SOURCE:Zeit Online|BY:DIE ZEIT: Reisen - Christoph Amend, Jochen Bittner, Sascha Chaimowicz, Florian Eichel, Sara Geisler, Johannes Gernert, Martin Hogger, Anna-Elisa Jakob, Johanna Jürgens, Anna Kemper, Marlene Knobloch, Alexander Krex, Elke Michel, Yassin Musharbash, Lena Niethammer, Friederike Oertel, Charlotte Parnack, Oskar Piegsa, Cornelius Pollmer, Hanno Rauterberg, Stella Schalamon, Stefan Schmitt, Christof Siemes, Mark Spörrle, Luisa Thomé, Jens Tönnesmann, Christian Vooren, Urs Willmann, Merten Worthmann
Oben im Himalaya oder unten bei den Feuerfischen, bei der Sonnenfinsternis oder den Eisbären: Redakteurinnen und Redakteure der ZEIT erzählen, wo es sie 2026 hinzieht.
Es ist schwer, darüber hinwegzukommen, wenn eine große Liebe auseinandergeht; manchmal hilft nichts, nur Abstand. Bordeaux und ich, wir haben uns bis heute nicht wiedergesehen, dabei liegt die Trennung 22 Jahre zurück; dabei habe ich es mit anderen versucht, Paris, Nizza, München. Habe mir gesagt: Unsere Beziehung spielte in einem anderen Leben. Ich war Studentin, auch Bordeaux noch ganz offen und durcheinander, die Tram wurde gebaut. Aber war es nicht schön? Die Garonne, die Altstadt, das Helle, der Wein, der Atlantik. Langsam finde ich: Es war jetzt genug Abstand. Also, im Sommer besuche ich Bordeaux. Und ich denke, wir werden gut miteinander sein und mild und noch leise spüren, dass wir mal ein glückliches Paar waren. Charlotte Parnack
Feuerfische fangen
Also angenommen, es wäre machbar (finanziell, und die Familie hätte auch keine Einwände): Dann weiß ich genau, wie mein Traumurlaub 2026 aussähe – zehn Tage in der Karibik, um zu tauchen, und beim Tauchen zugleich etwas Sinnvolles zu tun, nämlich Feuerfische fangen (na ja, seien wir ehrlich: harpunieren). Diese Fische sind die Ratten der Ozeane, sie zerstören die Fauna in den Riffen. In Belize, Honduras, Aruba, überall in der Region sind sie ein Riesenproblem. Es gibt dort sogar Wettbewerbe zu ihrer Beseitigung. Ich helfe gern. Ich brauche kein Luxushotel, ich nehme eine Holzhütte. Ich will kein Frühstücksbuffet, mir reicht Nescafe aus der Blechtasse. Dann gehe ich zum Meer: tauchen und jagen. Abends gebe ich meine Feuerfische bei einem Koch ab, der mir was Leckeres draus brät (wegen Gräten nicht trivial, aber das Ergebnis soll gut sein). Danach ein Rum-basiertes Getränk und ein gutes Buch. Und wieder von vorn. 2025 war anstrengend. Dieser Urlaub würde helfen. Yassin Musharbash
Oben am Grat stehen
Manchmal sind die eindrucksvollsten Orte die, an denen man scheitert. 2006 standen meine Frau und ich in den Lechtaler Alpen in Tirol auf 2.400 Meter Höhe am Falmedonjoch vor einer Warntafel. Auf dem Weg sei "besondere bergsteigerische Erfahrung" erforderlich, "selbst bei guten Verhältnissen". Ein Foto davon haben wir in unser Urlaubsalbum geklebt, daneben ein Foto vom Blick über das Joch hinweg in die Tiefe – Richtung Frederick-Simms-Hütte, unser damaliges Ziel. Wir haben es nie erreicht, sondern sind umgekehrt. Und das war ein gutes Gefühl. 20 Jahre später würde ich sehr gerne noch mal hin. Nicht zur Frederick-Simms-Hütte, die man von Stockach aus durch das Sulzltal viel leichter erwandern kann. Nein: Ich möchte einmal mehr oben am Grat stehen, in den Talkessel starren, die Holzgauer Wetterspitze bestaunen, den aus der steilen Rinne hochwehenden kalten Wind spüren, mit dem Gedanken spielen, es dieses Mal zu wagen – und dann erleichtert umkehren, in Richtung Kaisers zum Edelweißhaus. Kaiserschmarrn essen und mich freuen, dass wir einmal mehr überlebt haben.
