. Das führt zur Konkurrenz unter den Bettelnden und mittlerweile gibt es welche mit beeindruckend raffinierten signature-Begrüßungen. Berta und er stinken so enorm, dass die ersten Fahrgäste sich höflich in ihre Schals verkriechen. Ich habe Glück, weil ich neben dem Latschenkiefergeneral sitze. Ich versuche mich unbedingt auf die Kräuterwolke zu konzentrieren.
Bertas Herrchen kommt nun zu seinem eigentlichen Anliegen. Gekonnt schlägt er den Bogen von der Erderwähnung und dem Schmelzen der Polkappen ("Müssen Se selber entscheiden, watt se von halten") zu seinem Schicksal ("Der soziale Wohnungsbau ist, wenn Se mich schon so fragen, am Arsch") zu seinem "persönlichen 9/11". Ick hab an de große Liebe gegloobt, nun sitzt meine Exfrau in der Villa mit Pool, und ich drück meine Stunden in der Bahn ab, fasst er rasch zusammen. Zwischen den Stationen ist nicht viel Zeit, die Story muss kompakt sein, es muss genügend Zeit bleiben, um die Honorare einzukassieren, beim nächsten Halt dann rasch in den nächsten Wagen. Sein Auftritt ist sensationell, die Fahrgäste kramen schnell nach Kleingeld. Er steigt aus, die Bahn fährt weiter, und was jetzt erst auffällt ist, dass hinter ihm die ganze Zeit, gewissermaßen in der Warteschlange, eine Nachrückerin wartete. Eine richtig mürrische alte Schachtel, sichtlich beeindruckt vom Erfolg ihres Vorgängers und festen Willens, im Windschatten ihres Vorgängers ebenfalls große Kasse zu machen. Sie kräht: "Watt er hier am eben am Labern war!! Genau ditt. Ick oooch!"
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10. November 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 45/2023
Über ein Jahrzehnt wohnten wir übereinander. Sie unten, ich eine Etage drüber. Ich brachte ihr Salzbrezeln, wusch ihre Wäsche, klingelte auch einfach mal so. Maria, fast neunzig, hat eine große Familie. Zu Weihnachten wurde sie für einen Nachmittag abgeholt. Zu Ostern auch. Aber im Alltag war niemand für sie da. Wenn in den Nachrichten ein Gewitter angekündigt wurde oder der Postbote wechselte und sie sich deshalb fürchtete, weil "heute wieder ein fremder Mann im Haus war", dann war ich ihr Anker. Dann nahm ich die fast 90-Jährige in den Arm, und es reichte, dass ich versprach, dass ich alle Fenster im Haus während des Gewitters fest im Blick habe, dass alles gut werden wird und dass ich ganz genau höre, wer ins Haus kommt. Einmal stand ein Typ von einer Sekte vor ihrer Tür und quatschte sie voll. Fast hätte sie ihn reingelassen, denn als Katholikin, die noch bis neulich jeden Sonntag in die Kirche ging, war sie für Gott und seine Gesandten immer offen. Da hätte sie alles unterschrieben und gespendet. Ich aber wohnte oben und hörte alles. In über einem Jahrzehnt nahm ich ihr oft den Kugelschreiber aus der Hand oder verscheuchte dubiose Gäste.
Dann kam ein massiver Altersschub. Die Ohren abwesend, das Glasauge links war sowieso nur Attrappe, und das rechts benebelte die Welt. Schmerzen im Bein, halbe Nächte hörte ich sie mit dem Stock auf und ab gehen, tok, tok, tok, ich litt mit ihr mit. Aus der beweglichen, zarten lebensneugierigen Nachbarin, wurde ein der Welt abgewandtes Wesen, dem Camembert und die Tasse Kaffee nicht mehr schmeckten. Und wenn ich Suppe brachte, dann nicht mehr wie früher im Topf, den sie sich dann selber warm machte und sich alles einteilte, wie es passte, sondern im Teller. Und den Löffel drückte ich ihr auch in die Hand. Und immer dachte ich, was soll bloß werden, wenn ich ausziehe. Sie kann unmöglich so alleine wohnen, niemand wird kommen und helfen. Richtig verzweifelt war ich. Dann musste ich ausziehen, Kündigung wegen Eigenbedarf, und sie sagte erst, "Tragödie", und dann, einige Tage später, als sie sich gefangen hatte, und wie es ihre Art war, "Ich komme zurecht, sorge dich nicht!".
