US-Griff nach Grönland: Europas Scheu vor einer starken Antwort
Die USA gehen bei Grönland auf Konfrontation mit ihren europäischen Partnern. NATO und EU setzen auf eine diplomatische Reaktion. Experten sagen: Sie könnten auch anders. Von Sabrina Fritz.

Stand: 09.01.2026 21:34 Uhr
Die USA gehen bei Grönland auf Konfrontation mit ihren europäischen Partnern. NATO und EU setzen auf eine diplomatische Reaktion. Experten sagen: Sie könnten auch anders.
Übernahme, Kauf, Referendum: Die USA haben verschiedene Versionen für eine Eingliederung Grönlands in ihr Staatsgebiet formuliert**.** Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet sogar von einer Summe, die jeder Grönländer bekommen solle, wenn er sich in einer Abstimmung für die Zugehörigkeit zu den USA ausspricht: Zwischen 10.000 und 100.000 Dollar seien im Gespräch.
Unabhängig davon, was an solchen Gerüchten dran ist und wie weit etwaige Überlegungen in den USA schon gediehen sind - in der EU und in der NATO hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Donald Trump meint es ernst.
Rutte sieht gemeinsame Möglichkeiten
Der US-Präsident argumentiert dabei stets mit der nationalen Sicherheit und der Bedrohung, die von der wachsenden Präsenz russischer und chinesischer Schiffe in der Arktis ausgehe. NATO-Chef Mark Rutte sagte in einem Interview dieser Woche:
Sehr wichtig ist: Die USA haben ja bereits ein Abkommen mit den Dänen seit 1951, und für Dänemark wäre es total okay, wenn die Amerikaner ihre Präsenz in Grönland erhöhen würden. Das zeigt, dass wir zur selben Einschätzung kommen und sicherstellen, dass die Arktis sicher bleibt.
Der NATO-Chef ist bekannt dafür, im Umgang mit Trump auf eine Umarmungsstrategie zu setzen. Kritische Worte Richtung Washington werden von ihm nicht zu hören sein. Bei einem Besuch im Weißen Haus vor wenigen Monaten erklärte er sogar noch auf die Grönlandfrage: "Ich möchte da nicht die NATO hineinziehen."
Ungewohnte Konfrontation
Tatsächlich ist der Fall, dass ein NATO-Land das andere überfällt, in den Statuten nicht vorgesehen. Der Feind kommt immer von außen. Für den Fall eines Konflikts innerhalb des Bündnisses gibt es diverse Gremien, in denen diese gelöst werden können.
Auch Guntram Wolff vom Bruegel-Thinktank in Brüssel sieht die Verteidigung der Arktis gegen Russland und China nicht als das eigentliche Problem - das könnten die USA gemeinsam im Gespräch mit Dänemark lösen. Im ARD-Europapodcast PunktEU vermutet er andere Motive des US-Präsidenten: "Vielleicht geht es dem US-Präsidenten auch um Eitelkeiten, vielleicht will er als der Präsident in die Geschichte eingehen, der die USA um ein großes Stück erweitert hat", so der Wirtschaftswissenschaftler.
"Das Gesetz ist stärker als die Gewalt"
Für die Europäer ist die Lage jedenfalls alles andere als einfach. Während Dänemark und Spanien die Übernahmefantasien des US-Präsidenten verurteilen und der spanische Regierungschef Pedro Sanchez sogar von einem "Verbrechen" sprach, schlägt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei der Übergabe der Ratspräsidentschaft diese Woche an Zypern leisere Töne an.
Unsere Gemeinschaft ist nicht perfekt, aber sie ist ein Versprechen, dass das Gesetz stärker ist als die Gewalt. Unsere Prinzipien gelten nicht nur für die EU, sondern auch für Grönland.
Grönland, das ein selbstverwalteter Teil des Königreichs Dänemark ist, gehört zu den mit der EU assoziierten überseeischen Ländern und Gebieten der EU-Mitgliedstaaten.
Auch die EU hat Interessen in der Arktis
Die EU hat auch eigene starke Interessen in der Arktis. Seit 2024 gibt es ein EU-Büro in Grönland, seit 2021 eine ganze Arktis-Strategie. Diese beinhaltet eine stärkere Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energien, bei der Weltraumüberwachung und bei den Auswirkungen des Klimawandels.
Außerdem schlummern in Grönland viele kritische Rohstoffe, die die EU dringend für ihre Wettbewerbsfähigkeit braucht. Diese Kooperation wäre ungleich schwieriger, wenn die USA das alleinige Sagen in der Arktis hätten. Neben allen rechtlichen und rhetorischen Zumutungen aus den USA geht es also auch um handfeste Interessen in der Region.
Trumps erprobtes Muster
Trump agiert dabei nach dem bewährten Muster maximale Aufregung, maximaler Verhandlungserfolg - wie schon bei der Drohung, aus der NATO auszutreten, um die Partner dazu zu bringen, ihre Verteidigungsausgaben auf fünf Prozent zu erhöhen. Die überragende militärische Bedeutung der USA für die NATO erhöht den Druck auf die Europäer.
Diese könnten dennoch mehr tun, als nur einen Unterstützerbrief für Grönland zu schreiben. Guntram Wolff plädiert dafür, die US-Botschafter in den großen EU-Hauptstädten einzuberufen oder die schnelle EU-Eingreiftruppe zu aktivieren und nach Grönland zu schicken.
Was die USA riskieren
Auch Stefanie Babst, ehemaliges Mitglied des NATO-Planungsstabs, glaubt, dass reine Solidaritätsbekundungen "an der Hybris des Weißen Hauses abprallen" würden. Dabei könnten - und müssten - die Europäer auf die Bestrebungen der USA eine "fundamentale" Antwort geben. Denn, sagte Babst in den tagesthemen, auch die USA wollten etwas von Europa:
Die Amerikaner möchten auch weiterhin ihre Truppen auf unserem Kontinent stationieren, sie möchten, dass wir ihre Waffen kaufen, sie möchten, dass wir ihre Technologie kaufen.
Es sei keinesfalls so, dass die Europäer keine Hebel hätten, um den USA deutlich zu machen: "Damit ist jetzt Schluss."
Doch von solchen Maßnahmen gegen die USA ist in Brüssel nichts zu hören.