Nach Mallorca fährt man, um die Sonne zu sehen. Ich fahre dorthin, um sie nicht zu sehen. Vor ein paar Jahren konnte ich kaum Sterne von Planeten unterscheiden. Gesteinsplaneten, Gasriesen, das war was für Nerds. Dann entdeckte mein Sohn das Universum und ich das Planetarium in Berlin, wo man wunderbar am Wochenende in weichen Liegesesseln wegdösen kann. Ein bisschen Wissen blieb aber hängen, und so habe ich zum ersten Mal in meinem Leben schon jetzt im Herbst den Sommerurlaub gebucht: Mallorca, denn von dort aus ist am 12. August eine totale Sonnenfinsternis am besten zu beobachten. Wir sehen uns, Nerds! Anna Kemper
Die Kürbisse am Meer
Wenn ich daran denke, welche Reise lebensverändernd war, fällt mir immer sofort Japan ein. Diese feine Kultur, so viel feiner (und eleganter) als die eigene! Und dann die zwei Kunstinseln Naoshima und Teshima, die Fahrt dorthin von Tokio mit dem Shinkansen, dann die Fähre, das Ankommen und Staunen über die Architektur von Tadao Ando, die Kürbisse von Yayoi Kusama am Strand, die Seerosen vor dem Museum, das gebaut wurde, um die Seerosen von Claude Monet zu zeigen. Die Spaziergänge durch all die Land-Art, die überall zu sehen ist. Ist das ein Basketballplatz? Ja, und es ist auch ein Kunstwerk, mit dem man spielen kann. Seit der Zeit in Japan, auf den Inseln und in Tokio, das viel stiller war, als ich es erwartet hatte, träume ich immer wieder davon, ein zweites Mal dorthin zu reisen. Im neuen Jahr soll es endlich so weit sein. Christoph Amend
Mehr Freiheit geht nicht
Die Drakensberg Grand Traverse ist kein Wanderweg, sondern die Summe aller Möglichkeiten. Zwischen Südafrika und Lesotho, mehr als 200 Kilometer, mehrere Tausend Höhenmeter, über zig Gipfel. Start und Ziel sind festgelegt, dazwischen: Grasland, Hochland, Geröll. Kein festgelegter Weg, keine Hinweisschilder, nur die eigene Orientierung und ein deftig schwerer Rucksack. Es gibt auf dem Trail keine Hütten, keine Restaurants, keine Geschäfte. Nichts für Sonntagswanderer, aber wer’s sportlich mag: Mehr Freiheit geht nicht. Christian Vooren
Kontrollverlustig in den Rhein
Die vielen anderen hier tun es ja auch, ziehen sich aus mitten in der Stadt, packen ihre Sachen in große, luftdichte Plastiksäcke, schnallen sie ans Handgelenk und ja, steigen damit in den mächtigen Strom. Eben noch urbane, jetzt fluide Menschen. Warum also nicht ich? Vielleicht weil der Rhein hier in Basel doch recht eigenartig riecht, flussig halt und also ungewohnt. Ich mag Seen, mag das Meer, so ein Fluss aber, der vor sich hinschwappt, kühl und unheimlich? Hier zu baden, heißt, sich zu ergeben. Sich forttragen, fortreißen zu lassen. Kann ich das? Will ich das? Es braucht einen Ruck, es braucht die drängelnde Tochter, die längst bis zur Hüfte im Wasser steht. Dann sinke ich ein, ich schwimme im Fluss und der Fluss schwimmt mich, greift nach mir mit seinen Strudeln, zieht mich quer durchs schöne Basel, eilig, eilig entlang der Büro- und Kirchtürme, der stolzen Bürgerhäuser. Und es ist die schönste Form von Kontrollverlust, die sich denken lässt, triefend, anstrengungslos, bestens gekühlt. Im vorigen Sommer war’s. Im nächsten will ich das wieder. Hanno Rauterberg
Der Kopf so weit wie die Tundra
Europas letzte Wildnis – das klingt verheißungsvoll. Seit Jahren träume ich davon, einmal den Kungsleden zu gehen, Schwedens berühmten Fernwanderweg. 442 Kilometer Einsamkeit, Berge, Holzstege und Seen, die aussehen wie frisch polierte Münzen. Ich sehe mich durch arktische Landschaften stapfen, vorbei an Rentieren und knorrigen Birken, den See Teusajaure mit einem Ruderboot überqueren und abends in eine Hütte treten, in der ein Ofen knackt, während draußen der Wind über die Tundra fährt. Beim Wandern denke ich erst an alles und irgendwann an gar nichts mehr – dann ist mein Kopf so leer und weit wie die Wiesen um mich herum. Friederike Oertel