Ich besuchte sie später, da wohnte ich schon längst im anderen Bezirk und sah natürlich genau das, was ich befürchtet hatte. Triste Einsamkeit und ein für hilfsbedürftige Alte typisches ausgekühltes Leben. Ein alter Apfel lag in der Küche in einer Schale. Alles Geschirr und Besteck hatte Patina. Sie war freundlich wie immer, aber eben nicht mehr der Mensch, der sie sonst gewesen war: morgens das Radio, mittags der Kaffee, abends die Nachrichten, und bedingungslos offen für stundenlange Fernsehübertragungen von Königskrönungen oder Staatsbegräbnissen. Sie war eindeutig mit einem Bein schon halb bei ihrem lieben Gott und auch bei Ratzinger. Den liebte sie als gebürtige Bayerin über alles.
Dann überraschend der Anruf. "Du, ich muss dir was erzählen. Ich soll ins Heim." Ich war betrübt, ich kannte doch diese Orte, die Beschreibungen, die Bedingungen. Die routinierte Lieblosigkeit eines Systems, das aus Menschen Pflegegrade macht. Mit etwas Unterstützung und einer besseren medizinischen Versorgung hätte Maria bis zum Schluss in ihrer Wohnung bleiben können. Hätte ich nicht weggemusst, hätte Maria nicht weggemusst.
Und jetzt kommt es: Ich rief Maria in ihrem neuen Zuhause im Pflegeheim an und weil ihr Hörgerät (es ist auch nach Jahren nicht richtig eingestellt worden) immer rückkoppelte, schrien wir uns gegenseitig an. Maria, wie geht es, wie ist es, erzähl alles. Und sie versuchte, das Gebiss rutschte in ihrem Mund hin und her, sich so deutlich wie möglich zu artikulieren, aber ich verstand fast nichts. Aber ein paar Worte hörte ich doch: "prima" und "hervorragend". Dabei betonte sie Silbe für Silbe, und das ist immer ein Zeichen, dass Maria die Wahrheit sagt und nicht bloß aus Höflichkeit zwitschert. Wir vereinbarten, dass wir nochmal telefonieren würden, und dass ich ganz bald mit Kuchen anrücken würde. Dann übergab sie dem Pfleger den Hörer, und der hatte eine ganz ruhige und liebe Stimme. Und Zeit, ich meine Zeit!, die hatte er auch. Er erzählte, dass Maria immer selbstständig käme, wenn sie Fragen hätte, dass sie an allen Mahlzeiten teilnähme und sehr fröhlich und ausgeglichen sei. Und dann sagte er, "Wir haben keine Besuchszeiten. Sie kommen, wann Sie wollen. Und wenn Sie Kuchen mitbringen oder etwas anderes, bedienen Sie sich an unserem Geschirr, alles liegt offen zur Benutzung aus".
Mein Herz wurde ein Sonnenaufgang, das aufgehende Licht strahlte hell und freundlich über Marias und mein Leben. Am Wochenende fahre ich zu ihr.
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3. November 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 44/2023
Vater reist ab. Weiter zum nächsten Kind Richtung Bayern. Wir setzen ihn in die erste Klasse in den ICE. Der Zug steht schon bereit, uns bleiben ein paar Minuten. Der Vater ist alt und gebrechlich. Die Besuche beim Arzt hat er so verinnerlicht, dass er sich auf die Fahrt als "Erster-Klasse-Patient" freut. Die Schaffnerin sieht, wie wir uns um den Vater bemühen, und verspricht, gelegentlich nach ihm zu sehen. "Ich liebe alte Menschen", sagt sie, und, als habe sie in den Welpenkäfig geschaut: "Der ist aber süß". Wir kümmern uns rasch um Vaters Gepäck, er aber protestiert flüsternd, sie braucht nicht nach mir zu sehen, ich komme alleine zurecht.
