Industrie: Stahlbranche im Umbruch – Hoffnung auf neue Märkte
12. Januar 2026, 4:30 Uhr Quelle: dpa Niedersachsen

In Ilsenburg ist einer der größten Hersteller für Grobbleche in Deutschland. © Simon Kremer/dpa
Der Drache spuckt im Minutenrhythmus Feuer. Der Boden vibriert, es zischt. Dicker Rauch steigt auf und verliert sich im hohen Dunkel der Halle. Dann wieder ein Rumpeln, rotglühender Rauch, eine Hitzewelle. «Der Drache»: so nennen die Mitarbeiter in Ilsenburg den Walzturm für den Stahl. Und noch rumort der Drache unermüdlich. In dem kleinen Ort im Harz zeigt sich gut, welchen Einfluss Weltpolitik und internationale Konflikte ganz konkret für Unternehmen in Deutschland haben - im Negativen, aber auch im Positiven.
Die Ilsenburger Grobblech GmbH gehört zu Salzgitter und ist nach eigenen Angaben einer der größten Stahlblechhersteller in Deutschland. Die Probleme sind die gleichen, wie sie auch andere Branchen haben: Hohe Energiepreise, billige Konkurrenz aus dem Ausland. Das Jahr 2026 ist für das Unternehmen daher wichtig: Die Bundesregierung will einen günstigeren Industriestrompreis für energieintensive Branchen einführen. Und ab Mitte des Jahres sollen Handelsschutzinstrumente der EU hier ansässige Unternehmen besser vor Überkapazitäten auf dem Weltmark schützen. Produktionsleiter Felix Bothmann bringt es auf einen Nenner: «Deutschland ist auf diese Industrie angewiesen.»
Neue Investitionen führen zu neuen Produkten
Während in Ilsenburg glühend heiße Stahlbrammen über die Produktionsanlagen laufen und Bleche mit Wucht auf Maß gebracht werden, entscheidet sich die Zukunft der Stahlstandorte längst nicht nur in den Hallen, sondern auch in Kabinettsrunden, in Brüssel – und auf einem Weltmarkt, der längst zu viel Stahl kennt. Trotzdem setzen sie in Ilsenburg auf die Zukunft.
«Wir stehen zum Standort in Ilsenburg», sagt Standortleiter Thorsten Gintaut. Seit 2021 verfüge das Unternehmen über eine der leistungsstärksten Anlagen für die Wärmebehandlung. Rund 250 Millionen Euro seien dafür investiert worden. Dazu komme: «Wir haben hier in Ilsenburg schon immer ein breit gefächertes Produktportfolio.» Im Stahl heißt das: nicht alles auf eine Karte setzen.
Stahl in Windtürmen, Industrieanlagen und Panzern
Die wichtigste Karte bleibt, trotz aller geopolitischen Verschiebungen, die Windindustrie. Viele der langen Türme von Windkraftanlagen - sei es an Land oder auf hoher See - wurden mit Stahl aus Ilsenburg gebaut. Dazu kommen Druckbehälter etwa für LNG-Terminals, Schiffsbau und Stahl für Bagger, Lastwagen und Bergbaumaschinen, wie sie überall auf der Welt eingesetzt werden. Rund 8.000 Aufträge gebe es pro Jahr. Und seit einiger Zeit ist ein neuer Bereich dazu gekommen.
«Wir wollen das Thema Sicherheitsstahl auch nicht kleinreden», sagt Standortleiter Gintaut. «Bis 2024 war unsere Defense-Produktion nicht von nennenswerter Größe.» Auch jetzt mache sie nur einen kleinen Teil der gesamten Produktionsmenge aus. Aber im vergangenen Jahr bekam das Unternehmen eine Zulassung der Bundeswehr für speziellen Sicherheitsstahl. Weitere Zertifizierungen seien in der Prüfung. Damit reagiert das Unternehmen auf den steigenden Bedarf im Sicherheits- und Verteidigungsbereich. Das kann Sicherheitsstahl für Geldtransporter sein - aber auch für Panzer. «Vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Lage ist es wichtig, lokale Versorgung sicherzustellen», sagt Gintaut. «Da leisten wir unseren Beitrag.»
Stahlproduktion geht in Deutschland seit Jahren zurück
Denn an den Sicherheitsstahl werden andere Anforderungen gestellt als etwa im Schiffbau oder bei Maschinen im Bergbau. «Der Stahl darf sich verformen, aber er darf nicht versagen», erklärt Produktionsleiter Felix Bothmann. In der Produktionsanlage zeigt sich, was das heißt: auf langen Förderrollen werden die schon gewalzten Bleche auf 900 Grad erwärmt. Dann werden sie schnell und zischend auf Zimmertemperatur abgeschreckt. «Dadurch bekommt der Stahl seine besondere Härte.»
Doch während der Drache im Harz läuft und faucht, stöhnt die Branche. Das Wirtschaftsministerium in Sachsen-Anhalt spricht von einer «sehr herausfordernden» Lage: Schwache Nachfrage in wichtigen Abnehmerbranchen wie der Autoindustrie, massive Überkapazitäten auf dem Weltmarkt, hohe Energiepreise – und der enorme Druck, auf CO₂-neutrale Produktion umzubauen. Im Rohstahlbereich waren die Produktionsrückgänge im vergangenen Jahr erneut drastisch, wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl mitteilt. Mehr als neun Prozent sind es im Vergleich zum Vorjahr. Zum vierten Mal in Folge werde die Produktionsgrenze von 40 Millionen Tonnen nicht erreicht - das Niveau einer auskömmlichen Auslastung.
Neue Impulse durch Stahlgipfel im Kanzleramt
Beim Stahlgipfel im Kanzleramt Anfang November sprach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) von einer «existenzbedrohenden Krise». Die Reaktionen auf den Gipfel fielen entsprechend aus: Salzgitter-Vorstand und Stahlverbandspräsident Gunnar Groebler sprach von einem gemeinsamen Verständnis, das Industrie und Regierung erreicht hätten. Andere aus der Branche forderten Tempo – und aus Ländern mit Stahlstandorten kam der Druck, Berlin müsse nun zügig liefern.
In Ilsenburg ist die Berliner und Brüsseler Politik weit weg - und beeinflusst doch viel. Standortleiter Gintaut beschreibt die Strategie mit einem Satz: «Wir fokussieren uns auf Nischen, um konkurrenzfähig zu sein.» Denn auch die Nischen seien immer noch riesig. Neben der Industrie ist das in Zukunft auch das Militär.
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