Der Blick von oben
Als ich ungefähr 18 Jahre alt war, fuhr ich mit meinem Freund T. im Golf seiner Eltern nach Italien. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Campingplatz zum ersten Mal den Geruch von Pinien atmete. Und wie Amanda Herzlos von Jurek Becker anschließend seltsame Piña-Colada-Wellen hatte. Vor allem aber erinnere ich mich daran, wie wir ankamen. Es dämmerte gerade, und vor uns lagen plötzlich das Meer und der Hafen von La Spezia. Obwohl diese Ankunft bisher sicher zu den Top-50-Momenten meines Lebens zählt, hatte ich La Spezia als keine besonders schöne Stadt in Erinnerung. Ich weiß jetzt aber, dass das nicht stimmt. Im vergangenen Sommer hupte ich mich dort mitsamt Familie einen serpentinenreichen Berg hinauf, Kehre für Kehre. Und als wir in dem agriturismo oben angekommen waren, die letzte steile Kehre kostete unseren Hinterreifen einigen Abrieb, wusste ich, dass es kaum einen schöneren Ort als La Spezia gibt. Man muss nur abends von seiner eigenen Terrasse auf den Hafen der Stadt hinabgucken oder vom Infinitypool aus. Am nächsten Tag kann man dann auch weiter. Obwohl: Vielleicht sollten wir in diesem Sommer sogar zwei Nächte da oben am Berg bleiben. Johannes Gernert
Ebenen ohne Ende
Es mag an meiner Herkunft liegen (flachstes Berlin), dass mich Städte faszinieren, in denen sich nicht nur Bauwerke erheben, sondern der Erdboden selbst. Die auf hügeligem Terrain liegen, an Berghängen hinaufkriechen, deren Straßen steil abfallen. In Zentralchina gibt es eine Stadt, die sich in Sachen Profil über die Maßen profiliert hat: Chongqing, auch 3D-Stadt genannt. Sie wurde ins Gebirge geklotzt und hat mancherorts so viele Ebenen, dass selbst Einheimische durcheinanderkommen. Da liegt der schöne Stadtplatz mal eben auf Höhe der 22. Stockwerke umstehender Hochhäuser. Ich liebe Städte – auch das wahrscheinlich ein Herkunftsschaden –, in denen man sich gehörig verlaufen kann, lasse mir aber auch gern erklären, dass man einen echten Chongqinger daran erkennt, dass ihm vollkommen schnuppe ist, auf welchem Level er gerade unterwegs ist. Alexander Krex
Eisblumen sicher, Eisbären optional
Alle hatten mich gewarnt. Wer einmal dort ist, will wieder hin. Sie nennen es das **Spitzbergen-**Fieber. Ich will wieder hin. Will die weißen Berge vor dem rosa-hellblauen Himmel sehen. Die Rentiere, die im Schnee scharren. Die Eisblumen auf meinen Wimpern. Will Zimtschnecken im Strickcafé essen und mit dem Schneemobil zur nächsten Bucht fahren, anhalten, das Gewehr bereit haben wegen der Eisbären, und die lauteste Stille hören. Es ist der schönste Ort der Welt, den ich am liebsten verstecken würde vor ihr. Auch vor mir. Aber das Fieber. Stella Schalamon
Das hellblaue Haus am Strand
Ich will zurück nach Spanish Wells, auf diese klitzekleine Insel, die zu den Bahamas gehört, auf der es keine Autos gibt und auch keine Sorgen. Ich will dort in das Haus unseres Freundes Wolf, das hellblaue, direkt am Wasser, und es nie abschließen, weil auf Spanish Wells eh niemand etwas stiehlt. Tagsüber will ich die Insel mit dem Boot umrunden, die Füße im türkisfarbenen Wasser. Abends will ich ein wenig auf der Inselspezialität herumkauen, einem Salat aus zähen Seeschnecken, dann Rum trinken. Ich will wie die Einwohner mit einem Golfkart rumdüsen und jeden, der mir entgegenkommt, mit dem linken Zeigefinger grüßen. Vielleicht will ich kurz den Inselkünstler besuchen, der nur Zitronenbilder malt, und dann in einer der Strandbars versacken, um dort bis zum Morgengrauen den Geschichten zu lauschen über all jene, die nur nach Spanish Wells gezogen sind, um dort ihr schmutziges Geld vor dem FBI zu verstecken. Lena Niethammer
29 Kilometer Fußweg bis zum Pub