Das ist jetzt mein Moment, das mache ich schon mein ganzes Leben lang so. Papa, sage ich, in der ersten Klasse ziehen sie dir deine Hausschuhe an und bringen Suppe. Falls es zu Verspätungen kommt, bitte die Schaffnerin, mit dir Karten zu spielen. Die ältere Dame, die vor meinem Vater Platz genommen hat, lacht laut auf, dreht sich zu uns um und sagt, ich spiele mit! Auch Vater lacht. Er weiß, dass ich Quatsch erzähle, aber er weiß nicht, welcher Teil davon Quatsch ist. Die bringen doch keine Suppe, oder? Ist doch kein Krankenhaus, sondern ein Zug, er weiß nun wieder Bescheid. Doch, sage ich, sie bringen Suppe. Bestell einfach wonach dir ist, Tee oder Kaffee, egal. Du musst nur deine Versichertenkarte zeigen, die rechnen das über die AOK ab. Du musst jetzt raus gehen, sagt er, der Zug fährt gleich ab. Und, wie so oft sagt er auch, schreib deinen Quatsch besser auf statt, Achtung Originalpapadeutsch, "Imma deine arme Papa veraschi zu machen". Er breitet die Arme aus, damit wir Abschied nehmen. Ich umarme und küsse ihn schnell. Nicht schnell genug. Er bebt in meinem Arm. Danke für alles, weint er. Nicht traurig sein, im nächsten Jahr sehen wir uns wieder. Im nächsten Jahr, schluchzt er tapfer, wenn die Welt noch steht. Sie wird stehen, Papa. Ich springe raus. Ich winke.
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27. Oktober 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 43/2023
David-Beckham-Doku auf Netflix gesehen. Keine Ahnung von Fußball gehabt. Ecke, Freistoß, Strafraum, Wörter ohne Ballbedeutung. Bis jetzt. Bin völlig angefixt. Wie kann man so einen Körper haben? So ein nahezu artistisches Gespür für den Ball. Ihn mit der Kraft Hüfte abwärts zielsicher in diese oder jene Richtung bringen. Habe immer gedacht (Dumme, die keine Ahnung haben, denken so): Wer braucht den Scheiß? Nach der Doku habe ich verstanden, dass ein Fußballspieler und ein, sagen wir, Musiker sich kein bisschen voneinander unterscheiden. Sie üben, üben, üben, bis der Körper gehorcht. Der eine beherrscht den Ball, der andere das Instrument. In den Nahaufnahmen sah es einfach fantastisch aus, wie Beckham mit dem Ball tanzt. Großes Glück dabei empfunden, für Fußball doch noch eine Art Erklärung gefunden zu haben. Und dann dachte ich auch, ich glaube, ich würde das auch gerne können, was Beckham kann.
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20. Oktober 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 42/2023
Der Vater ist zu Besuch. Sobald er deutschen Boden betritt, meint er auch, Deutsch sprechen zu müssen. Sein Körper ist schon hier, aber seine Sprachseele ist noch auf Reisen. Weshalb alle Worte und Sätze, die seinen Mund verlassen, sich immer einen Millimeter neben dem Wörterbuch befinden. Beim Arzt zeigt er deshalb seine "Chipskarte", und in der Nacht meint er, eine "Pflegemaus" vorbeiflattern gesehen zu haben. Fast wäre er von einem vorbeifahrenden "Mafiafahrer" erfasst worden, und im Lottoladen bittet er um einen "Klungelscheiber", um die Kreuze machen zu können. Dass der Pizzabäcker ihm ein Schälchen "Oliver" dazu gestellt hat, findet er sehr aufmerksam, sie sind "sehr schmecker, danke schön!". Auch dieses Jahr ist er freundlich und ausgeglichen, oder um es in seinen Worten zu sagen, er ist ein sehr "glukklukke Papa".
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13. Oktober 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 41/2023
Nach der Lesung im Literaturhaus Zürich signiere ich Bücher. Ein Zürcher Leser hält mir ein Buch hin. "Für Regula" soll ich schreiben, wenn es keine Umstände mache. Macht es natürlich nicht. Könne auch ruhig persönlicher sein, ermuntert mich der sehr feine und höfliche Herr. Ich schreibe: "Für Regula von Mely".
Das signierte Buch reiche ich ihm zurück und bitte ihn, Regula von mir zu grüßen. Da sagt er zu mir, Sie sind wie meine Regula. Alles an Ihnen erinnert mich an sie. Schreibt Regula?, frage ich ihn. Nein, tut sie nicht. Sieht sie etwa aus wie ich? Aber nein, ganz und gar nicht. Ist sie in meinem Alter? Da hätte ich mich aber sehr gut gehalten, lacht er sich kaputt. Ist es vielleicht meine Art? Ganz im Gegenteil, sagt Regulas Gatte. Ich fasse es für ihn und mich zusammen: Ihre Regula, sage ich, hat also weder meinen Beruf, noch sieht sie aus wie ich. Auch teilen wir uns nicht das Alter, und ihre Art ist auch völlig anders als meine. Es rücken nun auch die umstehenden Leser etwas näher an den Tisch. Wir sind alle sehr gespannt. Was genau ist denn nun bei mir wie bei Regula? Na einfach alles, ruft Regulas Mann, dabei zieht er mit seinen Händen einen imaginären Kreis um mich, einfach alles!
