Die Wikipedia feiert 25. Geburtstag. Die Philosophin und Wikipedia-Insiderin Sabria David erklärt, was sich in polarisierten Zeiten von der Enzyklopädie lernen lässt.
Die Wikipedia feiert 25. Geburtstag. Die Philosophin und Wikipedia-Insiderin Sabria David erklärt, was sich in polarisierten Zeiten von der Enzyklopädie lernen lässt.
11. Januar 2026, 17:11 Uhr
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Am 15. Januar ist es genau 25 Jahre her, dass die Wikipedia an den Start ging. Heute ist die Online-Enzyklopädie aus dem Netznicht mehrwegzudenken. Dennoch geriet sie zuletzt unter Beschuss von Rechtspopulisten. Wie Wikipedia es schafft, in Zeiten der Polarisierung dennoch dem Neutralitätsgebot zu folgen, erklärt Sabria David unter anderem am Beispiel des Schokoladen-Okapis. David saß lange im Präsidium der Wikimedia Deutschland und beschäftigt sich als Digitalphilosophin mit Fragen der digitalen Transformation.
DIE ZEIT: Frau David, der allererste Wikipedia-Eintrag klang ganz freundlich und unaufgeregt: "Hello, World!" hatte einer der Gründer, Jimmy Wales, auf die Startseite geschrieben – sonst stand da erst mal nichts. Werden Sie wehmütig, wenn Sie an jene Zeit zurückdenken?
Sabria David: Es waren aufregende und optimistische Jahre. Wikipedia war ursprünglich als fun project angekündigt, als experimenteller Spaß neben dem eigentlichen Hauptprojekt Nupedia, an dem Wales und sein Team damals arbeiteten. Dabei handelte es sich um eine Online-Enzyklopädie mit langwierigem akademischem Begutachtungsprozess. Doch während Nupedia bald stagnierte, entwickelte Wikipedia rasend schnell eine Eigendynamik. Rückblickend würde ich sagen: Wikipedia war ein riesiges, wertvolles Geschenk an die Menschheit – wie überhaupt das ganze Internet.
ZEIT: Ein Geschenk?
David: Zum Beispiel das www und das http, das Hypertextprotokoll, das wir vor alle Internetseiten setzen: Der britische Informatiker Tim Berners-Lee entwickelte es 1989 am Cern im Genf. Das ist der bekannteste Anwendungsfall von Open-Source-Software: Alle können es gratis verwenden und weiterentwickeln. Ohne http und www wäre das Internet, wie wir es heute kennen, nicht denkbar. Sein Erfinder hätte es mit einer Lizenz belegen und damit sehr reich werden können. Doch Berners-Lee sagte: "This is for everyone". Ohne diese Entscheidung hätten wir jetzt einzelne Wissenssilos: für Universitäten, Regierungen, Unternehmen. Dass weltweit jeder mit jedem ohne Hürden in Kontakt treten kann, ist ein Geschenk, mit dem wir verantwortungsvoll umgehen müssen. Mehr noch: ein Geschenk, dessen wir uns würdig erweisen müssen.
ZEIT: Würde und Verantwortung, man merkt, dass Sie sich nicht als Technik-Expertin mit dem Internet befassen, sondern als Digitalphilosophin, wie Sie sich nennen.
David: Ich schaue auf die soziokulturellen und ethischen Rahmenbedingungen, innerhalb derer Digitalisierung stattfindet. Ursprünglich bin ich Sprachwissenschaftlerin, aber da ist auch die Medientheorie, die Philosophie, Gesellschaftspsychologie, Arbeitsmedizin, Kulturwissenschaft, Wirtschaftsethik: Der digitale Wandel hält sich nicht an Disziplingrenzen. Ich lehre digitale Transformation und Ethik, mit den Studierenden übe ich kritisches Denken im digitalen Raum: Wer entscheidet? Wer macht, ändert oder bestimmt über diese Regeln?
ZEIT: Wikipedia ist ein vitales Beispiel für das sogenannte Web 2.0, das Mitmachinternet, das in den frühen 2000er-Jahren erblühte. Sind wir zu sorglos damit umgegangen?
David: Das freie Netz, wie wir es kennen und schätzen gelernt haben, ist durch die Monetarisierung des digitalen Raums zunehmend bedroht. Auf der einen Seite haben wir offene Systeme, den Gedanken von Teilhabe, transparenten Aushandlungsprozessen und gemeinsam geschaffenes Wissen. Auf der anderen Seite gibt es den Versuch von großen Konzernen, geschlossene Systeme zu etablieren, Grenzen hochzuziehen, Zugänge nur noch in bestimmten Systemschranken zu erlauben. Die Angriffe, die Wikipedia erlebt, stehen prototypisch für vieles, was gerade passiert. Und zwar nicht nur im digitalen Raum, sondern auch in der analogen Welt, in der Wirtschaft und in der Demokratie.
ZEIT: In der Tat ähneln die Angriffe auf Wikipedia denen, die auch vielen Medien entgegenschallen: "Lügenpresse", "linksideologisch verseucht", Elon Musk verunglimpft Wikipedia etwa beharrlich als "Wokepedia". Vor einigen Wochen ist er mit einer eigenen Gegen-Enzyklopädie an den Start gegangen: Grokipedia. Haben Sie sich das mal angesehen?