Wahrscheinlich ist es die längste Kneipentour der Welt, und man bewältigt sie zum Großteil nüchtern: Von der Siedlung Kinloch Hourn wandert man 29 Kilometer durch schönste Schottlandwildnisromantik, um das Pub The Old Forge zu erreichen. Keine Straßen führen dorthin, er liegt so einsam, dass die Wanderung auf so mancher Bucketlist steht. Betrieben wird der Pub von den rund 130 Einwohnern des Dörfchens Inverie, denen er gemeinschaftlich gehört. Wenn ich müde und schmutzig ankomme, brauche ich als Erstes Fish & Chips. Dazu Cider, weil ich kein Bier mag, gefolgt von einem Whisky. Danach kann ich den Gedanken an den Rückweg ganz gut verdrängen. Sowie die Tatsache, dass ich auch eine elf Kilometer lange Fährfahrt vom Dorf Mallaig hierher hätte machen können, und wieder zurück – eine Möglichkeit, die jetzt leider flachfällt: Mallaig liegt zweieinhalb Stunden Fahrt entfernt von Kinloch Hourn, wo man als Wanderer sein Auto abstellt. Elke Michel
Dieser Fluss lebt wieder
Wir leben in hoffnungslosen Zeiten. Die Zukunft ist vielerorts nur noch als Wiederkehr der Vergangenheit denkbar oder als Weltuntergang oder beides. Es gibt jedoch einen Ort, an dem positive Zukunftsbilder entstehen: das Ruhrgebiet. Steile These, ich weiß, aber ich werde sie im Sommerurlaub überprüfen. Auf einer Radtour entlang der Emscher, von der Quelle aus Richtung Westen, vorbei an Castrop-Rauxel, Gelsenkirchen und Bottrop, bis zur Rheinmündung nach 83 Kilometern. Lange war dieser Fluss einbetoniert und der Abflusskanal von Zechen und Fabriken. Baden ausgeschlossen. Doch seit den Achtzigern läuft die Renaturierung, es wurden Milliarden investiert, um den Fluss wieder grün und lebendig zu machen. Inzwischen ist die Emscher frei von Abwasser, nun hofft man auf die Rückkehr der Fische und Vögel. Die Radtour durchs Ruhrgebiet lohnt sich im kommenden Sommer doppelt, denn dann ist dort die Manifesta zu Gast, ein europäisches Kunstfestival, das keine Museen bespielen wird, sondern leer stehende Kirchen. Neues Leben in den Ruinen unserer Welt! Oskar Piegsa
Alles so schön unaufgeräumt
Ich war schon einmal auf Sizilien, habe hochgeschaut zum ruhig vor sich hin paffenden Ätna, habe von den Rängen des Amphitheaters in Taormina hinabgeschaut auf die Bucht von Naxos und habe mich an der außerweltlich schimmernden Felsenküste der Scala dei Turchi berauscht. Aber dann war plötzlich nicht mehr genug Zeit, um es auch noch bis nach Palermo zu schaffen. Und diese Lücke, diese empfindliche Lücke muss nun einmal geschlossen werden. Nicht etwa der Vollständigkeit halber. Sondern weil ich weiß, dass mich diese Stadt in ihrer Mischung aus Pracht und Räudigkeit, mit ihren irren Palazzi, den lässigen Bewohnern, ihrem leicht orientalischen Aroma und ihrer großartigen Unaufgeräumtheit umhauen wird. Ich gebe zu, ich habe große Erwartungen. Sie werden bestimmt nicht enttäuscht. Merten Worthmann
Das Chalet der großen Träume
Ich habe einen Traum, seit vielen Jahren, und um Weihnachten 2026 herum wird er in Erfüllung gehen. Wir alle fahren ein paar Tage in ein verboten luxuriöses Chalet in den Bergen, schneesichere Lage bei Verbier in der Schweiz mit atemberaubendem Blick übers Rhonetal. Wir alle, das sind die Familie samt Hund, ein paar liebe Verwandte und Freunde. Einziger Programmpunkt: Zeit. Zeit für sich, Zeit für andere. Zeit für Gespräche, zu denen wir sonst nie kommen, zum Lesen, zum Entspannen, zum gemeinsamen Kochen, während das Feuer im Kamin knistert. Und wenn uns das Kochen zu stressig wird, kommt ein Koch und zaubert das Abendessen. In meiner Vorstellung, es ist ja ein Traum, sind dann auch die dabei, die mittlerweile fehlen, an die man aber noch viele Fragen hätte, die Eltern und Schwiegereltern. Und Ski fahren könnten wir natürlich auch. Aber vielleicht haben wir dafür dann gar keine Zeit. Mark Spörrle
Wo ist hier das Ende der Welt?