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6. Oktober 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 40/2023
"Schmelzen Butterblumen? / Nein, sie schmelzen nicht / Fliegen Vögel rückwärts? / Nein, ich glaube nicht." Das Lied ist über ein halbes Jahrhundert alt, und vom Album "Worum geht‘s hier eigentlich?" von Hildegard Knef.
Manchmal geschehen sie noch, die seltenen Radiomomente, wo man aufdreht und ein Lied den Abend anhält. Das war so einer. Francesco Wilking stellte seine Lieblingslieder vor, viel italienischer Schlager, aber eben auch das: "Wer reibt Schnee zu Flocken? / Du, ich weiß es nicht (…) Was ist Ewigkeit? / Worauf wartet ihr/ Und habt niemals Zeit?"
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29. September 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 39/2023
Auf den Kühlschranktüren bei Rewe kleben Zettel. Auf ihnen steht eine komplizierte Formulierung. Nämlich, dass "derzeit die Kühlregale bestreikt werden". Der Satz ist seltsam. Es werden doch hoffentlich die Arbeitgeber und Konzerne bestreikt.
Mir fiel auf, dass die Kühlmeter immer leerer werden. Zu Hause versuche ich herauszufinden, was los ist. Auf den Internetseiten von Ver.di erfahre ich, dass die Lagerarbeiterinnen und Lagerarbeiter im Großhandel mehr Lohn benötigen. Ein Streik ist etwas Schönes und Solidarisches. Gemeinsam für seine Arbeitnehmerrechte einzustehen, ist mutig. Hoffentlich können die Lohnforderungen mithilfe der Gewerkschaft durchgesetzt werden. Vor allem wünsche ich mir, dass Rewe die peinlichen Zettel abnimmt und durch neue ersetzt. Da muss stehen: "Diese Regale sind leer, weil die Menschen, die sie auffüllen, sich das Essen darin nicht mehr leisten können. Wir wünschen den Streikenden viel Erfolg!"
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22. September 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 38/2023
Tommi ist da. Der Handwerker. So wie er gesagt hatte, kam er nach exakt vier Wochen wieder, um die Fenster aufzuarbeiten, oder wie er es sagt: uffzumöbeln, wa!
Alles ist genauso, wie er es erklärte. Schleifen, vorstreichen, abspachteln, lackieren. In Tommis Sprache klingt natürlich alles viel fachmännischer: Rutsche mit Sauga, achzer Schleifpapier, Akkrüll, und dann schön mitn Rundpinsel - keen Klopper!! – vorsichtig Lack druff.
Er arbeitet gewissenhaft und sauber, sein Schwingschleifer mit eingebautem Staubsauger (der hat richtig Zuch druff!) verursacht kein Körnchen Staub.
Am Nachmittag, die Fenster sehen aus wie neu, bedanke ich mich und lobe, was das Zeug hält. Eigentlich, meint er, sei das alles kein Kunststück, ich hätte das auch gekonnt. Nicht doch, Herr Tommi, insistiere ich, ich bin doch keine Handwerkerin. Doch Tommi ist auf einmal richtig in Fahrt. Er packt alles wieder aus, die Maschinen, das Acryl, die Pinsel und so weiter, und erklärt und zeigt. Und wie er mit seiner Masterclass fertig ist und endlich Anstalten macht zu gehen, dreht er sich auf der Hausmatte noch einmal um und empowert mich ein letztes Mal: Ick gloob an Sie!
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15. September 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 37/2023
Lütfiye und ich sind in Dortmund. Wir lesen. In der ersten Reihe die Zuschauerin, die weint. Zwei Stunden lang fließt ihr die Verzweiflung übers Gesicht. Lütfi meint, die kommen meistens schon so an, das hat nichts mit uns zu tun. Nach der Lesung ist da noch der Lehrer. Er schreibe auch Gedichte, was wir machen, bestärke ihn, er werde kündigen. Nein, nicht doch, warne ich, dann endest du wie wir. Willst du noch mit fuffzich oder sechzich tingeln? Und jedesmal schenken sie dir zum Dank eine Tasse und einen Stift.
