Kommentar zur Lage im Iran: Ein Regime am Abgrund
Irans Führung droht Demonstranten, sie blockiert Kommunikationswege und lässt Gewalt anwenden. Das Regime fühlt sich von den Protesten in die Enge getrieben, meint Uwe Lueb. Und dennoch: Fallen wird es vorerst nicht.

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Stand: 11.01.2026 17:52 Uhr
Irans Führung droht Demonstranten, sie blockiert Kommunikationswege und lässt Gewalt anwenden. Das Regime fühlt sich von den Protesten in die Enge getrieben. Und dennoch: Fallen wird es vorerst nicht.
Fällt das Regime im Iran dieses Mal? Diese Frage steht am Anfang fast jedes Gesprächs über die aktuelle Situation in dem Land. Noch weiß das niemand. Doch wie sehr es sich in die Enge getrieben fühlt, zeigen die Reaktionen des Regimes: Seit Tagen sind Internet und Telefonleitungen abgestellt. Regierende, die den Menschen den Zugang zu Information nehmen und sich zugleich von Beobachtern abschotten, dürften kaum Gutes im Schilde führen. Ihnen geht es offenbar vor allem um den Schutz ihrer selbst.
Trotz Internetsperre sickern Berichte über die Lage im Land durch. Ihr Wahrheitsgehalt lässt sich kaum überprüfen. Doch wäre alles nicht wahr - warum dann eine Blockade der Kommunikationswege?
Der Inhalt einiger Berichte lässt erschaudern: Leichen liegen in Hallen. Männer und Frauen gehen von Bahre zu Bahre auf der Suche nach ihren Angehörigen. In einigen Kliniken wird es Ärzten angeblich verboten, sich um Verwundete zu kümmern. Stattdessen sollten sie Anzeige bei den Behörden erstatten, die die Verletzten abholten. Dazu kursieren Zahlen von Toten, von Hunderten Opfern sprechen Menschenrechtsorganisationen.
Hoffnungslosigkeit treibt Menschen auf die Straße
Und doch machen die Menschen bislang weiter. Trotz der Drohung des Regimes, wer demonstriere, werde womöglich als Feind Gottes angesehen. Im Iran kann das mit dem Tod bestraft werden. Was die Menschen dennoch auf die Straßen treibt, ist die tief sitzende Hoffnungslosigkeit, dieses Regime könne noch etwas zum Besseren wenden.
Zusätzlich ruft Reza II., Sohn des 1979 vertriebenen Schahs, zu Streiks auf und dazu, Innenstädte zu besetzen. Möglicherweise ist er eine Gallionsfigur in diesen Protesten, wenngleich die Schah-Anhänger vermutlich nicht in der Mehrheit sind. Aber die vielschichtige Opposition braucht so eine Figur.
Eine mögliche US-Intervention birgt Risiken
Mut machen den Demonstrierenden womöglich auch die Drohungen von US-Präsident Donald Trump, im Iran einzugreifen. Doch das birgt Risiken. Was, wenn sich nach einem militärischen Schlag mehr als nur die Günstlinge des Regimes mit der Regierung solidarisieren? Was, wenn das Regime - wie angedroht - zu Gegenschlägen auf US-Militärbasen in der Region ausholt? Was, wenn der Iran nach einem möglichen Aus des Regimes ins Chaos stürzt?
In den USA stellt man sich offenbar genau diese Fragen. Es gebe noch keine Vorbereitungen auf einen militärischen Schlag, heißt es von Regierungsbeamten. Ob der Druck der Straße allein stark genug werden kann, das Regime zu besiegen, ist fraglich. So sehr es sich viele Menschen im Iran wünschen: Vorerst fällt das Regime nicht.
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