David: Ja, natürlich. Das Erste, was mir daran auffällt: Elon Musk hat wirklich ein Faible für düstere Farben. Twitter ist ja, als es unter Musk zu X wurde, ebenfalls schwarz geworden. Ansonsten wüsste ich keinen Kontext, in dem ich Grokipedia nutzen könnte.
ZEIT: Bei Grokipedia gibt es auch einen Artikel zu Wikipedia, darin heißt es, Letztere sei "von ideologischer Voreingenommenheit" sowie einer "linkslastigen Tendenz in der politischen Berichterstattung" dominiert. Was entgegnen Sie als Wikipedia-Insiderin auf solche Anwürfe?
David: Niemand dominiert die Inhalte von Wikipedia. Jeder, der dort etwas liest, kann auch etwas hineinschreiben – sofern man das mit Quellen belegen kann. Was dann folgt, ist ein kollektiver Formulierungsprozess. Die Zahl der Stammautorinnen und -autoren, die sich um die Verifizierung der Inhalte kümmern – übrigens alles Freiwillige – liegt hierzulande bei rund 5.000 Personen. Dabei gilt absolute Transparenz. Alle Lesenden können bei jedem Artikel auf Diskussion gehen, da ist en détail nachzulesen, wie die Community sich im Hintergrund über ein Thema austauscht, wie und warum Artikel korrigiert oder ergänzt werden. Jedes Komma ist dort in der Versionshistorie nachvollziehbar. Glaubwürdigkeit, Transparenz, das Ringen um einen neutralen Standpunkt, unterlegt von Belegen und Quellen: Das sind die wesentlichen Säulen von Wikipedia.
Ich trauere immer noch ein bisschen dem Schokoladen-Okapi hinterher.
Sabria David
ZEIT: Was bedeutet das konkret?
David: Es kann nicht jeder einfach irgendetwas ungeprüft dort ablassen. Wikipedia ist eine Tertiärquelle, alles, was du da reinschreibst, musst du durch eine valide, seriöse Sekundärquelle belegen können. Da ist der Wikipedia-Standard wirklich sehr streng – und das prägt auch das Selbstbild der Mitwirkenden. Wenn da also etwas dominiert, dann ist es das strikt enzyklopädische Ethos.
ZEIT: Können Sie dieses Ethos etwas näher erläutern?
David: Die Wikipedia-Mitwirkenden sehen sich in der Tradition der Aufklärung – orientiert an den Positionen, wie sie etwa die französischen Enzyklopädisten Diderot und D‘Alembert im 18. Jahrhundert vertreten haben. Die heilige Kuh ist dabei der neutrale Standpunkt, wonach enzyklopädisches Wissen eben möglichst neutral sein sollte. Es gibt in der Wikipedia-Autorschaft oft Meinungsunterschiede, etwa was die Relevanz von Themen oder unterschiedliche Einschätzungen von Fakten angeht. Ein enzyklopädischer Artikel muss alle Positionen hinreichend benennen – ohne zu urteilen, ob diese Ansicht richtig ist und jene falsch.
ZEIT: Wie sieht das ganz praktisch aus?
David: Es geht darum, auch widerstreitende Standpunkte in den Artikeln abzubilden. Jede Position sollte begründet sein, und dafür werden schriftliche Quellen als Belege herangezogen, wissenschaftliche Studien oder seriös recherchierte Medienberichte genannt. Die eine findet also eher dies wichtig, der andere eher das, dann geht das hin und her, bis eine Version da ist, bei der alle sagen können: Ja, jetzt ist auch meine Perspektive hinreichend berücksichtigt. Manchmal kommt dabei etwas heraus, was man sich persönlich nicht unbedingt wünscht, aber so ist es eben. Ich zum Beispiel trauere immer noch ein bisschen dem Schokoladen-Okapi hinterher.
ZEIT: Dem Schokoladen-Okapi?
David: Das Okapi ist eine hübsche Kurzhalsgiraffe mit Beinen, die aussehen wie Ringelstrümpfe. Ursprünglich stand im deutschen Wikipedia-Artikel: "Das Okapi trägt ein schokoladenfarbenes Fell." Ich erwähnte das einmal bei einem Wiki-Stammtisch, die anwesenden Wikipedianer fingen sofort an zu debattieren: "Schokoladenfarben? Das ist doch kein enzyklopädischer Begriff! Oder doch?" Die Mehrheit befand: Das ist zu blumig, zu subjektiv, nicht neutral genug. "Und es ist keine eindeutige Farbe", sagte einer, es gebe schließlich Milchschokolade und Bitterschokolade, völlig unterschiedliche Töne. Jetzt ist bei Wikipedia ganz nüchtern von "rötlich-braunem bis schwarzem" Okapi-Fell die Rede. Persönlich habe ich das zwar bedauert, aber letztlich war das ein beruhigender Vorgang. Die aufklärerischen Qualitäts- und Glaubwürdigkeitsstandards, das Neutralitätsgebot ist bei der Wikipedia-Community stark ausgeprägt.