Der nächste Morgen, wie immer hat man eine Art Literaturhauskater. Der erste Zug fällt aus, der zweite fährt nur bis Hamm. Warten bis die richtige Fahrt losgeht. Neben dem Hauptbahnhof ist McDonalds, daneben Rewe to go und daneben Rossmann Express. Am ganzen Bahnhof können nur sechs Leute sitzen. Und die sitzen alle schon. Unter anderem so ‘ne richtige Kittelschürzenomma, die mich freundlich anlächelt und mit der Hand halb auf ihren Schenkel patscht: "Hier ist noch Platz. Kommste einfach mit dazu."
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8. September 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 36/2023
Pierre Boulez Saal. Daniel Barenboim dirigierte das West-Eastern Divan Orchestra. Sie spielten Mozarts letzte drei Symphonien, und ich grübelte die ganze Zeit, welche Worte müsste man nehmen, um diese Magie, diese fabelhafte Atmosphäre zu skizzieren? Barenboim, eigentlich eine überirdische Gestalt, alt und krank und würdevoll. Reduziert und minimalistisch in seinen Bewegungen. Keine Noten, er dirigierte auswendig. Eine ganze Weile stand er sehr bewegungslos und tippte mit dem Taktstock kurz hierhin und dorthin, fast ein wenig autoritär. Und dann, irgendwann ab der Mitte, war es, als kapitulierte er vor der Schönheit der Musik. Mozart, das muss man wissen, ist sein Leben. Auf einmal beugte er sich vor, ins Orchester, und es war, als rührte er mit den Armen weit ausholend die Töne um. Er zog Halbkreise über die Musiker, er hatte die Augen geschlossen. Seine Stimmung übertrug sich auf der Stelle ins Orchester. Hinten die beiden Hornisten wiegten synchron ihre Rücken. Ein Bläser hob und senkte die Sohle seines Lackschuhs auf und ab. Am Ende der zwei Stunden verbeugten sich die Musiker vor dem Publikum und voreinander und begannen sich gegenseitig zu umarmen. Klar, symbolisch gemeint, aber auch echt. Israeli und Palästinenser, das Publikum begriff und jubelte und stimmte zu.
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1. September 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 35/2023
Lütfi, sage ich, an deinem Grab werde ich die schönste Grabrede der Welt halten, das verspreche ich dir. Ich werde wehklagen: "Nankörler, jetzt ist sie tot, unsere Ingeborg Bachmann des Potts, aus ihrem Schlot flossen Verse der Wehmut, der Wahrheit und des formvollendeten Klamauks." Abi, unterbricht mich Lütfiye (sie nennt mich immer abi, also großer Bruder), an meinem Grab wird außer dir niemand stehen. Ach Quatsch!, sage ich, die ganze kleine Welt der Lyrik wird da sein und weinen. Abi, sagt Lütfi, ich bin Einzelgänger, ich hab’ kein Bock auf çevre, und du auch nicht. Niemand steht an unseren Gräbern. Wenn ich sterbe, kommst du?, frage ich, meine Nachbarn kommen auch, das weiß ich Hundertprozent. Sie verspricht, wenn ich bei der Bahn Frühbucherrabatt mit Sparpreis kombinieren kann, bin ich da. Und noch was, jetzt ist sie in Fahrt, nach meinem Tod, NICHTS VERSÖHNLICHES!! Sag einfach, schönen Gruß von Lütfiye Güzel, fickt euch alle. Lütfi, sage ich, eine Grabrede funktioniert nicht wie ein Talk unter Lebenden, es handelt sich um Erinnerungsprosa. Boah, sagt, Lütfiye, ich hab‘ jetzt schon genug von deinem Grabscheiß mit Abitur, mach nicht auf Literaturinstitut! Was wirst du denn zu meinem Tod Gehaltvolles beitragen, frage ich? Sie antwortet: Habt ihr sicher selber schon gemerkt, jetzt ist sie weg.