Irgendwo muss man ja anfangen, wenn man nach dem Ende der Welt sucht. Auf den ersten Blick mag Kapstadt zwar nicht wie der geeignetste Ort wirken, um mit der Fahndung zu beginnen. Die buntscheckigen Häuser, die belebten Straßen und dann erst der südafrikanische Wein, der nicht nach Einöde und Einsamkeit, sondern nach Geselligkeit schmeckt – das fühlt sich doch eher wie ein Nabel der Welt an. Aber unweit der Stadt ragt eine Landspitze so stolz ins Meer, als markiere sie zumindest das Ende des afrikanischen Kontinents: das Kap der Guten Hoffnung. Ehedem durften Seemänner hier optimistisch feststellen, dem Ziel ihrer europäisch-indischen Überfahrten ein gutes Stück näher gekommen zu sein. Ich hingegen hoffe, hier ein wenig Abstand zur restlichen Welt zu finden. Florian Eichel
Wie Älterwerden Spaß macht
Man schaut auf seychellenhaft schimmerndes Wasser, isst frischen Fisch, verbeugt sich voreinander und trägt das Leben mit Fassung. So hatte ich mir Okinawa vorgestellt, diese Inselgruppe in Japans Süden, auf der angeblich die meisten Hundertjährigen leben. Bis ich in Tokio ein Izakaya namens Okinawa betrat. Schon an der Türschwelle scharfer Alkoholdunst, stockbesoffene Gäste fielen mir entgegen. An der Bar saß ein älterer Mann aus Okinawa neben einer großen Flasche, aus der er sich immer wieder einschenkte. Den restlichen Abend nahm er mir meine westliche Idee, mit ein paar Algen und Sport könnte man sich ein langes Leben "verdienen". Ich bin mir bis heute nicht sicher, was genau die "Okinawa-Diät" ist. Habe aber jetzt noch größere Lust, an den Stränden von Okinawa ein bisschen älter zu werden. Marlene Knobloch
Umzingelt von Bilderbuchbergen
In unserer Familie gibt es ein Zauberwort, das klingt wie eine Beschwörungsformel von Petrosilius Zwackelmann, dem Magier aus Räuber Hotzenplotz. Es heißt: Praxmar. In meinem Hirn vermischen sich da ein zünftiges "Pack ma’s" mit einem hexischen X, es handelt sich aber um ein Bergdorf im Lüsenstal, nur eine halbe Stunde von Innsbruck und doch total entlegen auf 1.700 Meter Höhe. Dort hat meine Frau glückliche Kindheitsurlaube verbracht, winters skifahrend, sommers wandernd. Die wenigen Skilifte sind längst abgebaut, also planen wir unsere sentimental journey für den Juli. Umzingelt von Bilderbuchbergen kann man hier in alle Richtungen ausschreiten, bis die Socken qualmen, vorbei an der 600 Jahre alten Zirbe, einer Murmeltierkolonie oder über die Horntal-Hängebrücke, zünftige Hütten mit Knödeln und Kaiserschmarrn immer in Reichweite. Unsere Königsetappe soll auf den Zischgeles führen: Noch so ein Zauberwort; mit diesem könnte man sich vielleicht Limonade herbeiwünschen. Es bezeichnet aber Praxmars Hausberg, und auf dem, stolze 3.004 Meter hoch, hat meine Frau schon als Achtjährige gestanden. Mal sehen, ob wir es ein paar Jahrzehnte später noch so hoch hinauf bringen werden. Christof Siemes