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25. August 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 34/2023
Zekiye abla überreicht mir die Weintrauben. Es sind sicher drei Kilo. Ganz kleine Früchte und sehr sauer. Sie fragt mich, ob ich wüsste, wie man aus den Früchten Essig machen könnte. Es ist fast Mitternacht, wir stehen am Rio-Reiser-Platz, gleich am Goldenen Hahn, wo die Opa-Punks damit beschäftigt sind, das Bierglas so zum Mund zu führen, dass sie möglichst wenig verschütten. Der erste Polizeieinsatz ist gerade beendet, das Polizeiauto fährt weg, da bahnt sich schon der zweite Polizeieinsatz an, und ein Krankenwagen will auch vorbei.
Ich klicke – wir stehen immer noch mitten auf dem Platz – ein YouTube-Video an, eine türkische Hausfrau erklärt, wie man koruk ekşisi macht, aber Zekiye abla schüttelt den Kopf. Die Hausfrau im Video verwendet Zucker und Essig, beyenmedim, sie ist unzufrieden, ich muss ein anderes Video anklicken. Der Platz ist laut, Touristen strömen ins Angry Chicken, Einheimische sitzen vor Möbel Kleinke, das jetzt ein Laden für Sternenstaub beseelte Yogisten ist und andere sich auf den Weg gemacht Habende und sich Suchende. Der Krankenwagen hat seine Sirene an und hupt, drüben aus dem SO 36 strömt etwas Nachtpublikum raus und verteilt sich wie Seerosen auf einem Teich über den Platz.
Frau Zekiye hat für den Trubel kein Auge. Wozu auch? Sie lebt hier seit den 1970er-Jahren. Das "Kraut und Rüben", den Bioladen der Frauenkooperative, kennt sie schon ewig, die Frauen, die das Hamam daneben betreiben, auch, die Buslinie M 29 ist wie ihr Privattaxi. Damit fährt sie zu ihrer Mutter oder ihrer Tochter oder ihrem Enkelkind.
Sie legt ihr Ohr in meine Hand mit dem Handy, so schlecht versteht sie die Anleitungen. Aus dem Polizeiauto neben uns steigen hektisch zwei Beamte aus, da sagt Frau Zekiye, die haben alle keine Ahnung mehr. Neulich habe sie auf YouTube gesehen, wie einer lahana turşusu mit Essig machte. Aber um Weißkraut einzulegen braucht man kaya tuzu. Sie habe sich einen Brocken aus der Türkei mitgebracht, aha, sage ich und frage: Kann man nicht normales Steinsalz nehmen? Zekiye abla schaut mich fassungslos an. Nimm auch den Beutel Birnen, sagt sie, ich habe sie für dich gepflückt. Dann schaut sie in die Kreuzberger Nacht, in das blinkende Neonlichterkettenspektakel mit seinem ganzen herrlichen Bordsteinpersonal und sagt, eine friedliche Nacht sei das. Wir küssen und verabschieden uns. Auf der anderen Seite des Platztes drehe ich mich um und schaue zurück. Da steht sie, meine liebe, alte Zekiye abla, und winkt nochmal, bevor sie sich umdreht und in ihren Hauseingang verschwindet.
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18. August 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 33/2023
Ick sach ma so, sagt der Handwerker, der sich für sieben Uhr angekündigt hatte und Punkt sieben da war, ick hab‘ schon schlimmeret jesehn. Er meint die Fenster, die dringend geschliffen und lackiert werden müssen.
Ick bin noch eener vonne alten Garde, sagt er. Wie alt wird er sein? Vielleicht Mitte zwanzig? Ick bin keener wo eenfach nur druff pinselt, erklärt er mir. Ditt wird richtig schön abjeschliffen, ick hab‘n Sauger anne Schleifmaschine, und dann kommt Preimer druff. Ditt trocknet, inner Zwischenzeit bin ick am annern Flügel. Aha, sage ich, und, hm-hmm.
Watt wern wa brauchen?, fragt er, um dann gleich die Antwort zu geben: Ick sach ma, janzen Tag wern wa schon brauchen. Gut, sage ich.
Ick heiß‘ übrigens Tommi, sagt er. Tommi, sage ich, alles klar. Wissense, sagt er, ick hab keene Laster, ick rooch nich, ich bleib die janze Zeit drin. Ick hab’ Kollegn, watt roochn die an so ‘nem Vormittag?, fragt er wieder rhetorisch und löst sofort auf: Ick sach ma fümmzwannig wern das sein. Ick trink ooch keen Kaffee.
Okay Tommi, sage ich, und denke, langsam fühlt es sich wie ein Date an. Ick bin‘n janz lieber, ick versteh ooch Spass. Da freue ich mich aber sehr Herr Tommi, sage ich, und weiß einfach nicht, wie ich hier akut Distanz aufbauen kann. Tommi will aber keine Distanz. Wenn watt is, sagt er, Sie können mich immer ansprechen.
Ich muss auf einmal wirklich schrecklich laut lachen. Er freut sich sehr und sagt, Sie sind eene vonne spaßigen Sorte, ick hab ditt gleich jesehen. Zum Abschied macht er eine grüßende Bewegung, indem er mit Zeige- und Mittelfinger an seine imaginäre Hutkrempe tippt. Wie jesacht, in vier Wochen sehn wa uns, wa? Jawohl, Tommi. Bis denne, wa? Ja, bis denne.
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11. August 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 32/2023
Bin in Brandenburg, wo die Adressen der Seegrundstücke wie Romantitel klingen, "Tornows Idyll" oder "Weg zum großen Fenster" oder der hier, klingt der nicht wie ein Krimi: "Amtmanns Weinberg". Eine Handvoll Leute teilen sich einen ganzen, großen See. Man kann zwar in den See, aber nicht um ihn herum. Nicht einmal die Seegrundstücksbesitzer mit ihren kleinen Häusern am Hang können zu Fuß am Ufer entlang einmal um den See spazieren. Ein Stück Welt, aufgeteilt als wäre es eine Schwarzwälder Kirschtorte.
Ich fuhr ins Nachbardorf, wo die Feuerwehr mit dem Spruch "Deine Heimat, Deine Zukunft" wirbt und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. auf öffentlichen Tafeln an das Leid der Deutschen kurz vor Kriegsende erinnert. Der Eisladen dort hatte geöffnet, aber bei Regen rühren sie morgens kein Eis zusammen, wie mir der Eismann erklärte. Ich solle noch ein Dorf weiterfahren, denn da sei "der Chinese", und dessen Eis sei gar nicht so übel. Dort angekommen, hatte "der Chinese", der möglicherweise ein Deutsch-Vietnamese war, gerade sein "Italienisches Eiscafé" eröffnet, direkt neben einer anderen Eisdiele.
Zurück auf dem Seegrundstück beobachtete ich am Hang gegenüber, wie "der Engländer" (so nennen sie ihn hier am See) sein schweres Gerät aus dem Schuppen holte und seinen japanisch anmutenden Garten mit igelstachelkurzem Rasen und penibel winzig gestutzten Bäumen mit maximaler Elektrizität um einen weiteren Millimeter zu kürzen versuchte. Und weil gerade Regenpause war, stiegen die Seebewohner entweder auf ihre Jet-Ski oder durchpflügten ganz traditionell mit ihren Motorbooten den See.
Die Säcke für die gelbe Tonne hängt man hier übrigens in die Bäume und der Postmann hält immer pünktlich um halb zwei drüben im Birkenhain im Wald sein Postauto an und beißt in seine Mittagsstulle. Weder steigt er dabei aus, noch öffnet er das Fenster. Berlin ist nur eine Stunde entfernt, ich habe längst aufgehört alles verstehen zu wollen und lasse den Zauber der brandenburgischen Hamptons zu.
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4. August 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 31/2023
Wenn man den Gedanken freien Lauf lässt, kriegt man es manchmal mit der Angst zu tun. Die Sorgen werden größer, die Befürchtungen blähen sich auf. Klar, es gibt Tricks, Medikamente, Übungen. Aber was auch immer man tut, die Angst wird vielleicht weniger – aber sie verschwindet nicht. Und dann, zufällig, ergattert man ein Stück Musik, im Laden, im Taxi, oder zu Hause im Radio, und vielleicht weil man sich mitschwingen ließ, fällt einem plötzlich ein, dass es auch alles anders kommen könnte. Diese Möglichkeit war einem in der Sackgasse des Kummers zuvor abhanden gekommen. Zurück in Zuversicht gehüllt, scheint einem das Schlimme nicht mehr unmöglich, aber unwahrscheinlich.
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28. Juli 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 30/2023
Vater sagt, denk daran, du musst die Uhren umstellen. Oder die Heizung abdrehen. Oder kaufe jetzt frischen Mais, jetzt ist er gut. Ich sage, du bist auf einem anderen Kontinent, es sollte dich nicht kümmern, ob der Mais gut oder schlecht ist. In deinem Kopf ist viel zu viel Hier und viel zu wenig Dort. Er versteht nicht. Ihr seid meine Kinder, sagt er, wenn ich morgens aufwache, muss ich wissen, ob ihr friert, ob es regnet, ob der Bus kam. Das verstehe ich, sage ich, du willst uns nahe sein, aber du verpasst dein Leben. Nein sagt er, ich verpasse das Leben, wenn ich nicht so denke. Dann sagt er, morgen fährt dein Geschwister von Nürnberg nach München. Er muss einmal umsteigen, weil auf der Strecke gebaut wird. Dann kann er sich etwas zu trinken holen und die Beine vertreten. Vielleicht muss man Papa sein, um das zu verstehen, und ja, ich weiß, es wird mir fehlen, wenn es eines Tages nicht mehr so ist. Noch ist es so.
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21. Juli 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 29/2023
Freundin schreibt: Morgen früh am Kotti, simit und çay? Tamam, antworte ich. Am nächsten Morgen, normalerweise gehe ich so früh nicht raus und schon gar nicht gehe ich frühstücken, weil warum?, sehe ich, wie die Geschäftsleute die Läden aufschließen, einer schüttet sogar einen Eimer Wasser über die Straße, und ich denke, das muss er nicht, das macht doch die BSR, die fegt, saugt und moppt die Straße in einem Wisch ("schliiiiip, schliiiip").
Am Kotti schlendert die Sonne den Horizont hinauf, das Gemüt heiter, Junkies dösen friedlich, und einfach so ist es ein guter Morgen. Çay tief und heiß, simit çıtır çıtır. Freundin plaudert wie ein Kanarienvogel. Ganze kotti bulvarı einfach nur Glanz und Glamour, wie Champs Élysées, aber ohne Paris, bien sûr, aber dafür mit Ay Yıldız Handy Shop und Grundsicherungs-Adel. Burhan Abi patrouliert bıyık zwirbelnd in fake Fendi über die Piazza vom Kotti Merkezi und vergleicht die Gemüsepreise.
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14. Juli 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 28/2023
Ich war çok ama çok berührt, als Vater anrief und mitteilte, dass Onkel Turhan immer noch lebt. Es war nämlich so: Cousine Leyla hatte, überorganisiert wie sie ist, das Essen für das Begräbnis für den nächsten Morgen bestellt, weil ihr die Ärzte gesagt hatten, es dauere allenfalls ein paar Stunden noch, keineswegs erlebe Onkel Turhan den Sonnenaufgang. Bei den Temperaturen bringen sie die Toten gar nicht erst in die Kühlkammern, sondern waschen und beerdigen sie sofort. Also saß die Trauergemeinde am nächsten Morgen unter dem großen Feigenbaum und aß Reis mit Huhn. Onkel Turhan gurgelte derweil aber noch an den Geräten. Das ist nun drei Wochen her und ganz Karlıova spricht vom Reis mit Huhn, dem ersten und einzigen Leichenschmaus ohne Leiche, und meine Cousine ist stocksauer, weil der Arzt, wie sie sagt, "nur Scheiße" erzählt habe.
Leyla hat im Krankenhaus rumgeschrien, wir nehmen den Vater mit, wir nehmen den derhal mit, der lebt sicher noch yüz yıl, also hundert Jahre, und wie sie an seinem Bett rüttelt und der Arzt sie aber aus dem Zimmer scheuchen will und die Krankenschwestern zur Hilfe eilen, um die sterbende Geisel zu befreien und meine hala auch noch kommt und rumschreit, fliegt Onkel Turhans Seele unbemerkt aus dem Zimmer, fliegt über den Feigenbaum hinauf in den Himmel, und ich schaue gerade aus dem Fenster raus, hier in Berlin, und sehe seine Seele an der Mercedes Benz Arena vorbeifliegen. Ich sage, Vater, leg auf, er hat es geschafft, Onkel Turhan macht gerade seine Abschiedsrunde, und Vater lacht und meint, ne işi var orada?, ist er Tourist oder tot?, und ich winke Onkel Turhan zu und flüstere: Du musst jetzt heim, die drehen sonst alle endgültig durch.
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7. Juli 2023 / Aus Zeit am Wochenende Ausgabe 27/2023